Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

 

Wenn die Oper als eigentliche Attraktion optisch ins Hintertreffen gerät

Wenn die Oper als eigentliche Attraktion optisch ins Hintertreffen gerät

Ignorieren geht einfach nicht. Zwei französische Touristen grinsen mich an, als sie an den sorgfältig aufgeschichteten Melonen vorbeilaufen. Ungläubig schauen sie das Kunstwerk an, das absolut deplaziert wirkt. Eine Gruppe von jungen Tadschiken in weißen Hemden läuft zielstrebig auf die aufgetürmten Melonen zu. Ein perfektes Motiv für Selfies. Melonenpyramide mit Oper im Hintergrund. Eine Mutter setzt ihre beiden Kinder vor dem Melonenberg in Szene.

„Ist heute Melonenfeiertag?“, will ich von einem älteren Mann wissen. „Nein“, sagt er ganz selbstverständlich, „der ist in einem anderen Monat. Das hier ist eine normale Melonenpyramide.“

„It’s a thing in Tadjikistan“, erklärt mir eine junge tadschikische Frau, die lange in den USA gelebt hat. Tadschikistan ist stolz auf seine Melonen.

It’s a thing. Das dachte sich vielleicht auch Präsident Rahmon, der Ende vergangenen Jahres ein überdimensionierte Teehaus in Form einer länglichen Melone in Hisar eröffnet hat. Von weitem sieht das 40 Meter hohe Gebäude aus wie ein gold-gelber Football, den man auf einen runden Säulenpalast geworfen hat. In Europa würde man das wohl „unkonventionelles Design“ nennen. Hier ist es  gewöhnliche postsowjetische Herrschaftsarchitektur mit megalomanischen Messages: Größtes Melonen-Teehaus der Welt. Immerhin wieder ein Superlativ, nachdem die Tadschikistan den Titel der größten Nationalfahne der Welt an Saudi-Arabien abgeben musste.

Aber diese Melonenpyramide steht nicht einfach nur so hier rum. Wo eine Melonenpyramide, da ein Anlass. Tadschikistan feiert in diesen Tagen 25 Jahre Unabhängigkeit. Ganz Duschanbe ist vollgepflastert mit Plakaten, auf denen der Präsident die Einheit und Unabhängigkeit des Landes beschwört. Und um das zu untermauern, gibt es eine pompöse Militärparade. Die aber ohne Melonen. Dafür mit drei Salutschüssen. Nach Tradition der Monarchien im alten Europa, die in Kriegszeiten kurze Pausen einlegten, um ihre Verwundeten und Toten vom Schlachtfeld zu tragen – und dann mit drei Schüssen signalisierten: Die Schlacht kann weiter gehen.

Doch was die Melonenpyramide und die Militärparade an diesem verlängerten Wochenende verschweigen: Das staatliche Unabhängigkeitsfest fällt zusammen mit einem der höchsten islamischen Feiertage, Idul Adha – das ist brisant in einem Land, in dem der Einfluss des Islam konsequent zurückdrängt wird, Moscheen geschlossen, die islamische Oppositionspartei verboten und ihre Führung inhaftiert. Fast alle Tadschikinnen und Tadschiken sind Muslime und wissen, dass es der Tag des Opferfestes ist. Erwähnt wird das nirgends. Verboten ist es aber auch nicht. Offiziell ist es der Unabhängigkeitstag gefolgt vom Tag der Familien.

Trotzdem trauen sich einige Tadschikinnen und Tadschiken, das Opferfest zu begehen, jene Minderheit, die ihren Glauben aktiv praktiziert.

Neben mir auf der Bank sitzt eine ältere Frau. Ich komme mit ihr ins Gespräch. Sie erzählt mir mit ruhiger Stimme, wie man das Opferfest in Tadschikistan begeht: Jeder, der es sich leisten kann, opfert ein Schaf an diesem Tag. Die ganze Familie trifft sich und bereitet das Tier an einem Spieß auf dem Feuer zu. Dann teilt man es mit den Bedürftigen in der Nachbarschaft. „Sie auch?“ Sie grinst.

melonenpyramide2Und was machen die anderen, die das Fest nicht feiern? Die verbringen den Tag mit der Familie. Viele gehen zum Friedhof, wo sie die Gräber ihrer verstorbenen Angehörigen pflegen. Und zwischendurch flanieren sie auf der großen Prachtstraße im Zentrum, vorbei an der Melonenpyramide.

 

 

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