Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Als der kleine Junge über das ausgeblichene Foto streicht, auf dem seine Eltern ernst in die Kamera starren, und leise „Papa“ murmelt, fängt der Übersetzer an zu weinen. Minutenlang, bis sich eine ältere Frau zu ihm rüber lehnt und ihm beschwichtigend über den Arm streichelt. „Schsch“, flüstert sie, er solle nicht weinen, bitte nicht weinen. Neben ihr haben ihre Verwandten den Blick abgewandt, starren auf dem Boden oder in die Ferne. Dann gibt sich der Übersetzer einen Ruck, schnieft ein letztes Mal in sein feuchtes, zerknülltes Taschentuch und wendet sich dem kleinen Jungen zu, der die ganze Zeit auf das Foto guckt: „Wo ist dein Papa jetzt?“ Der Junge überlegt und kaut auf seiner Lippe: „Tot. Papa ist tot.“

 

Tot: Zusammen mit seiner Frau Shama war Shahzad Masih von einem Mob geschlagen, gefoltert und dann zu einem Lehmofen gezerrt. Auf dem staubigroten Podest aus Lehmsteinen, auf dem normalerweise Ziegelsteine gebrannt werden, jubelte der Mob, fünf, vielleicht sogar 600 Menschen, so erzählen es die Verwandten in einem Nachbardorf, als die beiden auf die brandheißen Steine geworfen wurden: Denn die Mutter des Vierjährigen, eine Christin, soll, so der Vorwurf, ein paar Blätter des Korans verbrannt haben, als sie das Zimmer ihres verstorbenen Schwiegervaters aufräumte: Blasphemie also. Eine Lüge sagt ihr Bruder: Ein Racheakt für einen Streit um drei Tage Arbeit, den ein Cousin mit einem Muslim hatte, nichts weiter. Trotzdem: Ein Vorwurf, der in Pakistan lebensgefährlich sein kann.

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Wie in Kot Radha Kishan, eine Autostunde von Lahore entfernt, inmitten von Raps- und Weizenfeldern: Die Frau, sagt der Schwiegerbruder, habe noch gelebt, als sie zum Lehmofen gezerrt wurde. „Sie hat versucht, wegzurennen, gefleht. Aber sie haben Benzin auf sie gegossen und sie angezündet.“ Das, sagt er leise, habe er von seiner kleinen Lehmhütte aus beobachtet, voller Angst, dass er und seine Familie die nächsten sein könnten. „Ich konnte nichts tun, um sie zu retten“, sagt er und starrt auf seine Hände: Nichts. Genau wie sein Bruder und seine Frau hat er in dem Lehmofen gearbeitet,  an den er und die anderen durch ihre Schuldknechtschaft gebunden waren. Stunden später, als die Polizei den Mob vertrieben und hunderte Menschen festgenommen hatte, habe er sich wieder aus seinem Haus getraut. Er breitet die Hände aus. „Da waren nur noch ein paar Stofffetzen, Asche und Knochenreste. Mehr nicht.“ Der Übersetzer schluckt.

 

Heute liegen auf dem Ofen frische Blumensträuße und abgebrannte Kerzen. Besucher haben auf dem Schornstein mit roter und weißer Farbe Nachrichten hinterlassen: „Ihr seid Märtyrer“ oder „Ruhet in Frieden“, und: „Wir werden euch nicht vergessen.“ Die kleinen Lehmhütten der Arbeiter sind verlassen, Töpfe und Teller liegen auf dem Boden, an den Wänden hängt ausgeblichene Wäsche: Das Dorf und der Lehmofen sind seit dem Vorfall abgesperrt, zwei Polizisten sitzen im Schatten auf einer Liege und trinken Tee. Aus ihrem winzigen Radio schallen blecherne Bollywood-Schlager über das Dorf. Ein mit Zuckerrohr beladener Ochsenkarren rollt langsam über die staubige Straße und verschwindet im Nachmittagsdunst.

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Nebenan erntet eine Frau Reis, das ausgeblichene Blau ihrer Kurta ein bunter Fleck im staubiggelben Feld. Nein, sie schüttelt den Kopf, sie selbst sei nicht dabei gewesen, als das Paar getötet wurde: „Unser Herr hat gesagt, dass wir das Lehmwerk nicht verlassen dürfen.“ Sie arbeitet in einem benachbarten Ziegelofen, sagt sie. Aber sie habe gehört, dass etwas passiert sei, dass sich die Menschen versammelt hätten. „Ich habe gedacht: Die armen Menschen.“ Und sie habe Angst gehabt: Wenn Christen nicht sicher seien, warum sollten es dann Muslime wie sie sein?

 

Ein Polizist gießt Tee in einen Blechbecher und schüttelt den Kopf: „Das ist grausam, grotesk, was sie hier gemacht haben!“ Er selbst wisse nicht genau, was passiert sei, ob die Frau tatsächlich Blasphemie begangen habe. „Aber selbst wenn, dann muss das ein Gericht entscheiden, nicht die Masse.“ Sein Kollege nickt ernst und nippt an seinem Tee. Blasphemie in Pakistan ist strafbar mit lebenslänglicher Haft, sogar Todesstrafe, auch wenn diese in den vergangenen Jahren nicht durchgeführt worden ist. Lynch-Justiz wird von allen Seiten kategorisch abgelehnt und verurteilt. Fast jeden Tag kämen Gruppen zu dem Ofen, um zu beten, erzählt der Polizist: Viele Christen, aber auch Muslime und Menschenrechtler.

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Heute hängen in dem Dorf überall große, bunte Transparente, die für Toleranz und Verständnis werben: Man habe sie nach dem Ereignis aufgehängt, sagen die Verwandten. „Aber bringen wird das doch alles nichts“, sagt der Onkel. Er habe Angst, verlasse das Haus nur, um beim Gerichtsprozess als Zeuge aufzutreten. Danach, wenn alles vorbei sei, will die Familie das Dorf verlassen. „Hier sind wir nicht sicher“. Seine Brüder nicken, ihr Neffe, der jetzt Waise ist, starrt weiter auf das Photo seiner Eltern. Ob er sie vermisse? Er nickt, stumm.

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