Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Alejandro Arias empfängt mich im obersten Stockwerk des höchsten Gebäudes in Rodadero, ein beliebter Urlaubsort für kolumbianische Touristen. Er ist hier Zuhause und hat mich zum Frühstück eingeladen. Der Blick von seinem Balkon ist atemberaubend. Unter mir glitzert das blaue Meer, umrandet von den grün bewachsenen Ausläufern der Bergkette der Sierra Nevada. Arias zeigt auf den weißen Strand, an dem sich um acht Uhr morgens schon etliche Urlauber sonnen und baden. „Wenn Du genau hinschaust, siehst Du, dass die Wellen schwarze Körnchen aufwirbeln“, sagt er und gestikuliert dabei mit den Händen. Tatsächlich bildet sich entlang der lang gezogenen Bucht ein schwarzer Kranz. „Das ist ganz feiner Kohlestaub, der Wind treibt ihn vom Hafen zu uns rüber.“

Rodadero

Die Bucht von Rodadero (im Hintergrund die Verladeschiffe)

Von seinem Balkon sieht man in der Ferne bereits die großen Transportschiffe, die darauf warten, kolumbianische Kohle nach Europa zu verschiffen. Denn nur knapp 15 Kilometer von Rodadero entfernt liegt der Hafen von zwei großen internationalen Kohlekonzernen. „Die Verschmutzung ist eine Schande! Und der Gouverneur hat in seiner Amtszeit nicht einmal etwas dazu gesagt. Die stecken alle unter einer Decke.“

Alejandro Arias versteht sich selbst als „Journalista-Activista“ – er recherchiert, schreibt und klagt an. Er ist gelernter Rechtsanwalt und seit knapp 20 Jahren auch Journalist. Sein Fokus sind umweltpolitische Themen, Korruption und die Rechte der indigenen Gemeinden in den Bergen der Sierra Nevada. Keine einfachen Themen – wie viele andere investigative Journalisten in Kolumbien, erhält Arias regelmäßige Drohungen. Auch einen Leibwächter hat er immer dabei.

Letztes Jahr erhielt er einen der renommiertesten Journalistenpreise Kolumbiens, den „Premio Bolivar“. Arias hatte Fotos veröffentlicht, auf denen ein sinkendes Verladungsschiff, eine sogenannte Barkasse, im Hafen eines amerikanischen Kohlekonzerns zu sehen war. Bis zu seinen Fotos hatte der Konzern stets bestritten, dass bei der Verklappung Kohle ins Meer gelangt. Nach der Veröffentlichung seiner Fotos stand der Hafen erst mal still – die Regierung verbot die offene Verschiffung mit Barkassen auf See und der Konzern musste seine Anlage modernisieren. Heute wird die Kohle über lange, überdeckte Transportbänder auf das Meer transportiert. Über einen Schlauch gelangt sie dann auf die großen Transportschiffe.

Cienaga

Der alte Verladehafen (vorne) ist stillgelegt

Für Arias nicht genug. Er sucht weiter nach Beweisen, dass die Unternehmen seine Heimat verschmutzen. „Aktuell ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die regionale Umweltbehörde. Wir haben festgestellt, dass viele der Messgeräte manipuliert waren und nur deshalb eine gute Luftqualität bescheinigten.“ Mit seiner Recherche will er erreichen, dass das Departement Magdalena neue Belastungstests durchführt. „Ich arbeite mit Universitäten zusammen und die bestätigen eindeutig, dass der Kohlestaub hier in der Luft hängt.“ Arias vermutet, dass die Regierung des Departements den Konzernen nahesteht und dementsprechende Anweisungen gegeben hat. „Das sind alles Komplizen“, sagt Arias während er eine Zigarette ausdrückt.

Grund für die fortbestehende Kohlebelastung sei die offene Lagerung der Kohle im Hafen und der offene Transport auf Zügen. „Es sterben hier regelmäßig Menschen. Sie sind noch anonym, aber wir wollen nachweisen, dass es mit dem Kohlestaub in der Luft zusammenhängt.“ Dafür arbeitet Arias mit erkrankten Arbeitern der Kohlekonzerne zusammen und interviewt die Anwohner entlang der Zuglinie. Die Berichte und Interviews reicht er dann an die regionalen Institutionen weiter und macht Druck. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum sich diese Konzerne hier so verantwortungslos verhalten, die machen sich über uns lustig.“

Alejandro Arias

Alejandro Arias

Dass Deutschland immer noch so viel Kohle aus Kolumbien importiert, lässt für ihn nur den Schluss zu, dass es bei uns eine Doppelmoral gibt. „Ihr habt doch diesen umweltpolitischen Diskurs in Deutschland. Aber jedes Mal, wenn ihr Eure Heizung anmacht, sterben hier Menschen. Euer Luxus kostet Menschenleben.“

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