Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Oh nein das tut mir leid, das hätte ich dir sagen müssen, verdammt.“

Mein Mitbewohner ist bestürzt. Sonst stets bedacht mich auf alle landestypischen Eigenarten vorzubereiten, hat er nun ein schlechtes Gewissen mir diese Sache, diese komische Sache in unserem Supermarkt mit dem „Saco Plástico“, der Plastiktüte, nicht erzählt zu haben.

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Behälter zum Aufbewahren von Plastiktüten in der Küche

Im brasilianischen Supermarkt steht normalerweise an der Kasse zusätzlich zur Kassiererin ein weiterer Mitarbeiter, dessen Aufgabe es ist, die Einkäufe in Plastiktüten zu packen. Ich hatte schon manches Mal das Gefühl, seine Aufgabe sei es vor allem, dabei möglichst viele Plastiktüten zu verwenden. Selbst wenn ich energisch erklärte ich wolle für meine zwei Artikel keine Tüte, nutzte er die Chance, während ich eine Sache in meinen Rucksack steckte, sich blitzschnell die zweite zu schnappen, um diese doch noch in einer Plastiktüte zu verstauen. Während ich mich bei dieser Dienstleistung immer etwas unwohl fühle, die reiche Europäerin ist sich zu schade ihre Tüte selbst zu packen, erklärt mir ein Brasilianer, dies seien wichtige und viele Arbeitsplätze.

Im Bundesstaat Sao Paulo ist seit 2012 die Gratisabgabe von Plastiktüten verboten, in Campina Grande, wie auch im Rest des Bundesstaates Paraiba, werden weiterhin fleißig Einkäufe in Gratisplastiktüten gepackt.

Der Supermarkt in unserer Nachbarschaft richtet sich vor allem an Großkunden. Als weit und breit einzige Fußgängerin schnaufe ich neben einer Reihe glänzender Autos in der prallen Sonne die Auffahrt zum riesigen Supermarkt hoch. Auf der anderen Seite der Schnellstraße stehen kleine Hütten, ein dünnes Pferd zieht einen Karren mit Schrott, ein paar Hühner laufen über die Straße. Auf meiner Seite habe ich inzwischen Mühe, einen sehr breiten Einkaufswagen zu lenken, an dem ein Warnschild angebracht ist „maximales Ladegewicht 150 kg“.

Drinnen angekommen zieht es mich zu den verschiedenen Obst- und Gemüseregalen. Viele Sachen kenne ich nicht und nehme darum jeweils nur ein Stück zum Ausprobieren. Es gibt einen Supermarktmitarbeiter, dessen Aufgabe ausschließlich darin besteht, das Obst und Gemüse der Kunden zu wiegen und danach mit Klebeetiketten zu versehen. Ich lege meine Einzelteile vor ihn. Freundlich erklärt er mir, er könne meine Avocado nur wiegen, wenn ich sie in ein durchsichtiges Plastiktütchen stecke. Ich bitte ihn sie doch einfach so zu wiegen und dann den Aufkleber direkt auf die Avocado zu kleben. Er wiederholt freundlich seine Erklärung und betont noch mal es sei nicht möglich etwas zu wiegen und zu etikettieren, das nicht in einer Plastiktüte stecke. Nervös schaue ich auf die lange Reihe Wartender hinter mir und stehe kurze Zeit später vor meinem Einkaufswagen voller kleiner Plastiktüten, mit jeweils einem Obst drin und einem Aufkleber drauf.

„Wenn Sie eine Tragetasche möchten, müssen Sie diese hier jetzt leider bezahlen“ erklärt mir die Kassiererin kurze Zeit später mit entschuldigendem Blick. „Kein Problem“ sage ich und zeige auf meinen Rucksack. Neben mir trippelt der Tüteneinpacker nervös von einem Bein aufs andere. Wir drei veranstalten eine eigenartige Präsentation: Die Kassiererin scannt die Einkäufe und legt sie ab, der Einpacker schnappt sie sich, er ist schneller als ich, legt sie ab und stapelt sie ordentlich auf verschiedene Türme, wobei er deren Position immer wieder überprüft und mich irritiert anschaut, während ich versuche ihm einzelne Artikel wegzunehmen, um diese in meinen Rucksack zu stecken.

Der Supermarkt Atacadao verteilt keine Gratistüten an der Kasse und ist damit eine der wenigen Ausnahmen in Paraibas Supermarktlandschaft. Eine Idee, die nur langsam zur Normalität wird.

 

 

 

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