Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die Zeit in Tadschikistan ist aufregend, aber auch anstrengend. Zahlreiche Behördengänge kosten mich Zeit und Nerven. Weil ich all meine Papiere zusammen habe, wollte ich mich mit einem Ruhetag belohnen. Ich habe von einem Trödelmarkt gehört und hoffe vielleicht ein paar originelle Souvenirs zu finden, aber als Europäer bleibt man nicht lange alleine. Ein junger Mann spricht mich an und fragt, ob ich Englisch spreche. Ja, sage ich, und freue mich. Vielleicht kann er bei den anstehenden Preisverhandlungen mit den Trödelhändlern helfen. Er heißt Najimiddin und kommt aus Duschanbe. Auf dem Flohmarkt hat er zwei Stück Seife gekauft und war eigentlich auf dem Heimweg zu seiner Familie.

Flohmarkt in Duschanbe

Flohmarkt in Duschanbe

Den Trödel und die Souvenirs kann ich vergessen. Aus Nasijmiddin sprudelt es nur so heraus. Er lerne Englisch auf einem College, weil er Lehrer werden möchte.  Auch ein wenig Deutsch könne er, aber Englisch sei ihm lieber. Ob ich denn bei Facebook sei, ist die erste Frage, die mich auch zu Wort kommen lässt. Klar sage ich und versuche schon mich mit ihm zubefreunden als er mir verrät, dass er gar nicht bei Facebook ist. Sein Lehrer erzähle immer nur, man müsse dort sein, um mit Europäern in Kontakte zu bleiben. Und vom mir wolle er daher nur wissen, ob das stimmt. Es wäre sicher hilfreich und er solle sich doch anmelden, rate ich.  Ein Versuch sich zu registrieren sei aber bereits gescheitert, weil Facebook in Tadschikistan verlange, dass er seinen Personalausweis einscanne und hochlade. Ich überlege ernsthaft, ob das stimmen mag. Man traut der Datenkralle ja allerhand zu, aber Personalausweis einscannen? Wie ich später überrascht feststellen muss, kann es tatsächlich dazu kommen, wenn man einen falschen Namen angibt, auch in Deutschland. Für Nasjimiddin war diese Hürde zu hoch. Er ist nicht bei Facebook.

Er hat angeboten mir zu zeigen, wo er wohnt. Eigentlich hat er es aufgedrängt, aber warum nicht. Für heute habe ich ja eh keine Pläne und es sollen nur 15 Minuten zu Fuß sein. Wenn man schnell gehe, dann seien es sogar nur 7 Minuten. Wir sind jetzt schon rund 30 Minuten unterwegs und kommen bei einem Palast an.

Shoppingpalast "Poythakt 90"

Shoppingpalast „Poythakt 90“

Hier wohnt er offensichtlich nicht. Zeigen möchte er mir das Gebäude aber trotzdem. Es heißt übersetzt „Kapital 90“. Ich werde nicht schlau daraus. Frage, ob es ein Hotel sei oder ein Theater. Erklären kann er mir die Funktion nicht, also gehen wir rein, obwohl es für mich so gar nicht einladend aussieht. Das Gebäude wirkt hochoffiziell, sehr edel und neu. Drinnen wartet eine riesige Halle mit Kronleuchtern so groß wie ein LKW.

Shoppinpalast "Poythakt 90"

Nur wenige der Läden sind vermietet

Es ist ein Shoppingcenter. Mit Marmor bestückt und edlen Holztischen versehen, aber so gut wie leer. Nicht nur weil Sonntag ist und die Geschäfte geschlossen sind, sondern auch weil nur ganz wenige Ladenlokale überhaupt vermietet sind. Nasjimiddin ist trotzdem begeistert von dem Gebäude. Die Shops seien leer, weil die Mieten zu hoch seien. Für ihn scheint das etwas gutes zu sein, weil hohe Mieten ja hohe Preise sind und das für ein tolles, teures Gebäude spreche, wenn die Mieten doch so hoch sind. Betriebswirtschaftlich gesehen muss das „Kapital 90“ ein Flopp sein. Über drei Etagen geht der Shoppingtempel. Im Erdgeschoss fehlen die Ankermieter der großen Flächen komplett. Es gleicht einem Geisterhaus. In den oberen Etagen sind von je 30-40 Ladenlokalen vielleicht 4-5 vermietet. Dazu eine Ausstattung, die selbst bei uns in Deutschland für die Topinnenstadtlagen ausreichen würde: Marmor, Glas, Grünpflanzen und sehr viele Kronleuchter.

Direkt hinter dem Palastshoppingcenter fangen flach bebaute, alte Gassen an und führen auf  die umliegenden Hügel. Mahalla nennt man diese Viertel, was so viel wie Nachbarschaft bedeutet.
Auf einem Hügel wohnt Nasjimiddin mit seiner Familie. Die Hauser haben alle 2-3 Räume und einen Innenhof. Zur Straße hin wird der Hof von einem hohen Tor abgeschottet. Nach fast anderthalb Stunden Fußmarsch den Hügel hinauf sind wir angekommen – die längsten 15 Minuten meines Lebens.

Zu Gast bei Fremden

Zu Gast bei Fremden

Dann erlebe ich zum ersten die typisch tadschikische Gastfreundschaft. Ich solle mich auf den feinen Teppich setzen. Wir bekommen Plof (ein Reise-Fleisch-Mixgericht), Äpfel, frische Datteln und Süßigkeiten. Der Bruder hat gekocht. Er arbeitet als Hilfskoch und heute hat er für eine Hochzeit in der Nachbarschaft gekocht. Fast 10kg hätten sie gekocht. Es sei nur eine kleinere Hochzeitsgesellschaft. Das Essen schmeckt vorzüglich. Später kommt Nasjimiddins Onkel dazu. Er sei aus Russland gekommen. Eigentlich lebe er dort seit über 20 Jahren, habe Frau und Kinder dort. Doch Russland gebe ihm kein Visum mehr und jetzt könne er nicht zurück.

Über eine Millionen tadschikische Arbeitsmigranten leben in Russland. Die Einreise nach Russland ist einfach für Tadschiken, doch nicht jeder bekommt auch eine Arbeitserlaubnis. Die Vergabe wurde in den vergangenen Jahr zunehmende restriktiver. Wer trotzdem arbeitet und als Illegaler erwischt wird, muss das Land verlassen und bekommt zusätzlich ein fünfjähriges Einreiseverbot, erfahre ich später. Warum der Onkel kein Visum mehr bekommt, mag er nicht sagen. In Sibirien wohne er eigentlich. Dort sei es sehr kalt, erklärt er mir stattdessen.

Zufrieden und satt versuche ich mich zu verabschieden. Eigentlich will man mich noch nicht gehen lassen und immer wieder wird die Teekanne neu gefüllt, doch mein Weg ist weit und es dämmert schon, deshalb muss ich leider aufbrechen. Angestrengt überlege ich, was ich über ein Dankeschön für die Gastfreundschaft gelesen habe, aber Nasjimiddin lehnt meine versteckte Bezahlung kategorisch ab. Für ihn war das wohl einfach nur toll, einen Touristen angesprochen zu haben und so viel auf English erzählt zu haben wie vermutlich lange nicht. Für ich war es das natürlich auch.

Mein Erholungstag war nun doch nicht so erholsam, aber reich an Erfahrung und gutem Essen.

 

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