Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Georgien ist überschattet von einem eingefrorenen Konflikt. Ein Fünftel des Landes ist seit dem Georgienkrieg 2008 de facto von Russland besetzt, gemeint sind die abtrünnigen Regionen Abchasien und Südossetien – Nach dem Zerfall der Sowjetunion wollten sich die Regionen von Georgien abspalten, sie sympathisieren bis heute mehr mit Russland. Vor acht Jahren eskalierte der Konflikt als georgische Truppen nach Südossetien einmarschierten. Russland hat daraufhin seine Panzer rollen lassen. Die Begründung damals: „ Schutz von Staatsbürgern in den georgischen Provinzen“. Der Georgienkrieg dauerte ganze fünf Tage und endete mit einem Waffenstillstand. Die Folgen sind nicht akzeptiere Grenzen im Land. Staatsgrenze sagen die Russen, Georgier bevorzugen das Wort Okkupationslinie.

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Fast 100 Kilometer von der Hauptstadt Tiflis entfernt, liegt die abtrünnige Region Südossetien. Wer hier hin will, muss sich bei einem Checkpoint der georgischen Grenzpolizei melden. Passportkontrolle, die Taschen werden durchgecheckt. Für einen Besuch musste ich mich beim georgischen Verteidigungsministerium anmelden. Fotos von den Beamten durfte ich nicht machen. Zusammen mit zwei Grenzpolizisten steige ich in einen Jeep. Der Beamte neben mir lässt sein Gewehr nicht los. Wir fahren sechs Kilometer weiter. Unterwegs sieht man nur Felder, ab und zu Tiere. Begrüßt werde ich von einem großen grünen Schild: „Attention! State Border! Passage is forbidden!“

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Näher an das Schild durfte ich nicht. Der Soldat sagte mir: „Wenn ich Stopp sage, bleibst Du stehen. Wenn ich sage leg Dich hin, dann legst Du Dich hin.“ Rechts vom Schild steht ein langer Stahldrahtzaun, er teilt das Dorf Khurvaleti auf. Auf der einen Seite leben die Einwohner in Georgien, auf der anderen Seite in Südossetien. In Südossetien spricht man Russisch und zahlt mit dem Rubel.

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Am Stahldraht steht David Vanishvili, 82 Jahre alt. Das Treffen mit dem Bauern scheint durch die georgischen Soldaten organisiert worden zu sein. Vanishvili hat schon öfter mit westlichen Journalisten über seine Lage in Südossetien geredet. „Wie sollen wir diesen Konflikt lösen? Ich sehe da keine Chance, ehrlich gesagt. Meine Tochter kann ich nur am Zaun treffen, oft fließen Tränen, wenn wir uns sehen. Manchmal müssen wir den russischen Soldaten sogar erklären, was wir hier machen, es ist eine Art Verhör.“

Außerdem sagte er mir, dass russische Soldaten in der Nähe des Staheldrahtes eine Kamera aufgestellt haben. Nicht weit weg vom Dorf Khurvaleti stünde eine russische Militärstation. Der Zaun stehe hier seit 2010. Vanishvili betonte immer wieder: „Hier hat sich aber noch nichts bewegt.“ Damit meint er die Verschiebung der Grenzen. Die georgische Verteidigungsministerin Chidascheli sagte auch in mehreren Interviews, dass die Grenzen von Südossetien in Richtung Georgien wandern. Georgien wirft Russland eine schleichende Annexion vor. Dass es solche Verschiebungen gibt, bestätigen auch EU-Beobachter.

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Nicht weit weg von der „Grenze“ stehen auch noch mehrere Flüchtlingscamps. Dort habe ich den 63 jährigen Ilia getroffen, der 2008 Südossetien verlassen hat. Er ist einer von Hundertausenden Binnenflüchtlinge in Georgien. „Ich musste alles aufgeben. Ein komisches Gefühl. Mein Vater war ein Veteran der sowjetischen Armee und ich bin jetzt ein Flüchtling im eigenen Land, das muss man nicht wirklich verstehen, oder?“ Die Flüchtlinge aus Abchasien und Südossetien haben von der georgischen Regierung ab 2009 kleine Häuser in den sogenannten Camps bekommen, sie müssen lediglich Strom und Gas zahlen. Viele leben nämlich an der Armutsgrenze. Einige haben Arbeit in der Agrarwirtschaft gefunden. Sie haben ein kleines Feld mit Mais oder Kartoffeln und versuchen ihre Produkte am Straßenrand oder in Städten zu verkaufen. Als ich Ilia fragte, wie er die Zukunft Georgiens sieht, sagte er: „Wie kann man Russland nach all dem noch mögen, reicht das als Antwort?“

 

 

 

 

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