Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

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Männer tragen westliche Hemden und Aktentaschen. Frauen tragen traditionelle tadschikische Kleider – und ihre Kinder. Auf den ersten Blick scheint das Rollenbild in Rasht zementiert. Die Provinz im Osten Tadschikistan ist bekannt dafür, dass die Menschen hier sehr konservativ sind. Die Männer machen Geschäfte, die Frauen machen Kinder. Könnte man meinen.


 

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Eine traditionell gekleidete Frau sitzt an der Hauptstraße von Garm an einem Brunnen und spült das Geschirr ab. Ein Mann im schicken Anzug steht daneben, kippt noch schnell Tee in sich rein und stellt der Frau die Tasse vollkommen selbstverständlich zum Abspülen hin. Dass ein Mann mal Geschirr abspült, sieht man hier nie. Das heißt aber nicht, dass sie es nicht tun. Sondern nur, dass sie es nicht draußen tun.

Ich treffe eine Frau, die mir erzählt, warum Frauen hier in Rasht die eigentlichen Männer sind. Sie sieht aus wie eine typische Tadschikin. Goldene Schlappen, dazu gelb gepunktete Socken, ein traditionelles Gewand, dazu hat sie ein passendes blaues Tuch locker um den Kopf gebunden. Ihr Lächeln könnte man wohl als gewinnend bezeichnen. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie sich alle Zähne hat vergolden lassen.

„Mein Mann spült jeden Tag das Geschirr.“ Allerdings in der Wohnung, denn er möchte nicht von anderen Männern dabei gesehen werden.

Die Frau, die darum bittet, ihren Namen nicht zu nennen, ist Geschäftsfrau. Ihr Mann ist Hausmann.

Wie so viele Männer hier. Das ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass Männer, die ihren Geschäften nach Ende des Bürgerkriegs 1997 nachgehen wollten, systematisch an den Checkpoints traktiert wurden.

„Auch noch Jahre nach Ende des Bürgerkriegs haben ihnen Militärs dort willkürlich Waren abgenommen, sie tagelang festgehalten und sie teilweise auch geschlagen. Deshalb war es zunehmend unmöglich für Männer, ein Geschäft zu betreiben. Wir Frauen allerdings wurden an den Checkpoint fast nie aufgehalten. Und so sind viele von uns Geschäftsfrauen geworden und viele Männer Hausmänner.“ Emanzipation als Notlösung.

Teilweise mussten und müssen Frauen auch arbeiten und gleichzeitig den Haushalt schmeißen, wenn ihre Männer als Arbeitsmigranten nach Russland gegangen sind. Laut inoffiziellen Schätzungen arbeitete bis im vergangenen Jahr jeder siebte Tadschike Russland. Vor allem im Niedriglohnsektor übernehmen Frauen klassische „Männerberufe“. Die Straßen werden beispielsweise ausschließlich von Frauen gereinigt. An den meisten Ständen am Markt sitzen Frauen und verkaufen ihre Waren.

Weil ihr Mann – wie so viele Männer – im tadschikischen Bürgerkrieg verletzt worden seien, hätten sie weder auf dem tadschikischen noch dem russischen Arbeitsmarkt eine Chance gehabt. Vielen seien deshalb auch Hausmänner geblieben, nachdem die Checkpoints des Militärs Anfang der Nullerjahre geschlossen wurden.

„Mein Mann hat unsere Kinder jeden Tag zum Kindergarten oder in die Schule gebracht und abgeholt, danach für sie gekocht und zwischendurch geputzt. Und auch heute noch schmeißt er den kompletten Haushalt.“

Sie selbst habe sich auch so sehr daran gewöhnt, die Familie zu ernähren, dass sie sich das klassische Leben als Hausfrau gar nicht mehr vorstellen kann.

„Ich würde verrückt werden und mir direkt wieder einen Job suchen, um rauszukommen.“

Geschäftsfrau statt Geschäftsmann und Hausmann statt Hausfrau – klingt einfach. Aber ganz so leicht lassen sich traditionelle Rollenbilder doch in einer traditionellen Gesellschaft nicht einfach wegpusten, oder?

Naja, sagt sie, anfangs hätten die anderen noch komisch geguckt, wenn ihr Mann die Kinder zur Schule gebracht hat. Für ihn selbst sei es auch sehr schwer gewesen. „Er hat sich nur noch wie ein halber Mann gefühlt.“ Seitdem sind fast 20 Jahre vergangen. „Inzwischen hat man sich irgendwie daran gewöhnt. Und mein Mann hat erkannt, dass Kindererziehung und Haushalt wichtige Aufgaben sind und dass es funktionieren kann, wenn die Frau arbeiten geht.“

Und wer kocht nach fast 20 Jahren Rollentausch besser? Der Hausmann oder die Geschäftsfrau?

„Wir beide. Zusammen können wir am besten kochen“, antwortet sie. Aber nach dem Kochen draußen Geschirrspülen würde er bis heute nicht, es gibt Grenzen.

 

 

 

 

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