Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Zum ersten Mal ist es ruhig auf der Tigran Mets Avenue. Die vierspurige Hauptstraße, die meinen Wohnblock mit dem Zentrum von Eriwan verbindet, ist komplett gesperrt. Seit den frühen Morgenstunden ist es still hier. Kein Hupen, keine heulenden Motoren. Lediglich riesige Militärfahrzeuge am Straßenrand verraten, was hier heute passieren wird.

Am 21. September feiert Armenien seinen Unabhängigkeitstag – in diesem Jahr mit einem besonderen Jubiläum, denn es ist bereits 25 Jahre her, dass sich das Land von der Sowjetunion losgeeist hat.

Haarbändchen in Nationalfarben.
Gegen 10 Uhr am Vormittag füllen sich die Bürgersteige mit Menschen, die zum nahe gelegenen Zentrum der Stadt wollen. Ganze Schulklassen strömen die Nationalhymne singend in Richtung Platz der Republik. Die Kinder tragen weiße T-Shirts und Kappen in den Farben Rot, Orange und Blau – den Nationalfarben ihrer Heimat. Frauen haben sich – noch mehr als sonst – herausgeputzt. Männer haben ihre alten Militäruniformen herausgekramt.

Entlang der gesperrten Hauptstraße weisen Polizeibeamte den Weg. Nach einer kurzen Sicherheitskontrolle gelangen die Besucher auf den Platz der Republik, der normalerweise zwar einer der Verkehrsknotenpunkte der Stadt ist, jedoch für solche Ereignisse immer wieder gesperrt wird.

Um 11 Uhr geht es los. Tausende Soldaten verschiedener Einheiten marschieren im Gleichschritt auf den Platz. Ihre Schritte hallen über das Gelände, während die Besucher der anstehenden Militärparade still die Prozedur beobachten. Die Soldaten positionieren sich vor einer Bühne, auf der die Regierungsmitglieder Armeniens, der Bergkharabakh-Region sowie die Kirchenoberhäupter des Landes Platz genommen haben. Es ist die erste Militärparade, die ich je besucht habe. Für mich ein befremdliches Erlebnis. Im Gleichschritt über den Platz der Republik

Ich habe keinen wirklich guten Platz erwischt. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle kann ich mit etwas Glück zwischen den Köpfen der Besucher erahnen, was auf dem Platz passiert. Alle paar Minuten quetschen sich Kinder durch die Menschenmenge in die erste Reihe. Ein Mann neben mir bittet mich, seine Tasche zu halten, während er seine Tochter auf seine Schultern hebt, damit sie die Prozedur besser beobachten kann. Die Beine des Mädchens baumeln jetzt neben meinem Gesicht, immer wieder drücken sich Ellbogen in meinem Rücken, meine Waden verkrampfen, weil ich so lange auf den Zehenspitzen stehe. Mittlerweile haben sich die Soldaten in ihren Einheiten auf dem Platz versammelt und werden von Vertretern des Militärs begrüßt. Zwei Moderatoren stellen die Einheiten vor, erwähnen gefallene Soldaten und feiern die 25-jährige Unabhängigkeit des Landes. Viel mehr kann ich nicht verstehen, da die Worte der Sprecher im Gemurmel der Menschen um mich herum untergehen.

Zwei Frauen neben mir beschweren sich: „Sie hätten wenigstens eine Leinwand aufbauen können. Hier hinten kann man doch überhaupt nichts sehen!“  „Glaubst du wirklich, diese Parade ist für uns? Blödsinn! Die beste Sicht haben doch die da auf der Bühne. Wir sind denen doch egal“, raunt ihre Freundin.

Armenien feiert 25 Jahre Unabhängigkeit

Falsch gedacht. Die beste Sicht haben nämlich definitiv die Scharfschützen, die zum Schutze des Präsidenten auf den Dächern der umliegenden Gebäude positioniert sind. Und die lehnen schon nach wenigen Minuten entspannt an den Schornsteinen und zünden sich gemütlich eine Zigarette an.

Sniper, die zum Schutz des Präsidenten auf den umliegenden Dächern positioniert sind, beobachten die Zeremonie - mit Zigarette in der Hand.

Sniper, die zum Schutz des Präsidenten auf den umliegenden Dächern positioniert sind, beobachten die Zeremonie – mit Zigarette in der Hand.

 

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