Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Sonntagsmorgens um neun in KL. Ich sitze mit Werner beim Frühstück. Werner ist gebürtiger Schwabe. Aber seit vierzig Jahren lebt er in Malaysia. Für das Frühstück haben wir uns ein indisches Restaurant ausgesucht. Die Inder, die uns bedienen, sind noch nicht lange in Malaysia. Als Werner mit ihnen Malaiisch spricht, verstehen sie kein Wort. Wir bestellen auf Englisch. Es gibt Dosa. Ein typisch malaysisches Frühstück. Ein dünner Pfannkuchenteig, der mit verschiedenen Saucen oder auch mit Kartoffeln serviert wird. „Ihr müsst den frittierten nehmen. Der ist sehr gut“, rät uns eine Malaysierin mit eindeutig chinesischen Wurzeln. „Meine Mutter isst das schon ihr ganzes Leben lang. Sie ist jetzt 93.“ Erzählt sie uns, während ihre Mutter zusammengesunken neben ihr hockt, das Kinn kurz über der Tischkante hält, mit der rechten Hand kleine Stücke von ihrem Dose löst und das Teig-Saucen-Gemisch geschickt in den Mund manövriert.

Trotz der frühen Uhrzeit ist das Restaurant gut besucht. Chinesen, Inder, Malaiien – sie alle kommen hier her. „Das liegt daran, dass das Restaurant ein indisches ist“, erzählt mir Werner. „Chinesen würden niemals in ein malaiisches Restaurant gehen. Und Malaien wiederum würden niemals in ein chinesisches Restaurant gehen.“ Da wird schließlich Schweinefleisch serviert.

Malaysia hat ein Problem, ein Problem mit seinen Bevölkerungsgruppen. Gut die Hälfte der Malaysier sind Malaien. Ihre Vorfahren gehören zu den Ureinwohnern des Landes oder sind in den vergangenen Jahrhunderten aus den umliegenden Ländern eingewandert (vornehmlich aus den heutigen Staaten Indonesien, Brunei, Singapur und Thailand oder aus der dazugehörigen Inselwelt). Ein weiteres Drittel der Einwohner Malaysias ist chinesischer Abstammung, elf Prozent sind indischer Abstammung. Ihre Vorfahren kamen zumeist schon im 19. Jahrhundert nach Malaysia. Sie alle haben ihre eigene Geschichte, ihre eigenen Tradition, ihre eigene Religion, ihre eigene Sprache. Als ich an meinen ersten Tagen im Land durch KL gelaufen bin, fiel mir vor allem diese Vielfalt auf. Denn selbst die einzelnen Gruppen unterteilen sich nochmals in viele einzelne kleinere Gruppen. „Den oder die Malaysier“ gibt es nicht: so viele verschiedene Gesichtszüge, Kleidungsstile, Religionen, Sprachen. Und es scheint zu funktionieren – zumindest vermittelte sich mir das Gefühl.

In Wahrheit funktioniert es nicht. Und daran trägt die Regierung eine gewisse Schuld. Seit den 60er Jahren verfolgt die Regierung die sogenannte „Neue Ökonomische Politik“, die die Malaien gegenüber anderen ethnischen Gruppen klar bevorzugt. Ziel dieser Politik war es anfangs, die wirtschaftlich benachteiligten Malaien zu fördern. Doch noch heute ist vorgeschrieben, mit welcher Abstammung wer wo studieren oder arbeiten darf. Hochschulzugänge zum Beispiel sind mit einer Quote belegt. Deshalb schicken vor allem chinesisch- und indischstämmige Familien ihre Kinder ins Ausland, um zu studieren – wenn sie es sich leisten können. Eine Quote gibt es ebenso für die Arbeitsplätze in der Verwaltung und für börsennotierte Unternehmen. Selbst wenn ein Chinese ein Restaurant eröffnet, wird ihm vorgeschrieben, wie viele Malaien er anstellen muss. Für die Eltern meines Kurzzeit-Mitbewohners John war das vor 40 Jahren der Grund, das Land zu verlassen. „Sie sahen einfach keine guten Chancen für ihre und für meine Zukunft“, erzählt er mir. Seitdem lebt John in Australien. In sein Geburtsland Malaysia kommt er nur noch alle paar Jahre zum Urlaub machen.

Die einzelnen Bevölkerungsgruppen haben sich ihre Nische gesucht. Die Malaien führen seit der Unabhängigkeit 1957 die Politik an. Die Chinesen galten schon immer als geschäftstüchtig und fleißig. Heute sind große Teile der Wirtschaft in chinesischer Hand. Und die Inder? Für Werner, der früher in der Entwicklungshilfe gearbeitet hat und sich heute viel mit der Arbeit von Menschenrechtsorganisationen in Malaysia beschäftigt, spielen sie eine entscheidende Rolle.  „Die Chinesen haben Angst vor den Malaien, wegen deren politischer Macht. Die Malaien wiederum haben Angst vor den Chinesen, wegen deren wirtschaftlicher Macht. Nur die Inder, vor denen fürchtet sich keiner. Sie könnten als Katalysator fungieren.“

Die Regierung will das Problem angehen. Die Wählerstimmen brechen weg. Die Kampagne „1Malaysia“ soll daran erinnern, dass sie alle Malaysier sind. Unabhängig davon, wo ihre Vorfahren herkommen. Ob an Autobahnbrücken oder in Werbeanzeigen – überall taucht die große 1 auf.

Ortsschild

Ortsschild

Autobahn in KL

Autobahn in KL

 

Aber wenn ich mich umgucke, sind die Fronten verhärtet. Wenn ich in den verschiedenen Stadtvierteln bin, mir Jugendgruppen ansehe, dann scheint mir: Die einzelnen Bevölkerungsgruppen bleiben gerne unter sich.

In den nächsten Tagen werde ich mich für mein Recherchethema in Richtung Norden aufmachen. In den verschiedenen Landesteilen sind die Bevölkerungsgruppen mal stärker und mal schwächer vertreten. Ich bin gespannt, was das für Auswirkungen auf meine Sicht auf Malaysia hat.

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