Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ich fühle, wie Schweiß meinen Rücken herunterläuft. Und presse mich noch etwas mehr an die untere Etage der riesigen Bühnenkonstruktion, in deren Schatten ich versuche, der brennenden Sonne zu entkommen. Aus den Lautsprechern über mir dröhnt die Stimme des Priesters in ohrenbetäubender Lautstärke. Ich kann hier nicht weg, die Menschenmenge um mich herum ist undurchdringlich. Sechstausend Menschen, höre ich später, stehen hier seit acht Uhr morgens auf dem Pelourinho-Platz, auf dem der Priester der Kirche Nossa Senhora do Rosário dos Pretos die Messe feiert. Sechstausend Menschen singen mit voller Inbrunst, beten, schwitzen, recken die Hände in die Luft. Es ist der Tag der heiligen Barbara. Und der Tag von Iansã, der Candomblé-Göttin, die im brasilianischen Synkretismus mit Santa Barbara assoziiert wird.

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„Ich bin gekommen, um der heiligen Barbara zu danken“, sagt Daniela de Souza Macedo, im Eingang der Kirche. Sie hat eine rote Rose gekauft, bei einem der unzähligen Händler in der Seitenstraße, und sie am Fuß der Heiligenstatue abgelegt. Daniela trägt ein T-Shirt mit dem Bild der heiligen Barbara, auf dem Arm hält sie ihre einjährige Tochter, Maria Antonia – rotes Kleidchen, passendes Stirnband. „Vor genau einem Jahr lag ich im Krankenhaus, nach einem Not-Kaiserschnitt. Mein Baby und ich wären fast gestorben. Meine Schwägerin hat die heilige Barbara um Hilfe angerufen. Heute bin ich gekommen, um ihr zu danken.“ Ein paar Meter weiter steht die Rentnerin Maria Auxiliadora in der Schlange vor der Heiligenstatue. Sie trägt eine große Sonnenbrille, hinter der sie Tränen der Rührung versteckt, und auf dem Arm einen großen Strauß roter Rosen, noch in Plastik verpackt. „Ich danke heute sowohl Iansã als auch der heiligen Barbara. Iansã ist mein Orixá, sie bestimmt über meinen Ori, meinen Kopf. Aber ich verehre auch die heilige Barbara.“

Der vierte Dezember ist einer der synkretistischen Feiertage, die in Bahia die größten Menschenmengen mobilisieren. Schon am Vortag werden die Straßen, die die Prozession mit dem Bild der Heiligen entlanglaufen wird, mit roten und weißen Fähnchen geschmückt. Rot und weiß sind auch die Gläubigen gekleidet, der ganze Platz leuchtet in diesen Farben. Die Messe, die der Priester hier feiert, ist pure katholische Liturgie, versichert mir Cleidiana Ramos, die Journalistin der Zeitung A Tarde, die ich später am Rande der Prozession treffe. „Aber die Trommeln, die die Gesänge begleiten, sind Atabaques, die auch bei Candomblé-Zeremonien gespielt werden. Auch die Rhythmen stammen aus dem Candomblé.“

Im Lauf des Festes sehe ich Candomblé-Priesterinnen, die sich vom katholischen Pfarrer die Hostie in den Mund legen lassen. Ich sehe Menschen mit Kreuz-Kettchen um den Hals, die sich fast die Arme ausrenken, um von den Candomblé-Frauen Acarajé geschenkt zu bekommen. Acarajé heißen die Bällchen aus Bohnenteig, die in tiefrotem Palmöl frittiert werden – ein Essen, das im Candomblé der Göttin Iansã dargebracht wird.

Iansã ist eine Göttin aus dem Candomblé-Pantheon, die besonders stark für weibliche Kraft und Unabhängigkeit steht. Sie gilt als Herrin der Blitze und Donner, und des Feuers. Auch die heilige Barbara wird im katholischen Glauben aus verschiedenen Gründen mit Feuer und Blitzen in Verbindung gebracht. Die Legende besagt unter anderem, dass der Vater der Märtyrerin, der sie zu Tode quälen ließ, zur Strafe von einem Blitz getroffen wurde und verbrannte. In Brasilien ist Santa Barbara die Schutzheilige der Feuerwehr. Deshalb ist das heutige Fest gewissermaßen auch eine Art Feuerwehrfest – und in der Prozession nach der Freiluftmesse läuft auch eine Blaskapelle mit.

