Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die edlen Hotels in Addis Abeba haben Souvenir-Ecken eingerichtet. Dort legen sie für ihre Gäste Schmuck, Töpferware und traditionelle Kleidung zum Kauf aus. Darunter sind handgemachte Tücher, mit sorgfältig gewobenen Mustern. Sie sollen das Gegenteil der Massenware sein, die Modeketten in ihren Regalen stapeln.Mitbringsel, die Exklusivität versprechen und einen sozialen Anspruch erfüllen sollen. Der Kauf soll nicht gesichtslose Fabriken unterstützen, sondern engagierte Menschen, die sich der Handarbeit verschrieben haben. 

Wer in Äthiopien hinter die Fassaden blickt, der merkt, dass es ganz so einfach nicht ist. Im Gegenteil: Ausgerechnet in den traditionellen Webereien werden oft Kinder ausgebeutet. Die Realität in den Textilfabriken sieht meist besser aus – teilweise sogar mit Ansprüchen auf Urlaubsgeld und Gewerkschaftsvertretung.

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Über die Herkunft der schönen, handgewobenen Stoffe wollen auch viele Menschen in Äthiopien lieber nicht nachdenken

Ashefanis Kindheit endete vor etwa fünf Jahren. An das genaue Datum kann sich der heute 15 Jahre alte Junge nicht mehr erinnern. Er lebte im Süden Äthiopiens auf dem Land, ging zur Schule, spielte mit Freunden. Eines Tages sprach ein Fremder ihn an. Er solle mit ihm in die große Stadt kommen: „Addis hat alles“, wiederholt Ashefani seine Worte. „Es gibt dort viel Geld, sogar, wenn man gar nicht arbeitet“. Ashefani wusste, dass es seine Mutter seit dem Tod seines Vaters immer schwerer hatte, den Lebensunterhalt für die Familie zu stemmen. Er verließ mit dem Fremden seine Heimat – ohne seiner Mutter davon zu erzählen.

Was ich dann erlebt habe war jedoch das Gegenteil von dem, was mir versprochen wurde“, beschreibt der Junge mit leiser, gebrochener Stimme sein Leben. In Shiromeda, dem Stadtteil der Weber, wurde er zum Arbeiten gezwungen. Er bekam ein schmales Bett und einen Webstuhl in einen Raum zugewiesen, in dem er zusammen mit acht weiteren Kindern und jungen Erwachsenen arbeiten und schlafen sollte.

Um sechs Uhr morgens wurde er geweckt, um sogleich mit dem Weben zu beginnen. Immer die gleiche Handbewegung, sechs Tage die Woche bis Mitternacht: Abwechselnd mit der rechten und der linken Hand die Spindel durch das Netz parallel verlaufender Fäden schubsen. Seine Mutter durfte er in den letzten fünf Jahren nur ein Mal besuchen.

Er erzählt von diesem Arbeitsrhythmus im Lehrerzimmer einer Schule, die er mittlerweile besucht. Er arbeitet immer noch. Aber dank einer Hilfsorganisation hat sein Leben nun eine Perspektive. Die ausführliche Geschichte werde ich noch einem Radiobeitrag erzählen. So wie ich auch auf die Arbeitsbedingungen in Textilfabriken und Schicksale wie das Folgende noch genauer eingehen werde.

Asgedache hat zehn Jahre lang die Schule in einem Vorort von Addis Abeba besucht. Danach hätte sie Geld verdienen müssen. „Aber es gibt hier kaum Arbeit“, musste sie feststellen. Zu viele junge Menschen drängen auf den Markt. Da kann auch die stark wachsende Wirtschaft Äthiopiens nicht mithalten. „Ich habe lange nach einem Job gesucht, bis ich vor zwei Jahren auf eine Ausschreibung von Ayka gestoßen bin“, sagt die 23-Jährige.

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Asgedache hat eine spezifische Aufgabe in der Produktionskette: die Waschzettel zusammen nähen.

Ayka Addis ist das größte ausländische Textilunternehmen in Äthiopien, das mehr als 6000 Menschen beschäftigt und vor allem Kleidung für Tchibo produziert. Es sollte der erste feste Arbeitgeber für die junge Frau sein. Einer, bei dem es eine Kantine und ein Krankenstation gibt und sich die Mitarbeiter in einer Gewerkschaft organisieren, um für ihre Anliegen zu streiten.

Fünf Tage die Woche geht sie zu geregelten Zeiten arbeiten: Acht Stunden am Tag näht sie oder kontrolliert die Arbeit der anderen Näherinnen auf Fehler. Überstunden werden bezahlt. „Ich bin zufrieden damit, weil ich das zusätzliche Geld brauche“, sagt sie. Umgerechnet 45 Euro verdient sie – im Monat. Ein Lohn, mit dem sie auch in einem so armen Land wie Äthiopien nicht weit kommt, der es aber es für internationale Konzerne überhaupt erst profitabel macht, dort Kleidung produzieren zu lassen. Das schafft die Jobs, die das Land so dringend braucht. 

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