Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Es geht in die Region Armavir, etwa eine Autostunde westlich von Eriwan. Ich begleite an diesem Tag die Organisation „Birthright Armenia“, die junge Diaspora-Armenier nach Armenien holt und ihnen einige Monate in der Heimat ermöglicht. in Armavir besuchen die Teilnehmer des Programms das „Karas“-Weingut. Wir fahren über rumpelige Straßen an verlassenen Fabrikgebäuden vorbei. Es ist ein kühler und bewölkter Morgen. Die karge Kulisse am Straßenland wirkt eher bedrückend. Einzig der Berg Ararat, eines der Nationalsymbole Armeniens, wertet den Ausblick auf.

Neben mir im Bus sitzt die 27-jährige Ani Paitjian. Die Teilnehmerin kommt aus Brüssel. „Es ist ein schöner, heimischer Anblick, aber auch traurig, oder?“, sagt sie. Die typisch kaukasische Landschaft gefalle ihr. „Aber all diese verlassenen Fabriken und Wohnhäuser. Es macht mich traurig und ich frage mich, was hier drin wohl mal passiert ist.“ Als wir an sowjetischen Blockbauten vorbei fahren, sagt sie: „Ich hätte genauso in einem solchen Haus aufwachsen können“, und schüttelt den Kopf. „Ich hatte einfach nur das Glück, in einem Land wie Belgien aufwachsen zu können. Die 27-jährige ist vor wenigen Wochen aus Belgien nach Armenien gekommen. Ihr Freiwilligendienst zieht sich bis zum Ende des Jahres. „Ich überlege aber, nach Armenien zu ziehen.“ In Belgien hat sie als Journalistin gearbeitet. „Früher haben mir alle immer Armenien als eine Art Hölle beschrieben. Jetzt wo ich als Erwachsene hier bin, merke ich, dass sich viel verändert hat – für mich zum Positiven.“

Wenn sie jedoch mit den Menschen im Land spricht, sind viele sehr negativ. „Ich habe von vielen Fällen gehört, in denen gelernte Ingenieure anfangen als Köche zu arbeiten, weil es einfach keine andere Chance gibt“, sagt sie. „Natürlich gibt es noch viel zu tun im Land, aber ich glaube daran, dass es besser werden kann. Ohne die Diaspora ist das jedoch nicht zu schaffen. Und ich möchte dazu beitragen. In Belgien sagt man: ‚une petite pierre à l’édifice‘ – ein kleiner Stein im Gebäude sein.“ Oft wird sie gefragt, wieso sie ein Leben in Europa zurücklassen will, um stattdessen in Armenien zu leben – mit all den Schwierigkeiten, die das Land bietet. „Es gibt einen armenischen Ausdruck, der das ganz gut beschreibt. Übersetzt heißt er so viel wie ‚mein Blut zieht mich an‘ – und bei mir ist das ganz genauso. Mein Blut zieht mich an, ich will hierher“, sagt Ani.

Die jungen Erwachsenen werden an diesem Tag mit den Arbeitern des Weinguts Weintrauben pflücken und später mit ihnen Mittagessen. „Redet mit den Leuten, benehmt euch nicht wie schüchterne Teenager, sondern seid kommunikativ und lernt die Menschen kennen“, scherzt Hayk Vardanyan auf der Hinfahrt zum Weingut. „Die Leute sollen rauskommen aus Eriwan und das Land kennenlernen. Wenn sie die ganze Zeit in der Hauptstadt bleiben, lernen sie nur die eine Seite des Landes kennen.“ Die Organisation bietet derartige Exkursionen jede Woche an. Mal geht es zu konkreten Veranstaltungen, mal in bestimmte Regionen. „Besonders beliebt ist die mehrtägige Exkursion nach Artsakh. So nennen die Armenier die Berg-Kharabakh-Region, die faktisch zu Aserbaidschan gehört, aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird.

Am Weingut angekommen, geht es nach einer kurzen Führung, direkt aufs Weinfeld. „Die Frauen schnappen sich die Scheren! Jungs, ihr helft beim Tragen der Körbe voll Weintrauben“, ruft eine Arbeiterin mittleren Alters. Es scheint, als sei sie eine der Koordinatorinnen an diesem Tag. Ihre Haut ist braungebrannt, die Kleidung abgewetzt. Mit ihrem groben Ton scheucht sie die Teilnehmer ins Weinfeld. Innerhalb weniger Minuten sind alle zwischen den Weinstauden verschwunden. Auf der holprigen Straße zwischen den Feldern steht ein Lastwagen, dessen Ladefläche voll mit grünen Weintrauben ist. Nach kurzer Zeit kommen bereits die ersten männlichen „Birthright“-Teilnehmer und füllen den Laster weiter mit Weintrauben. Ich suche Ani inmitten der Weinstauden. Sie ist relativ weit nach hinten gegangen und pflückt die Trauben. „Ich kann mir nicht vorstellen, wie die Menschen hier den ganzen Tag arbeiten können. Ich bin gerade einmal seit einer halben Stunde beschäftigt und schon müde“, sagt sie lachend. Ihre Hände sind klebrig vom Fruchtsaft. „Bei uns in Belgien würde niemand mehr vermutlich Weintrauben mit den Händen pflücken. Die Menschen dort haben Geräte, die diese Arbeit erledigen. Die Arbeit ist für die Menschen weniger anstrengend.“

Das "Karas"-Weingut

Ihre Arbeit auf dem Feld wird Birthright-Teilnehmerin Ani noch circa eine Stunde fortsetzen. Danach geht das straffe Programm der Exkursion weiter. Die Teilnehmer fahren an diesem Tag noch zum nahe gelegenen Kriegsdenkmal von Sardarapat und dem dazugehörigen Museum. Sie erreichen Eriwan am frühen Abend. Voll mit neuen Eindrücken.

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