Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.
Das Cafébüro

Das Cafébüro

Buenos Aires ist die perfekte Stadt für digitale Nomaden, also auch für Heinz-Kühn-Stipendiaten. Das liegt an der besonderen Kaffeehauskultur und ihren heimlichen Gesetzen.

Das erste Interview an diesem Tag habe ich um 11 Uhr, das zweite um 16 Uhr. Beide in Belgrano, anderthalb Stunden von meiner Wohnung entfernt. Die Zeit dazwischen sinnvoll zu nutzen, ist in Buenos Aires allerdings überhaupt kein Problem. Denn im Prinzip habe ich an jeder Ecke ein kleines Büro: Tisch, Stuhl, W-Lan. Und dazu gibt es auch noch guten Kaffee, Essen und sogar Ruhe.

Dass Menschen mit Laptops in Cafés herumsitzen und arbeiten, ist natürlich überhaupt nichts Besonderes. Das sieht man überall, ob in Berlin oder Beirut. In Buenos Aires ist das Leben als digitaler Nomade aber besonders entpannt und dabei – und das ist wirklich angenehm – extrem unhip.

Statt Pappbecher gibt es Kellner in Anzügen

Das liegt zum einen an der unglaublichen Menge an Cafés, die es in der argentinischen Hauptstadt gibt. Schätzungen sagen, dass es etwa 8.000 sind. Und der Großteil hat W-Lan. Das heißt, wer nicht unbedingt will, muss nicht in US-amerikanische Kaffeeketten gehen, Nebenjob-Baristas den eigenen Vornamen über die Theke entgegenbrüllen und an Pappbechern nuckeln.

Es geht auch ganz klassisch. Und wenn ich klassisch sage, dann meine ich: Bistrotische, Zeitschriftenregal, Kellner, die Anzug tragen und zur Mittagszeit weiße Tischdecken auflegen. Zu jedem Kaffee bringen sie selbstverständlich ein Glas Mineralwasser, zu jedem Bier eine Schale Erdnüsse. Eine der wichtigsten Regeln für die Kellner ist aber: Der Gast wird nicht genötigt, zu bestellen. Vier Stunden bei einem Cortado – kein Problem. Wenn ich aber doch noch ein Sandwich möchte, reicht ein kurzer Augenkontakt, schon steht der Kellner bereit.

Ein Porteño würde sich nie zur dir an den Tisch setzen

Ansonsten habe ich meine Ruhe, kann recherchieren, Interviews abhören, E-Mails schreiben. Niemand stört mich, auch keine anderen Gäste. Denn es gibt noch ein weiteres heimliches Gesetz: Ein Porteño (so nennen sich die Bewohner von Buenos Aires, kommt von „puerto“, was Hafen heißt) setzt sich niemals zu einem anderen mit an den Tisch. Auch wenn der Laden voll ist, keiner wird mich bitten, meinen Platz zu räumen, mir auf die Pelle rücken oder mich in Gespräche verwickeln.

So kann ich theoretisch den ganzen Tag im Café verbringen: arbeiten, träumen, Tangomusik lauschen, andere Menschen beobachten, die auch oft allein da sind. Denn trotz Nomadenleben bin ich in Buenos Aires kein Außenseiter. Auch die Einheimischen fühlen sich nicht unwohl dabei, stundenlang allein im Café zu sitzen.

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Fußball, Steuererklärung, Scheidung – die wichtigen Dinge werden im Café verhandelt

Der deutsche Journalist Christian Thiele hat das sehr schön in seinem Buch „Gebrauchsanweisung für Argentinien“ beschrieben. Natürlich haben die Menschen in Buenos Aires in der Regel ein Zuhause. Aber: „Der Ort, an dem der Porteño seine Zeitung liest, seinen Kaffee trinkt, sein Feierabendbier zu sich nimmt, das Sonntagsspiel anschaut, wo er seine Steuererklärung macht, den nächsten Roman schreibt, die letzte Scheidung durchrechnet und sein Ferienhaus plant, kurzum: der Ort, an dem der Porteño die wirklich wichtigen Dinge des Lebens verhandelt, ist das Café.“

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