Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.
So geht Recycling auf den Philippinen: 60.000 Jeepneys knattern durch Manila.

So geht Recycling auf den Philippinen: 60.000 Jeepneys knattern durch Manila.

Diese Stadt ist eine Symphonie, ein Orchester aus 1000 Klängen. Hupen, brummen, knattern. Schreien, murmeln, lärmen. Wiehern, trappeln, quietschen. Die Dirigenten wechseln an jeder Kreuzung. Mal sind es die Fußgänger, die zu Hunderten eine Straße blockieren. Der Verkehr als Glücksspiel: Rien ne va plus, nichts geht mehr. Einen Block weiter herrscht das Recht des Stärkeren. Wer viel unter der Haube hat und den Fuß ständig am Gas, muss sich um Zebrastreifen nicht scheren. Fußgänger werden zu Schwarmwesen – alleine Opfer, in der Masse eine Macht.

Sich fortbewegen, morgens zur Arbeit, nachmittags auf den Markt und abends in die Amüsierviertel, das ist in dieser Megacity ohne Anfang und Ende ein tägliches Abenteuerchen. Drei Verkehrsmittel, drei kleine Geschichten.

 

Böse Überraschung in der Kutsche

Der Mann wirkt zunächst freundlich, trotzdem mag ich ihn nicht. Hello my friend, where from? Eine innere Stimme meldet sich in meinem Kopf, ausgebildet auf früheren Reisen abseits der touristischen Trampelpfade. Sie sagt: Wenn dich einer, den du nicht kennst, „friend“ nennt, führt er nichts Gutes im Schilde. Aber: Neues Land, neues Glück. Was soll passieren? Also rein in den Einspänner. Der Gaul sieht etwas abgemagert aus, vielleicht weil er sein kümmerliches Leben zwischen stinkendem Blech verbringen muss. Manuel verlangt 350 Pesos für die 20-Minuten-Fahrt in die Chinatown, die Herzkammer der Exilchinesen auf den Philippinen. Viel zu viel, weiß ich und biete 50. Manuel nickt. Let’s go, my friend.

Auf der vielbefahrenen Padre Burgos Street bleibt das Pferd plötzlich stehen. Hinter uns staut sich der Verkehr. Gezeter Gezeter. Doch Manuel bleibt entspannt und winkt die Autofahrer vorbei. Dann deutet er auf den Asphalt unter uns. Ein Rinnsal. „Das Pferd kann nicht pissen und laufen gleichzeitig.“

Als wir die schmucke National Art Gallery passieren, erzählt mir der Mann aus seinem Leben. Manuel ist Anfang 50 und wohnt in Malate. Seit 17 Jahren arbeitet er als Kutscher, er kennt die strahlenden und die schmutzigen Ecken von Manila. Ob er jemals einen Unfall gehabt habe? „Nicht ein einziges Mal!“ Also muss er ein guter Fahrer sein, sage ich. Manuel bedankt sich für die Nettigkeit, wir lachen. Die Stimmung ist gelöst. Sollte mein Gefühl mich getäuscht haben? Ist Manuel doch ein anständiger Kerl?

Ist er nicht. Als wir das Eingangstor nach Chinatown durchfahren, fordert er sein Geld. Ich gebe ihm einen Fünfziger. Mit, sagen wir, eindringlichem Blick dreht sich Manuel zu mir um. What’s this, tip for the horse? Er will jetzt 1500 Pesos. Als ich ablehne, rückt er näher, droht mit der Polizei. You want trouble? Auf die Staatsmacht habe ich wenig Bock: Wenn es stimmt, was Residenten erzählen, ist das ein ziemlich korrupter Haufen, oft macht sie gemeinsame Sache mit Betrügern und teilt sich mit ihnen die Beute. Ich springe ab und werfe Manuel den Fuffi vor die Füße. Ein lauter Wortwechsel, der Typ tobt jetzt wie ein größenwahnsinniger Giftzwerg. Ich bedenke ihn mit einem bösen Blick und einer universalen Geste, dann tauche ich ab in den Wimmelgassen von Chinatown. Die friend-Regel, sie gilt also auch in Manila.

