Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Alle Einwohner von Segovia hängen direkt oder indirekt am Tropf des Goldes. Von den circa 50.000 Einwohnern arbeiten 12.000 direkt in den über 120 Minen, die sich teilweise mitten in der Stadt befinden. Der Rest reinigt das Gold, verkauft es, oder ist in anderer Form am Gewinn beteiligt.

„Wenn es gut läuft, machen wir hier manchmal über 500 Euro die Woche, wenn es schlecht läuft, kommt Monate lang nichts“, erzählt Jesús, der bei einer größeren Mine auf Provision arbeitet. Momentan läuft es für gut ihn. Die Minenarbeiter sind in circa 200 Meter Tiefe auf gutes Material gestoßen. Im Moment schleppen sie im Akkord Säcke mit über 50 Kilogramm auf dem Rücken aus der Mine.

Schleppen

Lächeln mit 50 Kilogramm auf dem Rücken.

Erfolge werden gefeiert, so sind dem Nachtleben in Segovia keine Grenzen gesetzt: Es gibt Alkohol in rauen Mengen, die Musik läuft bis am frühen Morgen und in etlichen Bordellen investieren die glücklichen Goldgräber ihren schnellen Gewinn in ein kurzes Vergnügen. „Die Männer arbeiten hier sehr hart und können genauso gut feiern“, sagt Claudia, die in meinem Hotel arbeitet. „Aber viele Familien leiden sehr unter dieser Mentalität, denn am nächsten Tag ist nichts mehr von dem Geld da und die Teller sind wieder leer.“

Virgen de la Carmen

Virgen del Carmen – die Schutzheilige der Minenarbeiter

Doch das größte Problem der Stadt ist die starke Umweltbelastung durch das Waschen des Goldes. Der Einsatz von Quecksilber ist immer noch massiv, laut nationalen Studien gelten die Flüsse rund um Segovia als stark verunreinigt. „Wir haben das Problem mit dem Quecksilber erkannt, und wir arbeiten deshalb viel sauberer als früher“, erzählt Hildardo, der eine der insgesamt 80 Waschanlagen in Segovia betreibt. Um es zu beweisen, zeigt er auf den grünen Hinterhof seines Kleinunternehmens.

Hildardo

Hildardo: „Haben das Problem mit dem Quecksilber erkannt“

Auch wegen der Umweltverschmutzung hat sich die Politik die kleinen Minenarbeiter als Feind auserkoren. Da die meisten von ihnen ohne jegliche Schürflizenz arbeiten, wird der Druck auf sie immer größer. „Ich musste in den letzten Jahren rund 150 kleine Minen schließen. Dabei sind bestimmt 6000 Menschen arbeitslos geworden“, sagt Adonis, der Verantwortliche für Bergbau und Umweltschutz in Segovia. Seine Lage ist ihm äußerst unangenehm. „Die Minenarbeiter haben mich gewählt und nun muss ich die nationale Politik umsetzen.“

Jesús

Jesús: „Wir sind keine Kriminellen“

Doch außer Gesetzesvorgaben ist vom kolumbianischen Staat in Segovia wenig zu sehen. Vielmehr sind es kriminelle Banden und die Guerilla, die hier noch immer das Sagen haben. Jedes Unternehmen in Segovia zahlt Schutzgeld: „Wer nicht zahlt, der wird ermordet“, sagt Adonis. Deshalb werden die kleinen Minenarbeiter im nationalen Diskurs auch gerne als Unterstützer der Guerilla bezeichnet. „Niemand zahlt hier freiwillig. Wir werden erpresst. Nur weil wir am Leben hängen, sind wir noch lange keine Kriminellen“ sagt Jesús. Er liebt seinen Job. Am Anfang hat auch er noch das schnelle Geld in einer Nacht verpulvert. „Aber irgendwann wird man Erwachsen“, sagt er lächelnd. Durch die Einnahmen aus dem Gold hat er sich schon ein eigenes Haus und eine Eigentumswohnung in Segovia leisten können. „Die Lotterie des Lebens hat es gut mit mir gemeint.“

Ausbeute

Ausbeute des Tages – ein Klumpen Gold

Archive