Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

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Auch wenn ich statt sechs Wochen sechs Jahre hier bleiben würde, ein echter Uruguayo würde ich wohl niemals werden. Ich spreche Spanisch wie ein Deutscher, meine Haut verbrennt wie die eines Deutschen, vor allem trinke ich aber viel zu selten (naja: fast nie!) Uruguays Nationalgetränk, den Mate-Tee.

Dieser wird aus den Blättern des gleichnamigen Strauchs gewonnen, schmeckt würzig bis bitter, hat eine ähnlich aktivierende Wirkung wie Kaffee und ist hier in Uruguay (wie auch in Argentinien) so omnipräsent, dass man problemlos einen tumblr-Blog uruguayos-tomando-mate-en-cualquier-contexto.tumblr.com („Uruguayer, die in jeder denkbaren Situation Mate trinken“) starten könnte: Mate am Strand, Mate beim Konzert, Mate auf der Baustelle, Mate auf dem Fahrrad.

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Den Mate-Wahn kann ich nicht nur deshalb kaum nachvollziehen, weil man über den Geschmack des Tees zumindest streiten kann. Mate ist vor allem auch ein unfassbar unpraktisches Getränk. Nach wenigen Schlücken – man nutzt die „Bombilla“, einen speziellen metallenen Strohhalm, der den losen Tee von der Flüssigkeit trennt – muss man den Becher schon wieder mit heißem Wasser nachfüllen.

Das hat zur Folge, dass jeder Mate-Trinker (also jede Uruguaya und jeder Uruguayo) neben dem Becher samt Strohhalm immer auch eine mindestens zwei Liter fassende Thermos-Flasche mit sich herumschleppt. In einer Uni habe ich sogar einen Heißwasser-Automaten mit der Aufschrift „Mi mate contribuye a mi hidratación“ („Mein Mate unterstützt meine Flüssigkeitszufuhr“) gesehen, an dem man die Monsterflaschen auffüllen konnte. Mate-Ultras hängen sich für den Transport eine spezielle Tragetasche um, damit sie zumindest gelegentlich eine Hand frei haben.

Und: Gefährlich ist Mate auch noch! Neben gängigen Abhängigkeitserscheinungen (Zittern) und Herzrythmusstörungen bei übermäßigem Konsum, berichtet mein Mitbewohner Pollo von absurden Krankheitsbildern wie dem „Mate-Arm (vgl. Tennis-Arm). Und dass sich schon der eine oder andere beim Konsum fiese Verbrennungen geholt haben muss, beweisen spätestens die Mate-Verbotsschilder, die sich in den öffentlichen Bussen von Montevideo an die gängigen Hinweise wie „Nicht mit dem Fahrer sprechen“ oder „Keine laute Musik“ reihen.

                     „Mate ist kein Getränk, Mate ist Leitkultur.“

Als ich mein Unverständnis für die Popularität des Getränks gegenüber meiner Mitbewohnerin Agustina anspreche, muss sie lachen. Ja, Mate sei unpraktisch und den Geschmack mögen anfangs die wenigsten. „Aber man muss einfach Mate trinken, um dazu zu gehören.“ Ich lerne: Mate ist kein Getränk, Mate ist Leitkultur. Agustina erzählt, wie sie sich als Teenagerin mit ihren Freundinnen traf, um gemeinsam Mate zu trinken und sich an den Geschmack zu gewöhnen. Schlürfen für die Adoleszenz, quasi.

Möglicherweise scheitert meine langfristige Integration in die uruguayische Gesellschaft also an getrockneten Blättern und heißem Wasser. Vielleicht gewöhne ich mich aber auch noch dran. Ich trinke zumindest jeden Tag ein oder zwei Schlücke, denn auch bei meinen Interviewpartnern gehört Mate einfach dazu und bekommt auf dem Schreibtisch seinen Platz neben Notizblock und Aufnahmegerät. Ich spiele also mit – und schlucke die bittere Brühe im Tausch gegen ein paar schöne O-Töne.

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