Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Dichter Verkehr wälzt sich über die kleine Burgos Street. Wobei… wälzen ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Wälzen geht schneller. Taclobans Straßen sind größtenteils Einbahnstraßen und nur die Burgos Street führt in Richtung Norden aus der Stadt heraus. Wie fast überall auf den Philippinen gewinnt der Stärkere, Schnellere oder Lebensmüdere. Ein Motorrad ist auf verstopften Straßen normalerweise ein Vorteil, aber nicht hier. Wir bewegen uns im Schneckentempo, bis wir sozusagen über den Berg sind. Kurz vor der Steigung biegt ein Teil des Verkehrs ab, wir haben Platz. Es geht auf die Landstraße. Wir überholen den ein oder anderen knatternden Jeepney. Dann werden die Obststände am Straßenrand weniger, der Friedhof liegt auch schon hinter uns. Viel freie Fläche links und rechts. Links ist die Landschaft hügelig. Alles ist dicht bewachsen. Wir fahren jetzt schon seit einer halben Stunde und sind immer noch nicht da. Rechts geht die Straße in Richtung der Nachbarinsel Samar ab. Wir fahren weiter geradeaus. Dann endlich, links und rechts der Landstraße: Neu gebaute, blau-rosane Reihenhaussiedlungen. Gegenüber „vorläufige“ Häuser aus Holz mit gewebten Bambuswänden. Hübsch! Hier entstehen die Siedlungen für die sturmgeschädigten, mittellosen Bewohner der Küste. Das „neue“ Tacloban. Das Gelände liegt in ausreichendem Abstand zum Meer, so dass hier keine Flutwelle hinkommen kann. Und hier ist viel Platz zum Siedeln. Soviel zu den Vorteilen. Auf den ersten Blick ist es verwunderlich, dass viele Menschen in den Slums an der Küste lieber in ihren schlecht gezimmert Hütten hausen wollen.

 

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Ein paar Schritte näher heran getreten und schon offenbart sich das wahre Gesicht dieses neuen Stadtteils. Es ist Mittag, unter der Woche, aber auf der Straße fragt eine Gruppe von herumstreunenden Kindern nach Geld. Warum sind sie nicht in der Schule? Schmutzige Kleidung, kaputte Zähne. Wir bitten sie, das Motorrad zu bewachen und geben hinterher jedem ein paar Pesos, als Lohn für ihre „Arbeit“.

Dann gehen wir die improvisierte Holztreppe hinunter die zur vorläufigen Siedlung führt. Wenige Monate nach ihrer Fertigstellung erinnern die Gassen zwischen den Bambushäuschen bereits an Slums. Befestigte Wege wurden wohl vergessen, im Matsch liegen rutschige Holzplanken zum darüberlaufen. Müll. Dreck. Zwischendrin selbstgezimmerte Gemüsebeete.
In einem gärtnert ein Kleinkind. Planzt Gras mit Wurzeln ein. Sehr gewissenhaft drückt der Junge die Erde fest. Schnodder an der Nase blickt er hoch. Skeptisch guckt er, bis ich ihn fotografiere und ihm das Bild zeige. „Mann, sehe ich cool aus!!!“ oder ähnliche Gedanken lese ich in seinem Blick.

 

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Ein Mann kocht Fisch auf einer einfachen Feuerstelle. Fischköpfe. Sie marinieren in einem alten Benzinkanister. Wie so oft wird mit einfachsten Mitteln gearbeitet.

In der blau-rosanen Siedlung ist das Bild kaum anders. Hier ist zwar die Bausubstanz etwas besser, aber die Armut bleibt. Kinder klettern gelangweilt in einer Baugrube herum, andere hängen auf der Straße rum. Familien sitzen vor ihren Häusern und tun – nichts.

Ein Zyniker würde sagen: Zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Mit dem Bau dieser Siedlungen kann man die Armen in Sicherheit bringen und ihnen ein neues Zuhause geben, und sie dabei auch gleich aus dem Stadtzentrum entfernen. Dann finden die Slums nicht mehr vor jedermanns Nase statt.

Sicherheit schön und gut, nur hier haben sie gar nichts. Es gibt angeblich eine Grundschule. In der die etwa 50 Kinder, die ich bei meinem Besuch sehe, offensichtlich nicht sind. Unicef will offenbar eine weitere Schule bauen. Wer weiß,  wie lang das noch dauert? Wochen,  Monate,  Jahre,  die diese Kinder nicht betreut und gefördert werden.