 

Philippinische Weisheit in der Hochbahn

Wer schnell von einem Ort zum anderen gelangen möchte, fährt in Manilas Hochbahnen. Die sauberen, klimatisierten Züge rauschen auf Trassen über den dauerverstopften Straßen. Wenn über einer Trasse eine weitere verläuft, der Verkehr also auf drei vertikalen Ebenen stattfindet, sieht das ziemlich futuristisch aus. Problem eins: Es gibt nur wenige Linien. Problem zwei: Man muss erstmal reinkommen in den Zug.

Die Haltestelle United Nations Avenue: Ein Display zeigt die Zeit, schwitzende Menschen stehen am Gleis und warten auf den nächsten „Tren“. Könnte auch eine S-Bahn-Station in irgendeiner NRW-Großstadt sein. Dann fährt endlich der Zug ein. Gedränge, Hektik. Die Waggons sind übervoll; als sich die Türen schließen, stehe ich noch immer auf dem Bahnsteig. Also Warten auf den nächsten Zug. Wenige Minuten später ein identisches Schauspiel. Wieder komme ich nicht rein. Bin ich zu doof zum Bahnfahren?

Neben mir steht ein junger Student. Feste Schuhe, lange Hose, frisches Hemd, das fällt in dieser Flipflop-Stadt schon auf. Unsere Blicke treffen sich. Auch er ist zweimal nicht reingekommen. Ich zucke ratlos mit den Schultern. Der Junge lächelt. „Es ist 16.30 Uhr – Rushhour. Die Büroleute fahren auf dieser Linie jetzt aus dem Bankenviertel Makati in die nördlichen Vororte“, erklärt er mir. Keep smiling! „Irgendwann schaffen wir’s schon.“

 

Das gibt’s nur hier: Im Jeepney durch Manila

Andere Länder, andere Unikate. In Bangkok fahren sie Tuk-Tuk, in Accra Trotro, in Manila Jeepney. Gibt’s wohl nur hier, und wie so vieles in diesem eigentümlichen Land hat auch das mit den Amerikanern zu tun. Als der Weltkrieg gewonnen war und die USA sich von den Philippinen zurückzogen, ließen sie Tausende Militärjeeps in den ehemaligen Depots zurück. Die Dinger rosteten jahrelang vor sich hin, vergessen und unbrauchbar. Bis ein findiger Filipino auf die Idee kam, den Fahrzeugen als Massentransportmittel eine neue Existenzberechtigung zu schenken. Heute fahren knapp 60.000 Jeepneys durch Manila, auf den verlängerten Fahrgestellen ist Platz für 16 klein gewachsene Asiaten.

Die Fahrer sind eine Spezies für sich, stolz auf ihren Beruf und durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Auch nicht, als ich einem mitten in Santa Cruz winke. Der Mann tritt auf die Bremse, wütendes Gehupe dahinter, ich springe auf. Die Jeepneys sind bunt bemalt, für die Chauffeure sind sie zugleich Existenzgrundlage, Arbeitsplatz und Statussymbol. Der Innenraum: pure Nostalgie. Die grobe Route ist mit roter Farbe auf Täfelchen geschrieben und hängt hinter der Frontscheibe. Auf dem Armaturenbrett ein Jesus am Kreuz sowie ein Aufkleber: God bless our trip! Immer wieder schüttet der Fahrer Wasser in eine halbierte Plastikflasche. Sie steckt in einem ausgesägten Loch neben dem Lenkrad, gluckernd sickert das Wasser ins Innere des Oldiemobils. Auf dem Beifahrerplatz sitzt die Frau des Fahrers. Sie nimmt das Fahrtgeld entgegen, Jeepneys sind auch für philippinische Verhältnisse billig. Wenn der Wagen stoppt, weil sich der Verkehr staut – was ziemlich häufig vorkommt -, legt sie ihrem Mann zärtlich eine Hand auf das Knie, sie tauschen dann verstohlen verliebte Blicke aus. Gegen den Dauer-Smog trägt sie einen Mundschutz wie eine Ärztin im OP-Saal.

An den Abgasen sind nicht zuletzt die vielen Tausend Jeepneys schuld. Stadtplaner fordern seit Jahrzehnten, sie endlich von den Straßen zu verbannen. Doch Manilas Kommunalpolitiker sehen offenbar keine Alternative. Als wir die Mabini Street erreichen und ich versuche, mir beim Sprung vom Fahrgestell nicht den Fuß zu verstauchen, denke ich: zum Glück. Denn eine Fahrt im Jeepney ist ein Erlebnis, das Manila ein Stück einzigartig macht.

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