Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Es tropft. Die anstrengende Hitze hat dem Regen endlich nachgegeben. Durchatmen.

Ich habe gestern wieder viele Leute kennen gelernt. Kaum erfahren sie, was ich hier mache, brechen sich ihre Geschichten Bahn. Ich werde überschwemmt. Mit ganz persönlichen Erlebnisberichten.  Informationen, Trauer,  Ärger, Enttäuschung,  Kritik. Aber auch Geschichten über Hilfe und das Überleben.

Eine Person, die heraussticht ist Tonja, die Programmanagerin von All Hands. Kurze Haare, keine Schminke, schwere Treter – so treffe ich sie im Barangay 88. Barangays sind Stadtteile, aber nicht nur. Sie sind auch die unterste Verwaltungsebene auf den Philippinen.

Tonja arbeitet 6 Tage die Woche, 12 Stunden am Tag, um ihr Projekt zu beenden – Ende August geht es zurück nach Europa. Bis dahin sollen 42 Häuser stehen.
Ein bisschen kühl wirkt sie,  gewissenhaft. Lächelt sparsam. Erst als wir losgehen taut sie auf.

Wir laufen durch eine kleine Gasse.  Der Himmel ist schwarz, es regnet in Strömen. Bis auf die Hauptstraße sind die Wege im Barangay nicht geteert. Es ist matschig. Wellblech, Planen,  alles was sich irgendwie verbauen lässt, ist nach dem Sturm zum Einsatz gekommen, um Häuser zu zimmern. Kabel verbinden in wildem Durcheinander Häuser mit Masten, an denen sie schwarze Knäuel bilden.  Irgendwo dazwischen verstreut die bereits fertigen All-Hands-Häuser.

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Bei einem steigen wir die wenigen Stufen zur winzigen Veranda hoch. Tonja klopft. Die Tür öffnet sich einen Spalt. Kichern. Dann geht die Tür wieder zu. Und nach erneutem Klopfen ganz auf. Fünf kleine Kinder beäugen uns etwas skeptisch, aber auch sehr amüsiert. Sie laufen ins Zimmer. Wir treten ein. Tonja ruft den Namen der Mutter, um uns anzukündigen.

All Hands übergibt die fertigen Häuser immer an die Frau. Warum?  Es ist sicherer, sagt Tonja, weil Männer eher spielen und das Haus versetzen könnten. Oder die Familie verlassen. Die Mutter aber bleibt wahrscheinlich bei den Kindern. Daher soll sie die Hausbesitzerin sein.

Der Fernseher läuft, insgesamt hat der Raum etwa zehn Quadratmeter. Eine Ecke ist die Küche, auf der anderen Seite des Raums führt eine Treppe nach oben. Oben noch einmal zehn Quadratmeter. Dort schläft die siebenköpfige Familie.

Die Mutter kommt hinunter, fragt sich wohl, welchen Zweck unser Besuch hat. Das ist Julia, sie ist Journalistin. Sie würde gerne ein paar Fragen stellen. Geht das? Ein unsicheres aber auch neugieriges Nicken. Die Frau hat keine Schneidezähne.

Die Kinder bestaunen das Aufnahmegerät, als ich es auspacke, ein kleines Mädchen entdeckt die Trillerpfeife, die an meinem Rucksack hängt, bläst hinein, dann wollen alle anderen auch mal. Große Unterhaltung. Ach wie aufregend, das alles!!! Lachen, Toben, Grimassenschneiden. Kinder können das: Auch in größter Armut bedingungslos ausgelassen sein.

Die Familie hat schon vor Yolanda an genau diesem Fleck gewohnt. Dann kam der Sturm, riss alles davon. Sie gehörten zu denen, die es ganz schwer traf. Lebten danach auf dem matschigen Boden, unter einem Verschlag, in dem sie nicht einmal stehen konnten. Sie wollten nicht weg, denn dann hätten sie ja ihr Land aufgeben müssen. Er wäre schnell neu besetzt gewesen. So läuft das hier – einer der Gründe,  warum selbst inmitten des Taifuns manche ihre Häuser nicht verlassen haben. Sie haben fast nichts. Aber das auch noch verlieren? Eine Geschichte, die ich an einem dieser Tage höre: Freunde eines Deutschen,  den ich hier kennen lerne, sind nach der Sturmflut noch nicht von Dach geklettert,  da sind schon die Nachbarn im Haus und nehmen den Kühlschrank mit. Plünderer sind schnell.

Als All Hands kam, krochen die Familie aus ihrer kleinen Hütte hervor, erzählt Tonja. Mit fünf Kindern. Ich mag es mir nicht vorstellen, tu es aber doch. Und gucke mir die Kinder an, wie sie herumalbern – als hätte es nie auch nur eine einzige Sorge in ihrem Leben gegeben.

Wie hat All Hands die Familien ausgewählt? frage ich Tonja. Wir haben zuerst Befragungen durchgeführt, sagt sie. Die Bewohner des Viertels sollten sagen, wer ihrer Meinung nach am dringendsten Hilfe benötigt. Auch um keinen zu übersehen, der vielleicht den ganzen Tag lang arbeitet. Anhand dieser Fragebögen und weiterer festgelegter Kriterien wurde dann bestimmt, wer ein Haus bekommt – und wie groß es sein soll. 42 Häuser – das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Nicht jeder hatte das Glück,  ausgewählt zu werden.

