Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Meine Recherche zum Klimawandel in Bolivien startete in Santa Cruz de la Sierra. Vor 60 Jahren war Santa Cruz eine Kleinstadt mit rund 50 000 Einwohnern, irgendwo im bolivianischen Tiefland. Heute leben in der Metropolregion über zwei Millionen Menschen. Die Stadt hat sich zum absoluten Wirtschaftszentrum des Landes entwickelt. Eine Verkehrsanbindung ans bolivianische Hochland sorgt dafür, dass landwirtschaftliche Produkte aus der Region Santa Cruz ins ganze Land transportiert werden können.

Das Wachstum hat einen Preis. Als in den 1950er Jahren die Straße nach Cochabamba gebaut wurde, war Santa Cruz von Regenwald umgeben. Wer heute mit dem Flugzeug nach Santa Cruz fliegt, sieht davon nur noch ein paar Sprenkel. Ansonsten: Felder, Weiden, Viehzuchthallen. So weit das Auge reicht. Zwischen dem Jahr 2000 und 2010 wurden im Departamento Santa Cruz, dessen Hauptstadt Santa Cruz de la Sierra ist, jährlich mehr als 150 000 Hektar Wald gerodet. Rund 215 000 Fußballfelder. Jedes Jahr.

Der Regenwald in Santa Cruz - die gelben und rötlichen Flächen wurden bereits gerodet. Quelle: fan-bo.org

Der Regenwald in Santa Cruz – die gelben und rötlichen Flächen wurden bereits gerodet. Quelle: fan-bo.org

Die meisten dieser Zahlen habe ich von Saul Cuellar erhalten, der für die Fundación Amigos de la Naturaleza (FAN) die Entwicklung der Entwaldung im bolivianischen Tiefland untersucht. „In den letzten Jahren ist die Viehwirtschaft der Hauptfaktor für die Entwaldung, gefolgt von der sonstigen Landwirtschaft, insbesondere dem Sojaanbau“, sagt Saul. Was vielen nicht klar ist: Obwohl der bolivianische Amazonas-Regenwald zu den artenreichsten Gegenden der Welt gehört, sind die Böden nicht unbedingt für die Landwirtschaft geeignet. Oft schwinden nach wenigen Jahren die Erträge. Gleichzeitig sorgt die Erderwärmung dafür, dass in der Trockenzeit (im europäischen Sommer) noch weniger Regen fällt als früher und sie zudem länger anhält. Die Regenzeit ist kürzer geworden, dafür umso intensiver – in den letzten Jahren gab es mehrere heftige Überschwemmungen, teilweise mit Dutzenden Toten. Die leidende Landwirtschaft gleicht die fehlenden Erträge nicht zuletzt durch eine Ausweitung der Fläche aus. Die Folge: Noch mehr Wald muss weichen – was wiederum Konsequenzen für das Klima hat.

Niederschläge und Erdrutsche machen die bolivianischen Straßen in der Regenzeit oft unbefahrbar. Foto: Leonard Goebel

Niederschläge und Erdrutsche machen die bolivianischen Straßen in der Regenzeit oft unbefahrbar. Foto: Leonard Goebel

Dass insbesondere der Amazonas-Regenwald ein wichtiger CO2-Speicher ist und seine Rodung somit erheblich zum globalen Klimawandel beiträgt, ist inzwischen bekannt. Weniger gut erforscht sind die lokalen Effekte der Entwaldung. „Vieles deutet darauf hin, dass die Entwaldung der Tropen enorm große Auswirkungen auf das regionale Klima hat“, sagt Jan Spickenbom, Klimaexperte bei der FAN. Er hat die Klimadaten angrenzender Regionen in Bolivien und Brasilien miteinander verglichen. Seine Beobachtung: Dort, wo der Regenwald noch intakt war, wurden sehr viel mehr Niederschläge gemessen als in den gerodeten Gebieten. Zufall? Wohl eher nicht.

Regenzeit in Bolivien: Kürzer und intensiver als früher. Foto: Leonard Goebel

Regenzeit in Bolivien: Kürzer und intensiver als früher. Foto: Leonard Goebel

Schon hier, bei meiner ersten Recherchestation in Santa Cruz, zeigen sich die beiden Seiten des Klimawandels. Auf der einen Seite die Ursachen – insbesondere der Ausstoß von Treibhausgasen, allen voran Kohlendioxid und Methan. Auf der anderen Seite die Auswirkungen: Temperatursteigerung und die Zunahme von Wetterextremen mit all ihren Folgen. Den Ursachen müsste man mit Einsparung begegnen, den Auswirkungen mit Anpassung. Beides erfordert Zeit und Geld. Knappe Güter in einem Land, in dem noch immer fast die Hälfte der Bevölkerung unter der Armutsgrenze von zwei Dollar pro Tag lebt.

In den nächsten Tagen werde ich mich von Santa Cruz ins Hochland aufmachen, um mehr über die Auswirkungen des Klimawandels zu erfahren – und über die Versuche, ihm etwas entgegenzusetzen.

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