Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Nach vielen prowestlichen Eindrücken in Tiflis, wollte ich endlich in das „echte, kaum unberührte“ Georgien fahren – nach Swanetien, eine Region im Nordwesten des Landes, am Rande des großen Kaukasus. Die Region wurde schon von den alten Griechen und Römern erwähnt und viele Dörfer leben dort noch nach alten Strukturen. Spürt man hier etwas von dem Kurs Richtung Westen?

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Einheimische haben mir bei der Planung der Reise davon abgeraten nach Swanetien zu fahren: „Da gibt es nichts, die Straßen sind schlecht, ich glaube nicht, dass du da mit öffentlichen Verkehrsmitteln hinkommst und für einen Menschen aus dem Westen, kann es ganz schön schwierig sein, die leben dort wie vor 50 Jahren.“ Da packte mich die Neugier erst Recht und natürlich habe ich es auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln geschafft: 14-16 Stunden in einem alten und klapprigen Minivan, unterwegs wurden Pakete und Lebensmittel für die Dorfbewohner mitgenommen. Im Wagen selbst wurde gefeiert, weil Vadim nach acht Jahren wieder in seine Heimat gefahren ist. Vadim ist 33 Jahre alt, ein großer und stämmiger Mann, Georgien hat er nach dem Krieg 2008 verlassen und arbeitet jetzt in Polen in der Autoindustrie. Mit seiner Familie konnte er nur skypen, wenn sie mit dem Laptop, den er ihnen geschenkt hat, in das Toursitencafé gegangen sind. Er verteilte an alle Mitfahrenden Brot und Wein, sobald wir die Berge erreicht haben, hat er sich nach vorne gesetzt und swanische Heimatslieder gesungen. (hier ein Eindruck: https://www.youtube.com/watch?v=3Y8k-2ee8U8 )

Genau das Richtige, um die wunderschöne Natur zu genießen! Für mich war klar, hier wird alles anders sein…

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Ankunft in Mestia, der Hauptstadt Swanetiens. Sie wirkt erstaunlicherweise ziemlich modern. Die Straßen sind alle eben, es gibt Supermärkte, schöne Cafés und einen Touristeninfostand. Selbst hier wird die Flagge der EU gehisst.

 

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Als ich aber auf dem Weg zu meiner Unterkunft war, habe ich gemerkt, dass es nur ein kleiner Teil des Dorfes ist – eine westliche Fassade. Ich habe auf einem Bauernhof am Rande der Hauptstraße gewohnt. Mein Weg führte an einem Brunnen, an Schweinen, Kühen und Hühnern vorbei, ohne Wanderschuhe wäre ich hier aufgeschmissen gewesen. Gelebt habe ich bei Marta, sie hat mich zum Geburtstag ihres zwei jährigen Sohnes eingeladen. So landete ich auf einer Supra, die georgische Tradition für ein Festessen. Es gab verschiedene Salate mit Auberginen und Nüssen, Brot gefüllt mit Rindfleisch und ganz viel selbstgemachten Wein. Die Frauen hatten eine eigene Supra, ich saß bei den Männern- dort wurde das Essen vom Vater des Hauses angeleitet, d.h. er hat alle zehn Minuten das Thema für den Trink-Toast ausgesucht. Jeder Teilnehmer musste der Runde dann etwas wünschen, zum Beispiel ein gutes Verhältnis zu Kindern und Eltern oder viel Gesundheit und Freude. Gefeiert und getrunken wurde bis vier Uhr morgens.

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Am nächsten Tag habe ich das Dorf weiter erkundet; weg von der „perfekten“ Straße in ein kleines Dorf, ca. 5 Kilometer von Mestia entfernt. Dort traf ich zwei alte Damen. Sie erzählten mir, dass sie sich sehr darüber freuen, dass Mestia so modern geworden ist. Der ehemalige Präsident Saakaschwili hat sich in den 2000er Jahren dafür eingesetzt, dass Mestia zum Touristenhotsport wurde; im Sommer für Wanderer, im Winter für Skifahrer- der Skilift steht schon, es gibt auch schon einen Flughafen nach Mestia. 2018 soll die erste Wintersaison losgehen. „Es ist super, früher musste ich von 300 Lari (150 Euro) Rente leben, jetzt kommen die Touristen und ich kann fast 1000 Lari (500 Euro) dazuverdienen, das ist toll. Und ich lerne sogar Sprachen, vorher konnte ich kein Wort Englisch, für mich öffnet sich die Welt.“ Bei dem Wort „Englisch“ zuckt die andere Frau zusammen: „Na, diese Touristen will ich nicht, früher kamen immer die Russen und die Ukrainer, dann war alles gut, die verstehe ich und deren Mentalität auch. EU, Nato – das will ich alles gar nicht, das passt nicht zu unserem Land.“ Die Veränderung Georgiens großes Thema in Mestia…

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Ca. 45 Kilometer weiter sieht die Welt noch anders aus. Ushguli gehöre zu den höchstgelegenen Dorfgemeinschaften „Europas“. Hier leben ca. 70 Familien, das Wasser kommt aus den Bergen und fließt durch selbstgebaute Plastik-Rohre, Straßen gibt es hier nicht, Matsch beschreibt es ganz gut. Ab und zu gab es keinen Strom, das Haus wurde auch nicht geheizt, geschlafen habe ich mit drei Decken, die Temperaturen lagen im September bei ca.  fünf Grad. Familie Chelidze hat mir einen Schlafplatz angeboten, vor dem Haus wurden Kühe gemolken, morgens um sechs das Holz für die warme Dusche gehackt.

 

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In Ushguli ticken die Uhren wirklich noch anders, aber so langsam kommt auch hier die prowestliche Bewegung an. So gibt es einen Supermarkt, der auch gleichzeitig ein Restaurant und eine Wlan-Station für Wanderer ist, hier steht alles auf Englisch. Öffnungszeiten gibt es nicht, man muss einfach Glück haben, dass jemand da ist.

Viele Einheimische wollen genau wie die Menschen in Mestia Geld dazuverdienen und vermieten Zimmer unter, so wie Familie Chelidze. Der Sohn lebt in Tiflis und hilft dabei den Tourismus anzukurbeln: „In fünf Jahren wird es hier genau so sein wie in Mestia und das muss auch so sein. Wir jungen Menschen sind in die Städte gegangen oder ins Ausland, wir können nicht mehr nur vom Vieh und von der Bergluft leben. Meine Eltern und viele Dorfbewohner sind bereit für die Veränderung. Aber die Tradition bleibt, wir werden weiterhin unsere Lieder singen und nur Naturprodukte essen. Ohne den Westen geht es nicht mehr, auch hier bei uns in Ushguli.“

 

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