Ein anderes Haus,  an dem wir später vorbei laufen,  hat All Hands für eine behinderte alte Frau gebaut. Sie kann keine Treppen steigen, daher wurde das Haus extra für sie mit nur einem Stockwerk entworfen. Bei dieser Frau haben besonders viele Nachbarn gesagt,  dass sie Hilfe brauche, erzählt Tonja. Ich bin beeindruckt, dass die Nachbarn, selbst arm, nicht nur an sich denken, sondern an andere. Dass die Menschen zusammenstehen.

5000 Euro kostet ein neues zuhause von All Hands. Das ist aber günstig! sage ich. Aber günstig ist mal wieder relativ. Denn 5000 Euro muss man erst mal haben… 5000 Euro sind für die Menschen in diesem Barangay unerreichbar.

Der Vater der Familie mit den fünf Kindern ist Pedelec-Fahrer. Ein Pedelec ist ein Fahrrad mit einer Art Beiwagen, in dem zwei Leute sitzen können. Es steht am unteren Ende der öffentlichen Transportmittelkette. Was ihr Mann  verdient frage ich die zahnlose Frau nicht. Ich sehe ja, dass die Familie arm ist. Eine Fahrt mit dem Pedelec kostet 10 Cent. Es gibt viele Fahrer, die an jeder Ecke warten. Wenn der Vater 6 Fahrten in der Stunde macht, ist das ein sehr guter, aber unrealistischer Schnitt. Das wären 60 Cent Stundenlohn. Sechs Euro am Tag, um eine siebenköpfige Familie zu ernähren. Wie gesagt, beste Bedingungen voraus gesetzt. Die Mutter arbeitet auch. Sie verkauft Balut, angebrütete Enteneier. Viel wird vermutlich auch dabei nicht herausspringen.

Aber sie haben ein Haus! Wenigstens das! Ja, nur wie lange wird die Freude halten? Das Haus ist ja nur eine temporäre Unterkunft. Es ist so gebaut, dass die Wände aus geflochtenem Bambus bei einem Taifun herausfliegen, die Grundstruktur aus Holz aber bestehen bleibt. Bleiben sollte, sagt Tonja. Hoffentlich. Von dieser Konstruktion erhofft sich All Hands  einen Vorteil durch weniger Angriffsfläche für den Wind. Eine Betonmauer würde in sich zusammenfallen. Und wenn die Wände weg sind? Dann müssen sich die Leute wohl alte Planen suchen. Neue Wände werden sie sich nicht leisten können. Schöner Wohnen auf Zeit. Aber das, was All Hands leistet, ist eben Nothilfe. Und die muss man unterscheiden vom Wiederaufbau. Nur… ist es wahrscheinlich,  dass diese Menschen irgendwann ein richtiges Haus bekommen? Nein. Sie werden wohl in dieser Notunterkunft bleiben.

Am Ende posieren fürs Foto. Ich verabschiede mich von Tonja.

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Und dann geht es ein paar Straßen weiter, an die Küste. Wir sind etwa fünf Motorradminuten vom  Zentrum entfernt. In diesem Barangay,  gleich neben dem Astrodome, sehe ich, wie wenig 42 All-Hands-Häuser sind. Modrige Stelzen tragen zusammengezimmerte Hütten. Sie ragen aus stinkendem Morast. Alles Müll. Ob der noch von Yolanda stammt?

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Kleidungsstücke und Schuhe liegen in der schwarzen Suppe, die vom Meer sanft bewegt wird. Es sieht nicht so aus, als habe hier jemand aufgeräumt, als die Flut verschwand. Eine Familie begrüßt mich. Sie sprechen kein Englisch. Gestikulieren. Halten die Hand auf. Lachen ein zahnloses Lachen. Können nicht mit mir reden, sind wortlos freundlich. Etwas enttäuscht vermutlich, dass ich keine Hilfe bringe. Aber auch nicht überrascht. Nur verwundert, warum ich hier herumspaziere. Schweine brüllen, sie stecken in kleinen Holzverschlägen neben den Hütten der Menschen. In einer Hütte läuft ein Fernseher. Ich werfe einen Blick hinein: Mit wenigen Mitteln hat hier jemand ein gemütliches Zuhause erschaffen! Aber eins ist klar: Nach dem nächsten Sturm steht hier nichts mehr. Dann ist wieder alles weg. Dann muss wieder neu begonnen werden. Viele dieser Menschen werden vermutlich sterben, weil sie ihre Hütten nicht verlassen.

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Es ist verboten, hier zu siedeln, weil es so gefährlich ist. Aber dieses Verbot wird nicht kontrolliert. Es gibt eine Grauzone: Wenn das Haus kein Fundament hat, ist es offiziell kein Haus. Dann wird es nicht entfernt. Und beide Seiten, Stadt und Siedler, profitieren irgendwie. Die Siedler haben eine Möglichkeit, ihre simple Hütte zu errichten ohne teure Pacht für Grund und Boden zu zahlen.  Und die Stadt kann sich aus ihrer Verantwortung stehlen. Der Verantwortung, die Armen mit ins Boot zu holen. Ihnen Land zum sicheren siedeln zu geben. An einem Fleck, der nicht noch mehr Armut erzeugt! NGOs bauen bereits Siedlungen, aber nicht in Tacloban, außerhalb. Im Nichts. Dort ist kein Meer, kein Markt. Wieso sollten die Fischer dort hin? Und die, die ihr Leben mit kleinen Verkäufen auf dem Markt bestreiten? Und die Pedelec-Fahrer?

Der Himmel ist schwarz,  gleich wird es wieder regnen.  Das Motorrad trägt mich in die Stadt. Morgen fahre ich zu den Siedlungen außerhalb. Will sie mir mit eigenen Augen ansehen.

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