Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die interessanteste Mine im Senegal sieht eigentlich aus wie ein Baggersee. Ein sehr großer Baggersee. Inmitten einer Dünenlandschaft, etwa 100 Kilometer nördlich der Hauptstadt Dakar, klafft ein etwa drei Hektar großes Loch, bis zur Grundwasserlinie gefüllt mit Wasser. An den Rändern erheben sich steile Sandwände und auf der Wasseroberfläche schwimmen zwei außerirdisch aussehende Inseln aus Stahlt.

Neben mir auf der Abbruchkante steht Tony, ein australischer Bergbauingineur im gehobenen Alter, wie ich mit Warnweste, Helm und Sicherheitsschuhen ausgestattet. „Der See,“ erklärt er „ist sieben Meter tief, damit die beiden Module nicht auf Grund laufen. Das vordere ist eigentlich nur eine große Wasserspritze und ein Staubsauger, der den Sand unterhalb der Wasserlinie aufsaugt. Das Gemisch wird dann zur zweiten Insel transportiert und dort ein erstes Mal gereinigt. Durch Zentrifugalkraft trennen wir dann die mineralhaltigen Sande vom Rest.“

In dem Grand Côte genannten Projekt geht es nämlich nicht um Gold, Edelsteine, Kupfer oder Eisen. Nein, hier wurden etwa 700 Millionen Dollar buchstäblich in den Sand gesetzt, um an unscheinbare schwarze Schlieren in den Dünen zu kommen, ein Cocktail aus mehreren Mineralien. Die wichtigsten beiden sind Zirkon und Ilmenit. Zirkon wird etwa zur Herstellung von Keramik eingestzt und Ilmenit ist das wichtigste Titanium-Erz.

Eigentlich sei das Projekt mehr ein Industrieunternehmen, als ein Bergbaubetrieb, davon ist Bruno Delanoue, der Direktor des australischen Unternehmens, das Grand Côte betreibt, überzeugt. Zusammen sind wir um 6:45 Uhr früh in Dakar aufgebrochen, um die Mine zu besuchen. Auf der Fahrt erzählt mir Bruno aus seinem recht bewegten Leben. Seit etwa zwei Jahrzehnten arbeitet er im afrikanischen Bergbausektor, vor allem Goldminen hat er in so illustren Ländern wie Mali, Kongo Brazzaville und Kongo Kinshasa betreut. Anders als in der Goldproduktion sei die Gewinnung von Mineralsanden aber ein rein physikalischer Prozess. Giftige Chemikalien, wie das auch in der Goldmine in Sabodala eingesetzte Zyanid, brauche man in Grand Côte nicht.

Tatsächlich sehe ich in dem Fabrikkomplex, in dem die Sande raffiniert werden, jedem Menge Magneten, Rütteltische, und Spiralen, die wie geschrumpfte Wasserrutschen in Vergnügungparks aussehen. In jedem Schritt werden hier Korngrößen sortiert und die einzelnen Mineralien entsprechend ihrer spezifischen Masse isoliert. Am Ende landet das Material in zwei Tonnen schweren Säcken, wird auf Güterzüge verladen und von Dakar aus nach Europa und die USA zur weiteren Verarbeitung verschifft.

Im Betrieb ist das Unternehmen dabei praktisch komplett autark. Benötigt werden vor allem Wasser und Strom, beides wird vor Ort aus eigenen Bohrlöchern und einem eigenen Kraftwerk erzeugt. „Geeignetes Personal gab es hier im Senegal überhaupt keines,“ erklärt mir der Leiter der Personalabteilung. Darum bilde man jeden Mitarbeiter von der Pike auf selber aus.

Gesamtwirtschaftlich betrachtet ist das vermutlich auch der größte positive Effekt des Projektes für den Senegal. Die für Grand Côte geschaffene Infrastruktur, das Kraftwerk, die Bohrlöcher, die Eisenbahnlinie, sind für die Bevölkerung nicht zugänglich, auch wenn es Pläne gibt das den umliegenden Bauern Wasser zur Verfügung gestellt werden soll und man überschüssigen Strom an die nationale Energiebehörde liefern will. Einzig die Zufahrtsstraßen bieten echte Vorteile für die örtliche Bevölkerung, da diese frei mitgenutzt werden können.

Aber praktisch jeder, mit dem ich mich innerhalb und außerhalb der Firma unterhalte, ist begeistert von dem Ausbildungsprogramm. Vom etwa 900 Mitarbeitern im Senegal haben derzeit 92 Prozent die senegalesische Staatsbürgerschaft und ihr Anteil soll in den nächsten Jahren noch mal um mindestens 3 Prozent gesteigert werden. Grand Côte bildet, in Kooperation mit einer staatlichen Behörde, erheblich mehr Leute aus als für den eigenen Betrieb benötigt und sorgt damit für die dringend benötigte fachliche Qualifikation junger Menschen. Das geschieht nach den Aussagen von verschiedenen Interviewpartnern in erheblich größerem Maßstab als in allen anderen Bergbauprojekten im Senegal.

Insgesamt ist mein Eindruck von dem Projekt positiv und viel besser, als was ich von den restlichen Bergbauaktivitäten im Land gesehen habe. Auch hier gibt es natürlich Probleme: Menschen müssen umgesiedelt werden, Natur wird zerstört. Und zwar nicht zu knapp. Zwar ist die Dünenlandschaft nur dünn besiedelt, aber über die nächsten 20 Jahre wird sich der Sandstaubsauger durch einen bis zu zwei Kilometer breiten und 80 Kilometer langen Streifen entlang der Küste fressen. Insgesamt scheint die Firma aber daran interessiert und auch recht erfolgreich die lokalen negativen Konsequenzen auf akzeptablem Niveau zu halten.

Trotzdem stellt Grand Côte keinesfalls die Zukunft der senegalesischen Wirtschaft dar. Laut Bruno wird der Staat zwar hervorragend an dem Projekt verdienen. Andere Experten streuen aber ein wenig Salz in diese Suppe. Zu Investorfreundlich sei die Minengesetzgebung und zu ineffizient und falsch priorisiert die Verwaltung, als das mit dem Geld ein großer wirtschaftlicher Umschwung angestoßen werden könnte. Und Pläne, die in Grand Côte gewonnen Rohstoffe in eine größere inländische Wertschöpfungskette einzubinden gibt es auch keine.

Grand Côte ist kein „Gamechanger“. Aber es ist ein hervorragendes Beispiel dafür, dass es vielversprechende Projekte auch im Bergbau gibt. Die müssen aber immer intelligent in einen gesamtwirtschaftlichen Kontext eingebunden werden, um ihr maximales Potenzial ausschöpfen zu können.

Archive