Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Im Flugzeug

Ich hab das Zeitreisen erfunden! Überlichtgeschwindigkeit! Oder wie kann es sonst sein, dass ich am 13. Juli in Auckland morgens in den Flieger steige und nachmittags auf Tahiti ankomme – am 12. Juli. Das Konzept von dieser Datumsgrenze habe ich mir noch nie so genau überlegt. Naiverweise dachte ich, irgendwo ist halt 0 Uhr und auf der einen Seite ist gestern und auf der anderen heute, oder: auf der einen Seite heute und auf der anderen morgen. Stattdessen hat mein Flugzeug klammheimlich die Zone mit etwa 12 Uhr mittags verlassen und ist in die Zone hineingeschwebt, in der die Uhren 14 Uhr anzeigen – nur halt 22 Stunden früher. Ist ja auch logisch: Wenn man gegen die Sonne um die Welt fliegt, kann es nicht immer nur früher werden. Sonst könnte man mit einer Weltumrundung tatsächlich die Zeit zurückdrehen.

Blöd nur, dass mir das Konzept gerade erst in der Maschine nach Tahiti aufgegangen ist. In etwa einer Stunde landen wir und die liebe Familie, bei der ich erstmal wohnen darf, erwartet mich erst morgen. Ich bete zum Reiseidioten-Gott, dass Areti und ihr Mann nicht bis morgen verreist sind. Am Strand unter freiem Himmel schlafen klingt, glaube ich, nämlich toller als es ist.

Angekommen

Faa’a ist auf den ersten Blick eine Gegend, in der ich nicht unbedingt alleine nachts unterwegs sein möchte. Wellblechdach-Häuser verstecken sich hinter Betonmauern, über die schwarze Plastikplanen gespannt sind – Zäune sind schließlich teuer. Davor hängen zu jeder Tages- und Nachtzeit Männer herum, die sich – je nachdem – langweilen oder Marihuana verkaufen. Zwischen ihren Füßen wuseln Hunde und Hühner, ab und an brennt mal ein Müllhaufen auf der Straße. Hier wohne ich erstmal. Am Strand muss ich nicht schlafen, da bin ich schonmal erleichtert.

Zwischen Bananen- und Tarobäumen: Haus ohne Türen in Faa'a.

Zwischen Bananen- und Tarobäumen: Haus ohne Türen in Faa’a.

Gewöhnungsbedürftig ist, dass das Haus fast keine Türen hat. Vorm Badezimmer hängt ein Vorhang, in den Eingang zur Küche werden nachts zwei Stühle gestellt. Die zwei Wachhunde passen auf. Die Großfamilie wohnt mit mal vier, mal fünf Kindern hier. In Polynesien ist es nicht unüblich, dass die Kids mal bei den Eltern, mal bei Onkel und Tanten oder Großeltern wohnen. Je nachdem, wie es gerade passt.

Es sind Schulferien! Putahi und Raumana.

Es sind Schulferien! Putahi und Raumana.

Früher hieß Großfamilie hier noch was. In den 60ern hatten die polynesische Durchschnittsfrau 5,7 Kinder. Heute sind es nur noch 2,0. Das ist auch ganz gut so, denn die Jobs reichen so schon nicht aus. Laut Statistik ist etwa jeder fünfte arbeitslos – bei den Unter-25-Jährigen ist es jeder zweite. Allerdings ist das Arbeiten an sich hier auch nur einer von mehreren Lebensentwürfen, lerne ich. Da kann ich mich leider nicht anschließen – ich bin zum Arbeiten hier.

 

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