Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Ich als Muslima kann doch keinen Christen wählen! Ich habe ja nichts dagegen, dass er Christ ist. Privat kann er machen, was er will, aber im Koran steht, dass wir nur Muslime zu unseren Anführern bestimmen dürfen!“

Diese Aussage hat mich gestern sehr irritiert. Sie stammt von einer guten Freundin aus Jakarta, die ich vor acht Jahren als sehr tolerant und aufgeschlossen kennen gelernt habe. Damals trug Dina ihre Haare noch offen, liebte blaue Kontaktlinsen und nahm (erfolgreich) an Misswahlen teil. Heute ist sie verheiratet, hat eine zweijährige Tochter, trägt ein Kopftuch und ist offensichtlich um einiges konservativer geworden – ich tippe auf den Einfluss ihres Mannes, der dazu tendiert, den Koran wörtlich zu nehmen. Die anschließende Diskussion dauerte eine gute halbe Stunde und ging um den Gouverneur von Jakarta: Basuki Tjahaja Purnama, kurz „Ahok“.

Ahok Musuh Islam = „Ahok ist ein Feind des Islams“

In Jakarta sind die Gemüter momentan sehr erhitzt, weil Ahok eigentlich seit zwei Jahren einen guten Job als Gouverneur von Jakarta macht. Im Februar 2017 will er sich wiederwählen lassen. Zwei Drittel der Wähler bescheinigen ihm, ehrlich und fehlerfrei zu sein. 41 Prozent sind davon überzeugt, dass er die Wirtschaft Jakartas verbessert hat (Quelle). Aber Ahok ist Christ – Das ist analog zu Dinas Meinung für viele Muslime im Privaten kein Problem – aber als Gouverneur von Jakarta unvorstellbar. Sie stellen sich gegen eine Wiederwahl, nicht zuletzt auch, weil Ahok vor Kurzem öffentlich an die Muslime appelliert hat, sich nicht von denen täuschen lassen, die mit Koranversen argumentieren, dass Muslimen nicht gestattet ist, einen christlichen Anführer zu wählen. Dies wiederum nahmen viele Muslime als Beleidigung auf – nächsten Freitag (4. November) ist eine gewaltige Anti-Ahok-Demonstration im Zentrum Jakartas geplant, zu der sich bereits zehntausende Menschen auch aus anderen Provinzen angemeldet haben. Die Debatte ist sehr prominent in indonesischen Medien und wird mittlerweile sehr emotional geführt.

Indonesien ist laut Verfassung (Pancasila) ein weitgehend pluralistischer Staat: zwar werden nur sieben Religionen toleriert (Islam, Katholizismus, Protestantismus, Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus und Bahaitum – der jüdische Glaube und Naturreligionen zählen nicht dazu, Atheismus stößt auf Unverständnis), jedoch sind diese Religionen gleichberechtigt und durch die Pancasila geschützt. Ohne den Zusammenhalt der verschiedenen Religionen wäre eine Unabhängigkeit Indonesiens nicht denkbar gewesen. Auf meine betreffende Nachfrage, antwortete Dina nur, dass ihr der Islam wichtiger sei als die Pancasila. Ich hoffe sehr, dass es am 4. November nicht zu Ausschreitungen kommt und die Demonstration friedlich verläuft. Ich selbst werde dann schon in Aceh sein und von dort alles verfolgen.

Als ich auf dem Weg zurück ins Hostel war, hat Dina ein Selfie von uns auf Instagram hochgelanden mit dem Untertitel „Heavy conversation“ und dem Hashtag „#8yearsoffriendship“. Obwohl das Gespräch „heavy“ war, wird unsere Freundschaft nicht darunter leiden. Im Gegenteil: leidenschaftliche Diskussionen machen gute Freundschaften aus, weil wir uns mit Wertschätzung begegnen. Die Diskussion um Ahok unter den Menschen in Jakarta lässt diese freundschaftliche Wertschätzung allerdings zuweilen vermissen. Sie wird zu einem Test für religiöse Toleranz, der durchaus „heavy“ werden kann.

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