Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

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Für die holländischen Ärzte ist es heute der stressigste Tag. Gestern erst sind die vier Chirurgen und Anästesisten nach 24 Stunden Reise aus den Niederlanden in Harapan Jaya in Siantar bei Medan angekommen. Und schon heute schauen sie Patienten an, die Patienten, die sie in den kommenden zwei Wochen operieren werden. Viele Kinde, viele Säuglinge aber auch erwachsende Patienten quetschen sich auf die Bänke vor dem Untersuchungsraum. Es ist laut. Einige der Kinder weinen. Sie alle könnten sich eine Operation nie leisten.

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Die Ärzte aus Rotterdam operieren kostenlos – gegen eine Spende. Im kleinen Untersuchungsraum geht es Schlag auf Schlag. Patienten kommen rein. Setzten sich auf den Stuhl vor den Tisch der Ärzte. Die Chirurgen Prof. Spauwen und Dr. van Nieuwenhoven entscheiden. Muss operiert werden. Wenn ja wie. Ein indonesischer Arzt übersetzt. Viel Zeit bleibt nicht. Für jeden Patienten gerade so viel, um eine erfolgreiche Operation gewährleisten zu können. Zwei Mal im Jahr kommen die Ärzte aus Holland nach Sumatra. Sie nehmen sich zu Hause Urlaub, um in Harapan Java in zwei Wochen gut 100 Patienten zu operieren.

Im März waren es orthopädische OPs. Jetzt geht es um plastische Chirurgie. Verbrennungen sind ein großes Problem. In den Küchen in Indonesien wird auf offenem Feuer gekocht. Viele Kinder verletzten sich. Wie dieser Junge. Nach einer Verbrennung sind seine Finger zusammen gewachsen. Die renommierte Handchirurgin Dr. van Nieuwenhoven wird ihn operieren. Sie wird ein Stückchen Haut von seinem Oberschenkel nehmen, seine zwei Finger wieder trennen und neu formen.

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Und mittendrin sitzt sie: Schwester Jeannette van Paassen. Die gute Seele von Harapan Jaya. Die Frau, die jedes Jahr die holländischen Ärzte in das von ihr gegründete Reha-Zentrum der Franziskanerinnen nach Sumatra holt. Die Frau, der tausende Kinder und Erwachsene eine Operation verdanken, die ihnen ihre Lebensqualität zurück und damit oft ein neues Leben gegeben hat.

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Indonesien – das ist nicht Deutschland, habe ich schnell gelernt. Wer hier arm ist, kann einen Arzt einfach nicht bezahlen. Egal ob seit der Geburt oder nach einem Unfall. In Indonesien behindert sein ist ein schweres Schicksal. Es gilt als Schande. Behinderte Kinder werden von ihren Eltern versteckt gehalten, manche auf der Straße ausgesetzt. Hier in Sumatra gibt es Hilfsorganisationen wie z.B. „Childen of Sumatra“, deren Mitarbeiter durch die Dörfer fahren, um auch versteckte Kinder mit Beeinträchtigungen zu finden und ihre Eltern zu überreden, die Kinder für eine Behandlung nach Harapan Jaya zu bringen.

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Sertauli war vier als sie bei den Nachbarn in der Küche in den Wok mit kochend, heißem Öl gefallen ist. Ohne Geld, ohne angemessene Behandlung ist ihre Haut verkümmert – ihr Kinn auf der Brust festgewachsen. Schwester Jeannette van Paassen hat das Kind in Harapan Jaya operieren lassen, zwei Mal. Vier Operationen in Rotterdam folgten. Heute ist Sertauli verheiratet. Unterstützt durch Spenden für das Schulgeld hat sie sogar Management studieren können. Sie arbeitet in der Verwaltung des Reha-Zentrums. Ein ganz normales Leben dank Schwester Jeannette van Paassen den holländischen Ärzten, den Schwestern und Harapan Jaya.

Die Kinder werden hier nicht nur operiert im Reha-Zentrum erfolgt auch die Wundheilung nach der OP. Manche Kinder leben hier viele Jahre. Ihre Eltern sehen sie oft nur an Weihnachten. Die Familien wohnen weit weg und können die Reise zu ihren Kindern nicht bezahlen. Trotzdem ist ein Leben für die Kinder mit Beeinträchtigung hier einfacher als bei ihren Familien, erzählen mir Mitarbeiter in Harapan Java, denn zu Hause in ihren Dörfern werden behinderte Kinder oft ausgegrenzt. Im Reha-Zentrum der Franziskanerinnen bekommen die Kinder physiotherapeutische Behandlung und sie können zur Schule gehen.

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