Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wer noch echte Gauchos sehen möchte, die nicht nur für Touristen auf einer Estancia (Rinderfarm) posieren, der sollte nach Tacuarembó fahren. Das 50.000-Einwohner-Städtchen liegt mitten in der uruguayanischen Pampas, die Grenze zu Brasilien (100 km) im Norden ist näher als die Hauptstadt Montevideo im Süden (500 km). Während Autowracks am Straßenrand stehen, ziehen Pferdekarren über die Hauptstraßen. Gauchos betreten die Cafés mit staubigen Boinas (Baskenmützen), Bombachas (Pluderhosen) und Peitschen, wenn sie nicht gerade über die Rinderherden wachen, die die endlosen Hügel und Täler der umgebenden Sierra abgrasen. Rindfleisch- und Holzexport, davon leben die Menschen hier. In den letzten Jahren ist der Tourismus hinzugekommen. Im nahe gelegen Tal Valle Edén steht ein alter Indianerfriedhof – und das Geburtshaus von Carlos Gardel, dem berühmtesten Tangosänger Argentiniens. Geboren ist er in Uruguay, in Tacuarembó, zumindest behaupten das die Einheimischen und haben ihm ein Museum gewidmet. Und genau hier liegt das Problem für die Argentinier. Denn für sie ist Gardel Franzose. Als Charles Romuald Gardés 1890 in Toulouse geboren, zog er mit drei Jahren zusammen mit seiner Mutter nach Buenos Aires – ein Immigrant aus Europa, wie die meisten Argentinier zur Jahrhundertwende.

Das Gardel Museum in Tacuarembó/Uruguay, davor mein Taxifahrer Roman - vier Stunden Fahrt- und Wartezeit, alles für nur 20 Euro

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„Das ist wichtig für die Identifikation“, sagte mir Horacio Torres, der das Gardel-Museum in Abasto leitet, dem klassischen Immigranten- und Tangoviertel Buenos Aires‘. Es ist ganz Gardels Aufstieg zum ersten Weltstar Argentiniens gewidmet, der Tango von Paris bis New York salonfähig machte, bis er 1935 bei einem Flugzeugunglück verstarb. Den uruguayinischen Pass habe er sich fälschen lassen, um dem Militärdienst in Frankreich zu entgehen, in seinem Testament aber habe er angegeben, Franzose zu sein, erklärt Torres, der in Stuttgart studiert hat, in fließendem Deutsch. „Es ist Fakt, dass Gardel in Toulouse geboren ist – aber persönlich finde ich, dass es auch besser klingt.“ Besser als Tacuarembó, besser als Uruguay, das belächelte Nachbarland, besser als Gaucho-Provinz. Zu Europa schauen die Argentinier auf, auf Uruguay eher herab. Stiftungen beider Länder bekriegen sich mit Urkunden, um seine Herkunft zu beweisen. Unabhängig davon, welche Version war ist – Toulouse oder Tacuarembó – der Streit um Gardel sagt viel über die Argentinier aus, über das Verhältnis zu ihren Nachbarländern, die Argentinier für arrogant halten, und die ewige Sehnsucht nach Europa.

„Für die Argentinier ist Uruguay nur eine weitere Provinz Argentiniens“, sagte mir meine Sitznachbarin Maria auf der zehnstündigen Busfahrt von Buenos Aires nach Tacuarembó. Die ältere Dame stammt aus Valle Edén, ihr Großvater hatte einen Bauernhof dort, gleich neben der Estancia Santa Blanca, wo Gardel geboren sei, behauptet sie, er habe die Familie gekannt. „Eins ist schon mal klar: dass er Uruguayer war“, sagt mir mein Taxifahrer Ramon auf der 24 Kilometer langen Fahrt von Tacuarembó ins Valle Edén.

Museumsführerin Veronica zeigt Beweisdokumente für Gardels uruguayische Herkunft

Museumsführerin Veronica zeigt Beweisdokumente für Gardels uruguayische Herkunft

Das Gardel-Museum besteht aus zwei Steinhäuschen, rundum nur Hügel und rote Erde. Die Besitzer haben gegenüber ein Gasthaus renoviert, für Touristen. Das Museum ist nicht Gardels Geburtshaus, sondern ein altes Lager, das zum Landgut seiner mutmaßlichen Familie gehörte. Das eigentliche Geburtshaus ist in Privatbesitz. Die Steinwände sind voller Stammbäume, Urkunden, und Zeitungsausschnitte, die beweisen sollen, dass Gardel Uruguayer war. Gardel ist demnach der uneheliche und nie anerkannte Sohn des Obersts Carlos Escayola, einem lokalen Caudillo (Landesfürsten), dem mittlerweile bis zu 50 Kinder angedichtet werden. Die Museumsführerin Veronica erklärt die komplizierte Familiengeschichte voller Pflegemütter, Umzüge und Urkundenfälschungen. Fotos an den Wänden sollen die Ähnlichkeit mit uruguayanischen Familienmitgliedern beweisen.

Warum man gibt man sich solche Mühe, alle Fakten so zu drehen, dass Gardel Uruguayer war? „Für uns ist es fast normal, dass ein Uruguayer nach Argentinien gehen muss, um Erfolg zu haben“, sagt Veronica. „Wir schauen immer auf andere Länder, dabei haben wir selbst so viel Kultur.“ Es ist eine Frage des Stolzes, nicht immer nur als Argentiniens kleiner Bruder gesehen zu werden. Und der Tango wurde eben auch in den Tanzsälen Montevideos miterfunden, nicht nur in Buenos Aires, das den Ruhm dafür allein erntet.

Fotos, die Gardels Ähnlichkeit mit seiner mutmaßlichen uruguayischen Mutter beweisen sollen

Fotos, die Gardels Ähnlichkeit mit seiner mutmaßlichen uruguayischen Mutter beweisen sollen

Auf der Fahrt zurück zum Busterminal sagt Taxifahrer Ramon: „Das Museum hat die Gegend hier enorm belebt, vorher war hier fast nichts.“ Nur Holz und Rinder. Unabhängig davon, welche Version war ist: Vielleicht sollten die Argentinier den Uruguayern ihren Gardel gönnen. Buenos Aires bleibt auch weiterhin die Tangostadt, in der Gardel erst zum Star wurde, und sein Gesang wird dadurch nicht schlechter. Ohnehin heißt es im argentinischen Volksmund bis heute: „Gardel singt jeden Tag besser.“

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