Aber auch für die Erwachsenen birgt dieser Ort wenig Chancen. Arbeit in dieser abgelegenen Ecke? Klar, für all jene, die 40 Pesos, umgerechnet 80 Cent, übrig haben für die Fahrt in die Stadt. Der Mann, der neben seinem Pedicab-Fahrradtaxi vor einem blaurosanen Haus sitzt und zahnlos lächelnd grüßt, hat dieses Geld sicher nicht. Eine Fahrt bringt ihm fünf Pesos ein, zehn Cent. Aber wer soll hier schon seine Dienste benötigen?

40 Pesos hat auch Gabriel, 17 Jahre alt, nicht. Er, oder sie, das ist zunächst nicht ganz klar, wohnt in der vorläufigen Siedlung und spricht wenigstens etwas Englisch. Mit divaesquem Hüftschwung läuft er die Arme schwenkend vorweg und führt mich stolz zu seinem Haus. Etwa 20 Quadratmeter aus Bambus, Holz und Plastikplanen. Hier wohnt die Familie zu fünft. Sie haben zuvor in San José, gleich neben dem Zentrum von Tacloban am Meer gewohnt. Ihr Haus wurde zerstört. Jetzt haben sie dieses hier. Und sind… komplett abgeschnitten.

Am Esstisch sitzend erzählt Gabriel von seinen Freunden, die er vermisst. „Hast du sie denn mal besucht?“ Frage ich. „Nein.“ Sagt er. „Warum denn nicht?“ Das hier sei das einzige T-Shirt, das er habe, und damit könne er nicht in die Stadt gehen, sagt er, und zeigt auf das löchrige, hellblaue Shirt. Es ist ihm unangenehm. Ich kann das verstehen. Und abgesehen davon – 40 Pesos für den Bus? Wo soll er die denn bitte hernehmen? 100 Pesos, also zwei Euro, kostet ein neues T-Shirt in Tacloban. 80 Cent die Fahrt. Soviel geben wir am Kiosk für eine Cola und ein Päckchen Kaugummi aus.

Aber bei aller Kritik – die, die ein Haus abbekommen haben, gehören dennoch zu den Glücklichen. Unter den Unglücklichen, versteht sich. Am Tag, an dem ich dies schreibe, hat die UN die Philippinen gerügt. Dafür,  dass bisher erst 2,5 Prozent der geplanten rund 21.000 dauerhaften Häuser fertig gestellt worden sind. Knapp 5000 sollen sich aktuell im Bau befinden. Knapp zwei Jahre nach dem Sturm,  der mehr als vier Millionen Menschen das zuhause genommen hat.

Und nun oute ich mich. Als Kind meiner Welt, der Ersten, das nur zu Gast ist in der Dritten. Ich muss mal abschalten und nehme nach dem Besuch im neuen Tacloban so viel Geld, dass man fünf Tshirts davon kaufen könnte, und gehe zum Fuß- und Hand-Spa.

Eine Hand von mir gesteckt bin ich kurz davor wegzudösen… da schaukelt mein Sessel. Massagefunktion? Alle um mich herum starren mit weit aufgerissenen Augen in Richtung Tür. Ist da was? Es dauert eine Sekunde, bis ich begreife. ALLES schaukelt. Der Boden, die Wände, die Theke der Kassiererin. Keiner rührt sich. Alle erstarren. Es ist ein sanftes Schaukeln, eigentlich ganz angenehm. Vor allem aber vollkommen surreal. Aus dem Tor der Uni gegenüber strömen die Studenten, sammeln sich auf dem Bürgersteig. Die Dame, die meine Nägel lackiert, ist völlig fertig. Sie kann sich kaum beruhigen, zeigt mir ihre Handinnenflächen. Klatschnass. Ist doch alles gut, sage ich. Aber sie hat Angst. Vor Nachbeben. Vielleicht auch vor einem Tsunami?
Ob sie aufhören wolle, frage ich. Aber das macht sie natürlich nicht. Ist aber sehr erleichtert, als ich das Handy zücke um nach Informationen zu suchen.

Zum Glück habe ich bei Facebook die Seite des philippinischen Instituts für Vulkanologie und Seismologie abonniert. Dort werden aktuelle Warnungen und Infos zu Erdbeben veröffentlicht. Ich lade die Seite immer wieder neu. Nichts. Volle 25 Minuten dauert es, bis Philvolcs das Erdbeben postet. Stärke 6.1, das Epizentrum liegt kurz vor der Nachbarinsel im Meer, 30 Kilometer tief. Ob Tsunamigefahr besteht, ist nirgendwo vermerkt. Aber so entstehen Tsunamis doch – durch Beben unter den Meer.

