Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ein Supermarkt mit einem riesigen Bild von Stalin war das erste, was ich bei meinem Besuch in Gori,  der Geburtsstadt von Josef Wissarionowitsch Stalin, gesehen habe. Viele Menschen in Tiflis fragten mich, warum ich unbedingt nach Gori fahren will…in der Hauptstadt schaut man abwertend nach Gori. Dort seien die Menschen prorussisch, ihnen wird vorgeworfen in einer „sowjetischen Blase“ zu leben. Also der perfekte Ort für meine Recherchen.

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Die Stadt gleicht in der Tat einem „Stalin-Freilicht-Museum“. Viele Toursiten kommen hier hin, nur wenige sind leicht geschockt wie ich. In Gruppen stellen sie sich vor einer Stalin-Statue. Jeder will ein Foto mit dem sowjetischen Diktator.

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Während der Saakaschwili-Regierung (Anfang der 2000er) gab es einen harten antirussisch Kurs in Georgien. So wurden u.a. in den Städten die Stalin-Stauen entfernt. In Gori wollten die Menschen die Statue aber wieder haben. Sie hat es zwar nicht mehr auf einen zentralen Platz in der Stadt geschafft, aber sie steht jetzt vor dem Museum. Das ist aber nur der Gipfel des Eisbergs. Im Museum gibt es Stalin überall: Stalin auf einem Teppich, Fotos von Stalins Mathelehrer, Stalin mit seiner ersten und zweiten Ehefrau, Stalin bei der Potsdamer Konferenz UND Stalin auf Tshirts, Postkarten und als Figur – ein befremdeter Ort.

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Es gibt viel Kritik an der Ausstellung, denn sie setzt sich nicht kritisch mit der stalinschen Säuberung aus. In der Führung für Touristen wird die Verfolgung und Tötung unter der Herrschaft Stalins zwar erwähnt, aber in der Ausstellung selbst wird das Thema nicht behandelt. Viele Georgier wünschen sich, dass das Museum als Bildungsstätte genutzt werden sollte. Meine Übersetzerin war schockiert im Museum: „Ich bin das erste Mal hier, ich finde es heftig. Erst in den 90er Jahren haben sie angefangen in Georgien kritisch über Stalin zu reden. Wenn man die Ausstellung ändern würde, dann wäre es ein interessanter Ort und die Touristen würden nicht so blauäugig durch die Ausstellung gehen.“

 

Vor dem Museum sitzen viele alte Menschen im Park. Dort steht übrigens auch das Haus, in dem Stalin aufgewachsen ist. Er hat in armen Verhältnissen gelebt. Eine Museumsmitarbeiterin schließt die Türen für 2,50 Euro auf. Immer wieder lucken die alten Menschen dort hin.

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Ich fragte sie, was sie über Stalin denken, eine Frau antwortete: „Ich bin stolz, er kommt aus Gori, aus dieser kleinen Stadt aus Georgien. Er ist wohl der berühmteste Georgier, vielleicht sogar der stärkste gewesen.“ Eine Gruppe ältere Herren kritisiert Stalin, trotzdem finden sie das Museum toll. „Er war einfach eine Person, die unser Leben geprägt hat. Alle kennen seinen Namen und jetzt sitzen wir hier, wo er aufgewachsen ist.“

Ich verstehe jetzt auch, was die Menschen in Tiflis mit dem Begriff „sowjetische Blase“ meinen. In Gori leben vor allem ältere Menschen und sie denken gerne an die Sowjetunion zurück und erinnern sich an die „guten alten Zeiten“. Die Orientierung Georgiens Richtung Western verstehen viele Menschen hier vor Ort nicht. „Ich war noch nie in Europa. In Russland weiß ich wie alles funktioniert. Und meine Kinder sprechen die Sprache und können dort Geld verdienen. Man sollte die Märkte wieder für uns öffnen, dann geht es uns besser hier in Georgien.“

 

 

 

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