Es sind versunkene Vulkane, von denen nur noch ihr früherer Kragen aus Muscheln und Korallen aus dem Wasser schaut. Kreis- oder herzförmig können solche Atolle geformt sein – oder wie eine unförmige Peperoni, so wie Hao.

Eine schmale Küste und in der Mitte: nix. So sieht das Atoll Hao aus.

Eine schmale Küste und in der Mitte: nix. So sieht das Atoll Hao aus.

Auf dem Korallenriff stehen einfache Holzhäuser mit Wellblechdach, das Leben spielt sich auf der Straße ab. Die Insel hat eine steile Karriere hingelegt: In den 50ern lebten hier noch knapp 200 Einwohner – dann stieg Hao auf zum Steuerungszentrum und Umschlagplatz der atmosphärischen Nukleartests. Bis zu 3000 Menschen wohnten zu den wuseligsten Zeiten hier: Fast jeder hatte einen Job beim Militär, im Dienst oder einfach nur als Kellner, Fahrer, Monteur, Koch.

Mami Blu hat sich für den Fototermin in Schale geworfen.

Mami Blu hat sich für den Fototermin in Schale geworfen.

Oder als Nachtclubbesitzer. Mami Blu war damals der Star von Hao. Man sieht es ihr heute nicht mehr wirklich an. Sie wohnt in einem Zweizimmer-Haus inmitten eines kleinen Kokospalmenhains. Dem Geruch nach hat sie weder sich noch ihre Unterkunft in den letzten zehn Jahren gewaschen. Die grau melierten Haare haben ein interessantes Eigenleben entwickelt, der Reißverschluss ihres Kleides hängt nicht mehr da, wo er sollte, die Flipflops sind so abgelaufen, dass sie nur noch von den Zehen bis zum Mittelfuß reichen. Aber wer in den 60ern und 70ern keinen Fuß in einen Club von Mami Blu gesetzt hatte, war nicht auf Hao gewesen. Vodka, Rum, Wein flossen in Strömen, es wurde bis morgens getanzt und Mami Blu saß meistens auf dem Schoß eines Offiziers.

Good times - auf den Partys der Militärmitarbeiter fehlte es an nichts.

Good times – auf den Partys der Militärmitarbeiter fehlte es an nichts.

Die störten sich offenbar nicht daran, dass Mami Blu eigentlich ein Mann ist. Wie viele Männer in Polynesien trägt sie Pareo, Make-Up und Schmuck. In der Gesellschaft sind solche „soften“ Transvestiten weitgehend akzeptiert.

Bombenbau und Wolkenflüge

Nach Hao wurden in den 60ern und 70ern die Einzelteile für die Atombomben geliefert. Hier wurden sie zusammengebaut und dann dorthin transportiert, wo sie ihr zerstörerisches Werk verrichten sollten. Um das zu beobachten, kam sogar Frankreichs Präsident Charles de Gaulle vorbei.

Nach der Explosion in der Luft starteten vom Atoll aus spezielle Flugzeuge mitten in die radioaktive Wolke. Ihre Aufgabe: Proben nehmen, um mehr über die Detonation zu erfahren. Auf Hao wurde der radioaktive Staub von ihren Flügeln gewaschen, von Arbeitern in Baumwollanzügen. Das verseuchte Wasser floss in die Lagune, wohin auch sonst.

Unsichtbares Erbe

Sichtbare Überreste der glorreichen Zeiten der Atomtests gibt es heute kaum noch in Hao. Nachdem die Armee mehrfach nachdrücklich daran erinnert worden war, hat sie die alten Gebäude abgerissen, die meisten Betonplattformen aufgebohrt und die Überreste entweder abtransportiert oder sicher in Löchern versenkt. Das ist zumindest die offizielle Stellungnahme der Armee. Wenn man die Bewohner fragt, hört sich die Geschichte ein bisschen anders an. Teaitu Foster ist derjenige, zu dem man geht, wenn man auf Hao einen Kühlschrank oder einen Toaster reparieren möchte – und wenn man wissen will, was vor der Küste von Hao auf dem Meeresgrund liegt.

Militärangehöriger, Fischer, Immobilienbesitzer, Elektrofachmann - you name it, Teaitu kann alles.

Militärangehöriger, Fischer, Immobilienbesitzer, Elektrofachmann – you name it, Teaitu kann alles.

Er war zum Fischen draußen und hat sich darüber gewundert, dass ein Hubschrauber über dem Ozean kreist und mehrere Lieferwagen und einen Bagger im Wasser versenkt hat. Auch in der Lagune, also dem Herzen des Atolls, wurden Batterien, Fahrzeuge und andere Gerätschaften „zwischengeparkt“ – das hat das französische Verteidigungsministerium inzwischen eingeräumt. In einer mehrjährigen Säuberungsaktion soll alles richtig entsorgt werden. Das sollen rund 30 Soldaten zusammen mit Spezialfirmen erledigen – ihr Abzug wurde immer wieder verschoben. Nicht antasten will man dagegen das Plutonium, das angeblich noch unter einer größeren Betonfläche liegt.

Nicht viel ist mehr übrig von den Militäranlagen von früher.

Nicht viel ist mehr übrig von den Militäranlagen von früher.

PCB und Perroquet

Vor fünf Jahren hat man die Böden und das Wasser von Hao untersucht und einen bunten Blumenstrauß an Schwermetallen, Brennstoffreste und PCB gefunden. Die Empfehlung der Autoren: Kein Fischen an den Orten, die am stärksten belastet sind. Allerdings wird der Ratschlag von den Bewohnern freundlich ignoriert – es sind die Orte, an denen nun mal alle fischen.

Auch das ist Hao: Kleine Inseln mit Korallenstrand und Kokospalmen - andere Pflanzen haben es schwer hier.

Auch das ist Hao: Kleine Inseln mit Korallenstrand und Kokospalmen – andere Pflanzen haben es schwer hier.

Zusammen mit meinem Gastgeber, einem der zwei Krankenpfleger hier, stelle ich fest, dass auch andere Empfehlungen folgenlos geblieben sind. Wir wohnen genau da, wo früher Militärbaracken und eine Entsalzungsanlage für das Atoll standen. Brennstoffreste und PCB verseuchen das Grundwasser. Die Schlussfolgerung der Studie: Hier sollen keine Wohnanlagen gebaut werden, 80 Meter rund um die Lagune darf auch nichts angebaut werden. Und da sind wir, in drei schönen Fertighäusern für die Krankenpfleger und den Insel-Arzt. Vincent hat gerade erst Bananen und Kokospalmen gepflanzt. Zum Abendessen gibt es Poisson cru mit frisch gefangenem Perroquet – roher Fisch mit Kokosmilch und Limette. Ich frage lieber nicht, wo der genau gefangen wurde.

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