Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

In der Stadt Puno am Titicacasee habe ich ein Interview mit einem Ingenieur des Proyecto Especial Binacional Lago Titicaca (Pelt), einem Experten für das Thema „Kontamination des Titicacasees“. Der Titicacasee spielt aber nicht nur für die Wasserversorgung der Region eine Rolle, sondern hat auch eine große kulturelle Bedeutung. Zum Beispiel leben auf dem See noch etwa 2000 Angehörige der Ethnie der Uros auf künstlich angelegten, schwimmenden Inseln – in sehr einfachen Verhältnissen. Ich mache mich auf, um mir anzuschauen, wie die Uros, aber auch die Bewohner der natürlichen Inseln auf dem See leben. Aus der Tagestour wird letztendlich eine Zweitagestour mit Übernachtung auf der Insel Amantaní. Hier leben etwa 4500 Menschen in zehn kleinen Gemeinden. Sie beherbergen die ausländischen Touristen bei sich zu Hause, mehrmals die Woche, dann rotieren sie und die nächste Familie ist an der Reihe. Das Beherbergen der Gäste scheint eine der oder sogar die Haupteinnahmequelle der Menschen hier zu sein.
Die Übernachtung bei der einheimischen Familie stellt sich als das eigentliche Erlebnis heraus. Obwohl die Insel nur rund drei Fahrtstunden mit unserem kleinen Boot von der Stadt Puno auf dem Festland entfernt ist, leben die Menschen hier in einer anderen Welt. Ich werde zusammen mit einer spanischen Touristin, mit der ich mein Zimmer teilen werde, von einer traditionell gekleideten Dame und ihrer fünfjährigen Tochter abgeholt. Von außen betrachtet ist das Haus wunderschön, vor allem seine Lage – direkt am See. Wir klettern einen kleinen Hügel hoch und kämpfen uns durchs Gebüsch, um in das Haus zu gelangen. Aus der Nähe betrachtet ist aber alles sehr einfach. Es gibt keine Heizung, eine sehr provisorische Toilette befindet sich draußen, genauso wie der Wasserhahn, an dem wir uns die Zähne putzen werden. Eine Dusche gibt es nicht. Gebadet und Wäsche gewaschen wird im See. Die Küche besteht aus einem kleinen Gasofen. Wenn man einen Blick in die oberen Räume erhascht, sieht man, dass die gesamte obere Etage von innen nicht fertig gebaut wurde. Richtig sauber ist es hier nicht.
Beim Mittagessen gegen 14 Uhr stellen ich und meine spanische Zimmerkollegin der Dame des Hauses viele Fragen. Sie erzählt uns, dass es keinen Fernseher gibt, sie nicht wisse, wie man ins Internet gelange. Sie sei auch nie weit weg gewesen. Mit 20 habe sie ihren Mann geheiratet, drei Kinder bekommen, jetzt sei sie 32. Auf viele Fragen antwortet sie jedoch ausweichend, sie selbst stellt uns keine Fragen.
Wir essen Gemüse, Reis und Kartoffeln. Zu mehr reiche es nicht, Fleisch sei zu teuer, erzählt sie uns. Ich frage, wie es mit Fisch aussieht. Der sei ebenfalls nicht drin, sagt sie. Das ist der Moment, an dem ich mich zum ersten Mal wundere. Denn der Fisch schwimmt quasi direkt vor der Haustür.
Nach einer kleinen organisierten Wandertour in einer Gruppe, sollen die Familien uns am zentralen Platz der Insel abholen – alleine würde keiner der ausländischen Gäste den Weg durch die Natur zurückfinden. Ich und meine Zimmergefährtin gehen eher zum Platz zurück, es ist zu kalt und wir wärmen uns in der einzigen kleinen Bar auf, die es auf dem Platz gibt auf. Irgendwann kommt der Besitzer zu uns und erzählt uns, dass uns unsere Familienmutter gesucht hat und wieder gegangen sei. Aber warum ist sie nicht hereingekommen? Es ist unmöglich, uns auf dem kleinen Platz nicht zu finden und offensichtlich hatte sie ja mit dem Besitzer geredet. Oder hatte es sich herumgesprochen, dass sie uns gesucht hat? Ist sie zu schüchtern, um hereinzukommen? Später wird sie uns erzählen, dass sie zwei Mal den langen Weg von Zuhause zu dem Platz auf sich genommen hat, weil sie uns beim ersten Mal nicht gefunden hat.
Wieder Zuhause stellt sich heraus, dass es der kleinen Tochter nicht gut geht. Sie habe Magenprobleme, erzählt die Kleine – von dem Fisch, den sie zu Mittag gegessen habe.
In dem Moment fällt mir ein, dass unsere Gastmutter uns vor der Wandertour davor gewarnt hatte, auf dem zentralen Platz der Stadt Wasser zu kaufen. Es koste das Dreifache von dem, was wir in dem kleinen Laden in der Nähe ihres Hauses bezahlten. Ich hatte die Preise auf dem Platz aber gesehen: sie waren gleich.
Abends gehen wir zu einer kleinen für die Ausländer organisierten Party. Alle Getränke sind warm, denn Kühlschränke und Eis gibt es hier nicht. Der steile Weg hin und zurück durchs Dickicht dauert länger als unser Aufenthalt auf dem Fest. Beleuchtung gibt es nicht.
Die Nacht schlafe ich schlecht, auch wegen der Höhe. Ich gehe zwei Mal nach draußen, lausche dem Wasser. Hier ist es zugleich schön und unheimlich.
Das Frühstück am nächsten Morgen ist einfach, Kaffee und Milch gibt es in unserem Haus nicht. Die kleine Tochter kommt aus dem Bett. Sie hat offensichtlich in denselben dreckigen Anziehsachen geschlafen, die sie gestern getragen hatte. Mein Fotoapparat fasziniert sie. Sie weiß ihn genau zu bedienen, kennt die Zoom-Funktion, versucht aber zunächst das Foto auf dem Display mit Daumen und Zeigefinger aufzuziehen, wie bei einem Mobiltelefon.
Bevor wir abreisen erhasche ich noch einen letzten Blick in das Schlafzimmer der beiden – dort herrscht das absolute Chaos. Alles liegt kreuz und quer auf dem Boden. Wie im Rest des Hauses ist die Möblierung sehr spartanisch. Wohnen sie tatsächlich immer hier – in diesem Chaos? Den Ehemann und die älteren Kinder bekommen wir nicht mehr zu Gesicht. Sie seien über Nacht in Puno gewesen, erzählt uns die Gastmutter. Aber wo haben sie geschlafen und wieso haben sie das Geld für die Überfahrt, wenn sogar elementare Dinge hier fehlen?
Bin ich paranoid? Was ist hier echt? Viele Fragen bleiben. Trotzdem, die Nacht auf der Insel war ein Erlebnis, egal, ob das Drumherum echt oder gestellt war.

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