Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Na gut, ein Südsee-Paradies sieht anders aus. Einsamere Strände mit weißerem Sand, mehr Palmen und weniger streunende Hunde. Trotzdem ist Baloy ein hübsches Fleckchen Erde, und wer hier wohnen darf, hat es gut getroffen im Leben. In Baloy also treffe ich einen Mann, der zwar kein Filipino ist, dessen Lebensweg dennoch etwas erzählt über den Inselstaat. Es ist eine Geschichte über den Traum vom unbeschwerten Leben, über den Fortschritt der Philippinen vom Entwicklungs- zum Schwellenland – und über das verstörende Zusammentreffen westlicher Pufftouristen, armer Frauen vom Land und der philippinischen Sexmafia.Foto_Baloy

Der Mann, von dem in den folgenden Zeilen die Rede ist, heißt anders, an dieser Stelle nenne ich ihn Morten. Er hat eine Tochter und eine Exfrau in Dänemark, vielleicht Eltern. Manches von dem, was er mir erzählt, sollte eine Tochter über ihren Vater nicht zufällig via Google herausfinden. Deshalb: Morten.

Wir lernen uns eines Nachmittags in einer Strandbar kennen. Morten trinkt einen Gin auf Eis, man kommt ins Gespräch. Where are you from, what do you do in the Philippines? Als ich dem Mann erkläre, dass ich Journalist im Auftrag einer deutschen Stiftung bin, funkeln seine Augen. Vielleicht möchte er einfach über das Land sprechen, in dem er seit Jahren lebt, vielleicht ist ihm an diesem Nachmittag auch nur etwas langweilig. Jedenfalls willigt er ein, von sich zu erzählen.

Mortens Weg begann auf der dänischen Insel Fünen, wo er vor mehr als 60 Jahren zur Welt kam. Das Bild, das er von sich zeichnet, ist das eines Erfolgsmenschen. Als Pilot bei zwei großen Fluggesellschaften hat er gut verdient und die halbe Erde gesehen. Ein Weltenentdecker war er nicht. „Die Langstreckenflüge habe ich gehasst. Immer ein, zwei Tage Aufenthalt, ein Leben in Hotels. Ich war stets froh, wenn ich wieder zuhause war.“ Wirklich zufrieden war er jedoch auch bei seiner Familie nicht. Er tingelte durch die Nachtclubs von Bangkok bis Manila, er suchte Frauen, keine Liebe. Schließlich zog er einen Schlussstrich und auf die Philippinen. „Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet, ich wollte es mir endlich gut gehen lassen.“ Bei dieser etwas wehleidig klingenden Formulierung muss ich lächeln: Morten ist schon mit 50 in Ruhestand gegangen. Pilotenschicksale.

Er begann also sein neues Leben in Südostasien. Zunächst trieb es ihn nach Angeles. Diese Stadt 80 Kilometer nordwestlich von Manila ist einer der heftigsten Orte des ganzen Kontinents. Etwa 500.000 Prostituierte soll es auf den Philippinen geben, schätzen Experten. Viele Frauen kommen aus einem weiten Umkreis nach Angeles, um in den unzählbaren Bordellen Arbeit zu finden. Oft sind sie notleidend: haben keine Schulbildung, sind alleinerziehend.

Die organisierte Kriminalität verdient gut daran, Touristen eine Falle zu stellen und sie zu erpressen. Auch Morten hat das erfahren. „Man geht mit einer Frau aufs Zimmer. Plötzlich bekommt sie einen Anruf. Ihre kleine Schwester sei alleine zuhause, ob die kurz kommen dürfe, bis die Mutter wieder da ist. Man sagt ja. Dann sagt die Frau, sie müsse was erledigen, sie komme gleich wieder. Man ist also alleine mit einem vielleicht zwölfjährigen Mädchen. Dann klopft es an der Tür, die Polizei. Die Männer erklären, sie hätten einen Pädophilen auf frischer Tat erwischt. Entweder man zahle ein paar zig Tausend Pesos, oder man wandere in den Knast.“ Morten hat viele solcher Episoden auf Lager. Eine andere Masche gehe so, dass die Polizei einem Touristen Haschisch unterjubele, wieder müsse man sich frei kaufen. Ich kann nicht überprüfen, ob die Geschichten stimmen. Jedoch höre ich sie nicht zum ersten Mal.

