Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Myanmar gehört auf der Nachrichtenlandkarte zu den wenig beachteten Nationen. Nur punktuell greift die westliche Auslandsberichterstattung das Land auf. Ereignisse wie die Wahlen erhöhen die Aufmerksamkeit ausländischer Medien plötzlich und das umso mehr, wenn die junge Demokratie an dieser Probe scheitern sollte und die Stimmung in dem in weiten Teilen friedlichen Land in Gewalt umschlägt.

Rote Flatschen all überall auf Myanmars Straßen. Die Auflösung des Rätsels folgt alsbald.

Rote Flatschen all überall auf Myanmars Straßen. Die Auflösung des Rätsels folgt alsbald.

Ein sensationslustiger Reporter ohne besondere Asienkenntnisse könnte bei seiner Ankunft im Land genau diese Fährte aufnehmen. Auf dem dunklen Asphalt, auf Schotterwegen, auf dem Boden neben der Haltestelle – immer wieder säumen faustgroße blutrote Pflatschen seine Erkundungstour durch das fremde Land. Das blutige Resultat der Unterdrückung politischer Aufständischer? Anschläge auf Regierungsunterstützer? Blutige Auseinandersetzungen rivalisierender Parteien?

Ein Hafenarbeiter in Myeik: Betelsaft ist Gift für die Zahnhygiene.

Ein Hafenarbeiter in Myeik: Betelsaft ist Gift für die Zahnhygiene.

Nein, die Sensationslust wird mit der Auflösung des Rätsels enttäuscht: Akustisch, wenn jemand aus tiefster Kehle den Schleim zusammenzieht und diesen mit Schwung jenseits seiner Mundhöhle befördert. Optisch, wenn das freundliche Willkommenslächeln tiefrote Zähne wie nach einem Vampirbiss entblößt. Es ist kein Blut, das sie färbt, sondern der Saft der Betelnuss‘. Zerhackt rollen Burmesen sie an unzähligen Straßenständen in ein mit gelöschtem Kalk bestrichenes Blatt Betelpfeffer ein. Nach Geschmack kommen noch Tabak oder andere Gewürze hinzu. Beim Kauen entfalte sich eine Wirkung ähnlich wie beim Rauchen von Nikotin.

Ein Blatt Betelpfeffer, die zerhackte Nuss, gelöschter Kalk und nach Geschmack noch etwas Tabak - die Zutaten für den Zigarettenersatz in vielen Ländern Asiens. Fotos: Lindekamp

Ein Blatt Betelpfeffer, die zerhackte Nuss, gelöschter Kalk und nach Geschmack noch etwas Tabak – die Zutaten für den Zigarettenersatz in vielen Ländern Asiens. Fotos: Lindekamp

Ohne Frage und offensichtlich ist das Gemisch Gift für die Mundhygiene und sicherlich steigert es auch das Krebsrisiko. CNN spricht in einem Artikel von „Asiens tödlicher Sucht“. Der Reiseführer mahnt: Wer testen will, soll aus Rücksicht auf seine Leber unbedingt ausspucken statt schlucken – also der falschen Fährte der Sensationslust eine weitere blutrote Spur hinzufügen.

Die USA haben für den Zeitraum um die Wahlen am 8. November bis nach der Verkündung der Wahlergebnisse Ende des Monats, eine Reisewarnung für das Land verhängt. Reisende sollten Menschenansammlungen meiden und besonders achtsam sein. Bleibt zu hoffen, dass diese Warnung den sensationslustigen Reporter ebenso enttäuschen wird wie die roten Betel-Pflatschen auf den Straßen Myanmars – die Wahlen also friedlich verlaufen. Es wäre einen Artikel wert.

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