Ich schicke eine SMS an eine philippinische Freundin. Gibt es eine zuverlässigere Informationsquelle? „Abonnier doch noch den Philippine Inquirer!“ Mache ich. Dort wird erst nach 43 Minuten über das Erdbeben berichtet.

Ich frage mich: Was ist, wenn wirklich mal ein Tsunami droht?

Ich suche im Internet. Leicht ist es nicht, ein zuverlässiges Warnsystem zu finden. Einen vergleichbaren Service zu Philvolcs, der von der Regierung angeboten wird oder zumindest offiziell als vertrauenswürdig gekennzeichnet ist, finde ich nicht.
Als erstes stoße ich auf ein System, das sich speziell an Touristen und Geschäftsreisende richtet. Monatlich kostet es knapp 10 Euro. Das kann ja wohl nicht alles sein.

Die Philippinen arbeiten an einem Warnsystem für „meine“ Region, die Visayas-Inselgruppe.
Tsunami Detection and Early Warning System (TeWS) soll es heißen. Ich finde es allerdings nicht.

Mehr Glück habe ich bei den Amerikanern. Die amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) gibt per RSS-Feed Warnungen heraus. SMS-Warnungen gibt es aber nur für einen beschränkten Personenkreis.

Das PTWC – Pacific Tsunami Warning Center – übernimmt „übergangsweise“ auch die Warnung der Philippinen und anderer asiatischer Staaten, die am Pazifik liegen. Und verweist dazu auf einen Service der UNESCO. Der bietet E-Mail-Warnungen an. Allerdings ohne Gewähr, werde ich informiert, als ich mich für den Service anmelde.
E-Mail-Warnungen machen sowieso ziemlich wenig Sinn, wenn das Internet so schlecht funktioniert wie hier.

Eine ähnliche Mailing-Liste finde ich auch beim US Geological Survey USGS.

Das australische Non-profit-Unternehmen CWarn – Tsunami Early Warning System – nutzt all diese Quellen um ein kostenfreies Warnsystem anzubieten. Dort kann ich meine Handynummer hinterlegen und soll im Ernstfall darüber gewarnt werden. Die Test – SMS kommt gleich an.

In Ernstfall wäre die Suche etwas langwierig gewesen. Klar, ich hätte mich eigentlich schon früher damit auseinander setzen sollen. Insgesamt erscheint mir die Situation aber als nicht besonders transparent.

Und das war ja auch einer der wichtigsten Gründe dafür, dass Yolanda so viele in den Tod gerissen hat. Es gab die Informationen. Aber sie kamen nicht an. Von Stormsurge war die Rede – Sturmflut. Aber das sagte den meisten nichts. Tidal waves oder Tsunami, solche Begriffe hätten die Menschen verstanden. Es gibt eine Doku von amerikanischen Sturmjägern, die am Tag vor dem Sturm nach Tacloban kommen. Sie gucken sich ein aktuelles Satellitenbild an und gehen dann die Küste entlang. Hier wird nichts mehr stehen, sagen sie, und zeigen auf die Küstengebiete. Das wird die Sturmflut wegreißen. Die Informationen waren also da.

In Guiuan übrigens, und der kleinen Nachbarinsel Calicoan Island, die einige Stunden vor Tacloban zuerst und am stärksten von Yolanda getroffen wurden, überlebten fast alle Menschen. Die lokalen Behörden warnten ihre Bevölkerung und sorgten für eine geeignete Evakuierung. In Tacloban wurde der Astrodome, ein Sportstadion, als Evakuierungszentrum auserkoren. Er steht direkt am Wasser. Tausende suchten in seinem trichterförmigen Innenraum und in den Räumen darunter Zuflucht vor dem Sturm. Es gibt verschiedene Ansichten darüber, was mit diesen Menschen geschah. Oft höre ich, dass Tausende ertranken. Dann wieder sagt jemand, dass sie persönlich von der Polizei gehört habe, dass keiner im Astrodome uns Leben gekommen sein. Was stimmt den nun? Im gleichen Nagelsalon treffe ich einige Tage später die Programmanagerin von Humedica, einer deutschen Nothilfeorganisation. Sie war bereits am zweiten Tag nach dem Sturm in Tacloban und leistete Nothilfe im Astrodome. „Ich musste über Leichen steigen. Viele Menschen sind im Astrodome gestorben.“ Zuverlässige Zahlen wird man wohl nicht bekommen.

Am Abend schlafe ich schlecht. Ich bin aufgewühlt wegen des ungerechten Schicksals vieler Menschen – und das Mini-Erdbeben hat mich erschreckt. Mich verwöhnte Erst-Weltlerin.

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