Iansã und der Feuerball

Einer der Mythen über Iansã liefert, Cleidiana Ramos zufolge, die Begründung dafür, warum ausgerechnet Acarajé das Essen dieser Göttin ist. „Ein Acarajé-Ball ist dann fertig frittiert, wenn er vom roten Palmöl die Farbe des Feuers angenommen hat…“

Iansã war mit Xangô verheiratet, dem mächtigen Gott des Feuers, der Blitze und des Donners, sowie der Gerechtigkeit. Eines Tages befahl ihr Xangô, ein Paket für ihn abzuholen. Sie dürfe das Paket aber nicht öffnen. Iansã folgte dem Befehl, wenn auch widerwillig, denn eigentlich war sie niemand, dem man etwas befehlen konnte.  Auf dem Weg siegte ihre Neugier. Sie öffnete das Paket, und fand darin eine Kugel aus Feuer. Iansã verschluckte diesen Feuerball, und erlangte so die gleichen Kräfte wie Xangô. Als Xangô erfuhr, dass Iansã sich seinem Befehl widersetzt hatte, entbrannte ein Krieg zwischen den beiden. Iansã gelang es mit Hilfe des Heeres eines anderen Gottes, Xangô in die Flucht zu schlagen. Und sie hatte fortan die gleichen Kräfte wie er.

Die Prozession zieht mehrere Stunden unter der sengenden Sonne durch die Straßen des Stadtzentrums von Salvador. Schwitzende Menschen tragen die Statue der heiligen Barbara auf einer Sänfte durch die Menge, geschmückt mit unzähligen Blüten. Andere Heiligenstatuen folgen. Dann macht die Masse Station beim Hauptquartier der städtischen Feuerwehr, wo die Heiligenstatue von Sirenen begrüßt wird. Segenssprüche vom Priester. Dann verliert sich der religiöse Charakter des Festes ein wenig. Mobile Händler reichen eisgekühltes Dosenbier aus großen Styroporboxen, die sie auf Schubkarren durch die Menge bugsieren. Aus riesigen Lautsprechern auf einem Autodach dröhnt brasilianischer Reggae.

Die Party endet schließlich beim Mercado de Santa Barbara, einem ehemaligen Marktgebäude in der Nähe des Pelourinho-Platzes, in dem heute kleine Geschäfte untergebracht sind. Barbara ist nicht nur die Schutzheilige der Feuerwehr, sondern auch des Marktes. Einige Händler verteilen hier kostenlos Caruru an die Prozessionsteilnehmer, ein afrobrasilianisches Gericht aus Okraschoten. Aber Achtung, das ist nicht irgendein Gericht: „Für den Caruru von Iansã, beziehungsweise Santa Barbara, muss man die Okraschoten in kleine runde Scheiben schneiden“, sagt Cleidiana. Man darf die Schoten vorher nicht etwa der Länge nach spalten, wie man es für den Caruru anderer Gottheiten tun würde. Denn Iansã, wie die heilige Barbara, wird eben auch mit monetärem Reichtum assoziiert. Und die kleinen runden Scheiben der Okraschote symbolisieren Münzen. Wer am vierten Dezember freigiebig Caruru verteilt, tut das also in Wirklichkeit, um Reichtum anzuziehen.

Die religiöse Mischung dieses Festtages war nicht immer so stark und hat nicht immer so viele Menschen angezogen, erklärt Cleidiana, die gerade ihre Doktorarbeit über Volksfeste in Salvador da Bahia schreibt. In den 1970er Jahren sei das Fest für Santa Barbara eher klein und unbedeutend gewesen, und es kamen vor allem Katholiken. Dann hat die Regierung von Bahia den Pelourinho, das historische Zentrum von Salvador, restauriert, und zum Mittelpunkt der afrobrasilianischen Kultur gemacht – mit Geschäften, Bars, Restaurants, und täglichen Shows der großen afrobrasilianischen Kulturerfolge wie Olodum, Ilê Aiyê oder dem Balé Folclórico da Bahia. Eine damals umstrittene Maßnahme, die viele alteingesessene Einwohner des Viertels vertrieben hat – zugunsten von Touristen, die sich heute unter den Augen unzähliger Polizeitrupps im „Pelô“ vergnügen.  Ein „Freiluftshopping“ sei das Viertel geworden, sagt Cleidiana, und blickt nachdenklich auf die Auslage eines Geschäfts mit buntem Touri-Nepp in Afrika-Ästhetik. Aber im Zuge der Restaurierung sei eben auch die afrobrasilianische Volkskultur neu bewertet worden, was teilweise zu einer echten Wiederbelebung geführt habe: Das Fest von Santa Barbara etwa, zum ersten Mal begangen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, wurde im Jahr 2008 vom Amt für Denkmalschutz des Bundesstaats Bahia zum „Immateriellen Kulturerbe“ erklärt. Zusammen mit verschiedenen Fördermaßnahmen konnte es so wieder zu dem werden, was ich heute gesehen habe: ein überwältigendes Fest zweier Religionen im gemeinsamen Taumel der Gefühle.

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