Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Lima, empat, enam“, tönt es aus den Lausprecherboxen am Flughafen Jakarta. Die Nummern der Flugzeuge. Ich höre nur: Zahlen auf indonesisch. Und denke spontan: das ist nicht  meine Sprachlern-App. Wahnsinn. Ich bin da. Tatsächlich. Wenige Minuten auf indonesischem Boden. Und ich freue mich über den Geruch, die Wärme, die Geräusche. Eine Luft wie in der Waschküche dazu der süß-herbe Duft der Nelkenzigaretten. Indonesien.

Und endlich kann ich mein VHS-Sprachkurs-Wissen an den Mann bringen. Der Mann, das ist in diesem Fall mein erster Taxifahrer. Stolz lege ich Soduan, so heißt er, die vier Hundertausend-Rupiah-Scheine in die Hand und zähle laut auf indonesisch mit. Dafür bekomme ich von dem spontan erstaunten Taxifahrer ein breites Lächeln. Eine Erfahrung, die ich immer wieder mache. Ob verschämtes Kichern und offenes Lachen. Die Sympathien sind ganz schnell bei mir. Ich falle einfach auf. Ich: eine Europäerin, mit 1,77 zwei Köpfe größer als der Durchschnitts-Indonesier. Die Rothaarige mit dieser porzellanhellen Haut, die noch dazu ganz alleine unterwegs ist.

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Und auch Soduan fragt schon nach wenigen Minuten im Auto ganz selbstverständlich neugierig nach:„menikah“  verheiratet? Ledig, verheiratet mit Kindern oder ohne. Die Familie – das ist das Smalltalk-Thema  Nummer eins der Indonesier. Logisch. Wetter geht hier nicht, heiß ist es schließlich immer. Also spricht man über die Familie. Ich bin vorbereitet und erzähle Soduan, dass ich eben noch nicht verheiratet bin „belum menikah“. Und füge noch hinzu, dass das in Deutschland aber nix ungewöhnliches ist. Mit 35 nicht unter der Haube sein – für den verheirateten Taxifahrer schon eine komische Angelegenheit.

Unsere Fahrt zum Hotel dauert am Ende fast eineinhalb Stunden. Dabei sind es nur gute 30 Kilometer. Und schon wieder lerne ich eine neue Vokal. „Macet“, grinst Soduan mich wissend an, Stau! Willkommen in Jakarta. Der Stauhauptstadt der Welt. Im Großraum der Mega-City leben 27 Millionen Menschen und die müssen alle morgens zur Arbeit und abends wieder zurück. Nicht zu schweigen von den Besuchern und Gästen wie mich. Da ist der tägliche Verkehrskollaps vorprogrammiert.

Noch können wir fahren, noch ist der „macet“ nur auf der Gegenfahrseite. Und trotzdem frage ich mich, ob man das als Fahren bezeichnen kann. Etwas schneller als Schritttempo geht es voran. Was wahrscheinlich auch besser ist. Denn hier fährt jeder wie er will. Mal rechts vorbei, mal links. Und permanent wird gehupt. Überall quetschen sich motorisierte Zweiräder an uns vorbei. Ein Meer von Mopeds. Das Lieblingsgefährt der Indonesier. Erschwinglich, wendig, praktisch. Und auch unbegrenzt beladbar. Ob Kisten, Kinder, Bretter oder Hühner.  Auf die kleinen Zweiräder geht viel mehr drauf, als wir Europäer uns das zu träumen wagen.

Soduan und ich fahren vorbei an Hütten, an kleinen Lädchen, Menschen sitzen am Straßenrand. Der Verkehr knattert laut und über der fünfspurigen Straße liegt eine Smogschicht. Ein grauer Nebel, der alles einhüllt. Je weiter Soduan uns Richtung Innenstadt fährt, um so mehr verändert sich das Bild. Neben Häuschen, die eher wie Bretterverhaue wirken gibt es jetzt immer mehr schicke Hotels, dann Wolkenkratzer und wahre Wohlstandspaläste. Indonesiens Hauptstadt boomt. In Jakarta wird ein Drittel des Wirtschaftswachstums des Landes erarbeitet. Die Menschen hier verdienen vier Mal so viel, wie die Menschen, die im Rest des Landes leben. Indonesien – das ist ein Land der Gegensätze. Absolutes Wachstum auf der einen, aber immer noch viel bittere Armut auf der anderen Seite.

Bei meiner Recherche-Reise werde ich beide Seiten kennen lernen. Das boomende, aufstrebende völlig übervölkerte Jakarta, aber auch die ländlichen, menschenarmen Regionen Indonesiens etwa auf Borneo oder auf Sumatra. Ich bin gespannt. Jetzt in Indonesien angekommen, kann die Recherche beginnen: meine Suche nach dem teuersten Duft der Welt. Sechs Wochen habe ich Zeit, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, dem Geheimnis der Aquilaria-Bäume.

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