Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Sumatra – das wird für mich immer die Insel ohne Himmel sein. Seit ich hier bin, ist es gelb verhangen, wenn ich nach oben schaue. Ich habe mich schon daran gewöhnt, traurig eigentlich. Es ist der „haze“ (englisch) oder „asap“ wie die Indonesier sagen, vor dem mich der Geschäftsmann aus Kuala Lumpur beim Frühstück in Bogor gewarnt hatte. Immerhin ich habe einen Flug bekommen. Zeitweilig waren auch einige Flughäfen geschlossen. Die Wälder auf Sumatra und auf Borneo brennen immer noch. Viele Menschen tragen Atemschutz. Kleine Kinder, die Arbeiter am Flughafen. 17 Menschen sind schon gestorben.

Menschen mit Mundschutz. Mal wieder das Titelbild der Tageszeitung in Medan.

Menschen mit Mundschutz. Mal wieder das Titelbild der Tageszeitung in Medan.

Ich hatte mich trotzdem entschieden zu fliegen. Aber nach Nordsumatra. Hier soll es nicht so schlimm sein. Nach einer Woche bei den Franziskanerinnen reise ich jetzt weiter zu meinem eigentlichen Ziel: Bukit Lawang. Der kleine Ort am Rand des Gunung Leuser Nationalparks ist das Mekka für alle, die Orang-Utans sehen wollen. Sumatra und Borneo sind weltweit die letzten Regionen, wo die Orang-Utans zu finden sind. Orang-Utan ist übrigens indonesisch und bedeutet Mensch und Wald: Waldmensch also.
Ich mache die Reise aber nicht für die Waldmenschen. Hier im Gunung Leuser Nationalpark soll es früher viele Adlerholz-Jäger gegeben haben. Seit es den Aquilaria-Baum deswegen kaum mehr gibt, ist auch in dem Nationalpark die Goldgräberstimmung in Sachen Gaharu, wie die Einheimischen Adlerholz nennen, vorbei. Ich möchte mit jemand sprechen, der damals sein Geld mit Adlerholz verdient hat. Jemand wie Umid. Dem kleinen drahtigen Mann sehe ich seine 40 Jahre kaum an. Das macht vermutlich sein Job. Er ist jeden Tag im Dschungel mit Touristen unterwegs, die die wild lebenden Orang-Utans sehen wollen.

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Wir treffen uns in dem Restaurant in Bukit Lawang, in dem alle Touristen-Führungen in den Dschungel mit einem Lunch starten. Der Raum ist übersäht mit gerahmten Orang-Utan–Fotos an den Wänden. „Gut angekommen?“ fragt mich Umid. Er lacht. Die letzten drei Stunden von Medan hierher bin ich mehr geschüttelt als gefahren worden. Ja die Anfahrt war etwas ruckelig sage ich. Dann stellt sich raus: Umid ist so was von der richtige Interviewpartner. Heute arbeitet er als Touristen-Guide im Nationalpark. Er führt Besucher zu den Orang-Utans. Doch vor 20 Jahren, hat er sein Geld mit Adlerholz verdient. Sieben Jahre lang ist er jeden Tag in den Dschungel auf die Suche gegangen. In Trupps von 20 Leuten. Eine Tour dauerte zwei Wochen. Manchmal sind sie auch ohne Gaharu zurück gekommen. Denn die Suche nach dem begehrten Adlerholz ist nicht einfach. Wenn sie aber etwas gefunden haben, war es sehr lukrativ. Immerhin hat Umid damals so viel verdient, dass er davon ein Haus, ein Motorrad und eine rubber-farm kaufen konnte, erzählt er mir stolz. Obwohl er heute eigentlich ungern über diese Zeit spricht. Auch sein Boss und viele Freunde wissen nichts von seinem früheren Leben als Gaharu-Jäger.

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Denn zumindest hier im Nationalpark ist die Ernte von Gaharu heute streng verboten. Der Baum ist nämlich fast vom Aussterben bedroht, erzählt Umid, während wir in den Regenwald wandern. Erst geht es noch über die ausgetrampelten Touristenpfade. Doch dann wird es für mich sportlich. Querfeldein, manchmal versinke ich zentimetertief im warmen, Regenwaldboden. Immer wieder dreht sich Umid zu mir um: „hati, hati“, „Vorsicht“. Dann zeigt er mir an welchem Baum ich mich festhalten, oder hochziehen kann. Ich bin durchgeschwitzt. Meine Jeans klebt an meinen Beinen. Doch das merke ich nicht. Ich bin zu beschäftig mit dem, was ich sehe. Überdimensionale Termitennester, hunderte Jahre alte Bäume. Ich habe meine Socken hoch über meine Jeans gezogen, aus Angst vor Ameisen oder Blutegeln. Umid, vor mir, klettert barfuß in Flipflopps. Und dann ist er plötzlich da. Der Aquilaria-Baum. Einer der letzten im Gunung Leuser Nationapark. Umid hat ihn wieder gefunden. Vor 20 Jahren war er schon mal hier.

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Hätte er damals Adlerholz entdeckt, stünde der Baum heute nicht mehr hier, lacht er und klopft mit der Hand auf den Stamm. Es klingt wie eine helle Trommel. Ein Test: tatsächlich ein Aquilaria-Baum. Umid zeigt mir kleine Wölbungen – wie Hügel. Unter der Rinde könnte sich Gaharu entwickelt haben – durch den Einstich von einem Insekt. Dann kann sich der besondere Pilz bilden. Nur so wird aus gewöhnlichem Aquilaria-Baum-Holz kostbares Adlerholz. Umid holt sein Messer raus. Ein gekonnter Schnitt unter die Wölbungen. Das Holz ist hell und dann sehe ich kleine dunkle Striche. Umid blickt zufrieden. Ist es auch sehr, sehr wenig. Immerhin tatsächlich echtes Adlerholz. Unter der Flamme entfaltet er sich dann: Der Duft, für den Käufer in der arabischen Welt viel Geld hinblättern. Der Duft, den Parfumeure in Europa verwenden, um kostbarste Parfums zu kreieren. Und der Duft für den ich tausende Kilometer gereist bin. Ich rieche es nur kurz. Aber es ist intensiv, schwer, irgendwie voll. Wie wenn etwas besonders schönes den ganzen Körper erfüllt. Ich habe ihn gerochen, den teuersten Duft der Welt.

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