Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Eine Moschee in Aceh

Eine Moschee in Aceh


Im Moment bin ich in Aceh, eine recht große Provinz ganz im Norden von Sumatra, die bereits häufiger im Mittelpunkt nationaler und internationaler Berichterstattung stand: hier kämpfte die Bewegung Gerakan Aceh Merdeka (Bewegung Unabhängiges Aceh) gegen das indonesische Militär jahrelang und äußert blutig um Unabhängigkeit. Das traurige Ende des Widerstandskampfes war der Tsunami an Weihnachten 2004, bei dem allein in Aceh ungefähr 300.000 Menschen ums Leben kamen und Hunderttausende ihr Zuhause verloren. Bei so viel Leid in der Region ließen sich das Militär und die Unabhängigkeitskämpfer zu einem Friedensabkommen umstimmen, was eine Teilautonomie für die Provinz Aceh beinhaltete.

Heute wird immer wieder über Aceh berichtet, weil hier seit Anfang der 2000er die Scharia gilt und immer strenger angewendet wird. Seit letztem Jahr wird man bei einem Gesetzesverstoß wie beispielsweise Glücksspiel, Alkoholverkauf oder „unsittlichem Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht“ ausgepeitscht – und das öffentlich vor der benachbarten Moschee. Es gibt eine Scharia-Polizei, die jeden Tag auf Patrouille geht und beispielsweise auch kontrolliert, ob Männer kurze oder Frauen zu enge Hosen tragen. Falls ja, werden die Personalien aufgenommen und man muss an Ort und Stelle ein Dokument unterschreiben, womit man versichert, so etwas nicht noch einmal zu tun.

Aber nicht alle lassen sich von den Vorschriften bevormunden. Obwohl wirklich alle Frauen in der Öffentlichkeit ein Kopftuch tragen, nehmen sie es mit der sonstigen Kleiderordnung nicht allzu eng. In der Stadt sieht man unzählige Frauen, die trotzdem Jeans und enge Hosen tragen. Nurhidayati ist 30 und arbeitet bei der Frauenrechtsorganisation „Solidaritas Perempuan“ (Frauen-Solidarität). Sie ist selbst schon einmal mit zu enger Hose erwischt worden und musste das Dokument unterschreiben. Ihr war das unangenehm und trotzdem lässt sie sich von den Regeln nicht einschränken. Beim Interview fällt mir ihre für Aceh-Verhältnisse enge schwarze Jeans auf, aber als ich sie darauf anspreche sagt sie nur: „Ach, das ist mir egal. Dann sollen sie mich ruhig nochmal anhalten. Mehr passiert da eh nicht.“

Nurhidayati würde wahrscheinlich mit dieser Kleidung erneut von der Scharia Polizei angehalten werden.

Nurhidayati würde wahrscheinlich mit dieser Kleidung erneut von der Scharia Polizei angehalten werden.

Im Gespräch mit Solidaritas Perempuan (SP) wird auch schnell klar, dass es die Frauenrechtlerinnen bei ihrer Arbeit nicht einfach haben. Denn sobald sie Kritik an den Regelungen der Scharia äußern, beispielsweise die Kleidungsvorschriften oder das Ausgehverbot am Abend, werden sie als Feinde des Islams beschimpft, erhalten Drohungen per SMS oder Email. Sie kritisieren auch, dass die Regierung in Aceh nicht genug Aufwand betrieben hat, um zu kommunizieren, welche Regelungen der Scharia nun gelten und was die Konsequenzen sind. „90 Prozent der Menschen in Aceh wissen überhaupt gar nicht, was sie dürfen und was nicht“, sagt die SP-Vorsitzende Rutny.
Obwohl es das Hauptargument der Befürworter der Scharia war, dass mit der Einführung des islamischen Rechts der Verfall der Moral verhindert werden soll, sehen die Frauenrechtlerinnen bis heute keine moralischen Verbesserungen. Die gebe es höchstens auf dem Papier.

Ich habe nach den unterschiedlichen Gesprächen den Eindruck, dass die Menschen vor allem durch Symbolik versuchen, ein guter Muslim oder eine gute Muslima zu sein. Mütter ziehen ihren Töchtern km Säuglingsalter bereits Kopftücher an, die Straßen von Aceh sind zum Freitagsgebet vollkommen leer – über den, der freitags nicht in der Moschee ist, wird geredet – und die Moscheen werden immer prächtiger und immer mehr. An der inneren Moral ändert das nicht unbedingt etwas.

Für mich ist Aceh eine sehr interessante Station auf meiner Recherchereise. Ich habe neben den Frauenrechtlerinnen auch den Pastor der katholischen Kirche, einen Menschenrechtler, einen Professor für Islamwissenschaften an der Universität Aceh und ein junges verheiratetes Pärchen besucht. Eventuell werde ich hier in den nächsten Tagen darüber berichten.

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