Dass Männer wie Morten ihrerseits die Bedürftigkeit der Frauen ausnutzen, dass sie nicht wissen können, ob die sich freiwillig prostituieren oder dazu gezwungen werden, erwähnt er nicht. Ein Kreislauf der Ausbeutung.

Entnervt von den Verhältnissen in Angeles, kam er nach Baloy. Endlich wollte er zur Ruhe kommen. Er suchte sich eine feste Freundin („Wenn man 1000 Frauen gehabt hat, verliert man das Interesse an flüchtigen Kontakten“), und das beschauliche Baloy kennt keine korrupten Polizisten. Das Kaff an der Subic Bay nahe Olongapo ist sicher vor den Taifunen, die andere Pinos-Städte mehrmals im Jahr heimsuchen. Ein beliebter Ferienort für die philippinische Mittelklasse. Kinder spielen im Sand, die Eltern machen Strahle-Selfies im Sonnenuntergang. Draußen im Meer rosten die Wracks etlicher versunkener Kriegsschiffe vor sich hin. Ein feuchter Tauchertraum.

Sein drittes Leben: Immobilienbesitzer am Ende der Welt

Wir laufen nun ein paar Meter zu Mortens Wohnung, er will mir zeigen, wie er hier lebt. Er bietet mir einen Platz auf dem Sofa an, Schmuckstück des Wohnzimmers ist ein hölzerner Tresen mit Barhockern – eine Mischung aus modernem Asia-Chic und Partykeller-Ambiente. Morten ruft „zwei Bier“ in Richtung Küche. Eine auffallend schöne, vielleicht 20-jährige Filipina erscheint mit zwei eisgekühlten Fläschchen „San Miguel“, ein dicklicher Junge rennt an uns vorbei auf die Terrasse. Wer die beiden sind, bleibt unklar, Morten stellt uns nicht vor. Wohl die Kinder seiner Freundin, reime ich mir zusammen. In dieser Atmosphäre erzählt Morten den dritten Teil seiner Geschichte: Wie er zum wichtigsten Immobilienbesitzer von Baloy wurde.

Als er das Fischerdorf vor ein paar Jahren entdeckte, erkannte er schnell das Potenzial dieses Ortes. Ewiger Sommer in billiger Umgebung – daraus, fand er, müsse sich doch was machen lassen. Also kaufte er von seiner Pilotenrente ein Stück Land und baute ein Haus darauf. Keine Hütte und auch keinen Bungalow, sondern ein richtiges Apartmenthaus aus massivem Stein. Dann bastelte er eine Internetseite. Es kamen Mieter aus Dänemark, Schweden, Deutschland. Zumeist Männer wie Morten, die sich eine einheimische Freundin anlachen und schöne Monate am Ende ihrer kleinen Welt gönnen. Das Konzept ging auf. Mittlerweile besitzt Morten drei Häuser in Baloy, es sind die höchsten und schönsten des Dorfs. Man kann es nicht anders sagen: Dieser Mann hat einen Riecher fürs Geschäft.

Nur eine Frage bleibt noch offen, ich kann sie mir nicht verkneifen. Glaubt er, dass seine Freundin aus Liebe mit ihm zusammen ist? Morten blickt mir in die Augen. „Liebe? Ich glaube, die philippinischen Frauen sind nicht anders als die dänischen. Meine Freundin profitiert von mir, ich profitiere von ihr. Liebe ist Chemie, sie entsteht mit der Zeit von alleine.“

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