Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Es gibt ein Thema, das aktuell für hitzige Diskussionen unter den Brasilianern sorgt, zu dem jeder eine Meinung hat und dem niemand teilnahmslos gegenübersteht. Dabei geht es nicht etwa um Kürzungen von Sozialleistungen oder Korruption, es geht um Vaquejada, eine der letzten Möglichkeiten des Brasilianers seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen, wie mir ein Kollege während meines Praktikums lachend erklärt.

Letzte Woche lief mein Beitrag über die Vaquejada im brasilianischen Fernsehen TV Itararé in der Kultursendung Diversidade. Hier nun ein kleiner Einblick auf Deutsch in das Thema und den Entstehungsprozess des Beitrags.

Bei der Vaquejada treten Teams von jeweils 2 Reitern gegeneinander an. Das Team wartet auf einem Sandplatz vor einer Luke darauf, dass ein Bulle herausgerannt kommt. Dieser wird dann von einem der Reiter in die richtige Richtung getrieben, während der andere den Bullen am Schwanz zieht, bis dieser in der dafür vorgesehenen Markierung hinfällt. Je nachdem wie und wo der Bulle fällt, bekommt das Team Punkte. Das Team mit den meisten Punkten gewinnt.

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Warten auf den Einsatz bei der Vaquejada

Anfang Oktober dieses Jahres wurde entschieden, dass die Vaquejada aus Tierschutzgründen abgeschafft werden soll. Sie wird als Teil der brasilianischen Kultur zwar durch die Verfassung geschützt, kann aber trotzdem verboten werden, da das Wohl der Tiere mehr wiegt, als der Schutz eines Kulturgutes.

Gleich in der ersten Woche meines Praktikums kommt der Chefredakteur der Kulturredaktion, großer Fan von Tina Turner und der Stadt Köln wo er sogar schon Mal ein Konzert seiner Lieblingssängerin sehen konnte, zu mir und erklärt mit großer Geste: „Du als Ausländerin hast einen neutralen Blick, was hältst du davon einen Beitrag zum Thema Vaquejada zu machen? Das wäre doch phantastisch!“ Ich freue mich darüber, einen eigenen Beitrag machen zu dürfen. Die amüsiert bis gespannten Gesichter meiner Kollegen verstehe ich an dieser Stelle noch nicht. Ich stimme zu und die Redaktion freut sich auf die Show der kommenden Wochen unter dem Motto „Gringa vs. Cowboys.“

„Kommt mal alle her und guckt euch das an! DAS ist deutsche Gründlichkeit!“, ruft die Redakteurin Carla, die mich bei meinem Beitrag unterstützen soll. Sie ist geschockt von meinen Rechercheergebnissen und einer Liste von möglichen Interviewpartnern, die ich ihr unter die Nase halte. Aus Zeitgründen ist es bei Diversidade gängig, pro Beitrag nur einen Interviewpartner zu treffen, verstehe ich erst im Nachhinein.  Die Kulturredaktion hatte darum damit gerechnet einen  Geschichtsprofessor zum Thema „Kulturgeschichte der Vaquejada“ zu interviewen. Auf meiner Liste finden sich aber außerdem ein Anwalt zum Thema „Kulturgut vs. Tierschutz“, ein Vaquejadareiter (Vaqueiro) zum Thema „die Tiere leiden nicht“, ein Tierschützer zum Thema „die Tiere leiden“, ein Tierarzt zum Thema „was genau passiert mit den Tieren und das Problem fehlender Kontrollen während der Vaquejada“ und ein Mitarbeiter des Landwirtschaftsministeriums zum Thema „wir könnten Kontrollen durchführen, sind aber schon lange gegen Vaquejada, darum wollen wir damit nichts am Hut haben. Und außerdem sind wir personell unterbesetzt.“

Die Durchführung der Interviews entwickelt sich zum Schauspiel „Gringa vs. brasilianische Entspanntheit“, das von meinen Kollegen belustigt aber wohlwollend beobachtet wird. Vor meinem ersten Interview mit Wellington dem Anwalt bin ich nervös. Zwar ist mein Portugiesisch gut und flüssig, bei ungewohnten Themen wie Gesetzen und den verschiedenen Organen des brasilianischen Rechts fühle ich mich aber nicht so sicher. Darum bitte ich Carla sich eine Stunde vor dem Interview, das um 9 Uhr stattfinden soll, mit mir zu treffen, um die Fragen durchzugehen. Abgehetzt komme ich um 8.10 in die Redaktion, der Bus hatte Verspätung, Carla ist noch nicht da. Um 8.40 kommt sie in aller Ruhe an und schlägt vor zu Frühstücken, dabei könnten wir entspannt reden. Ich nehme alle Vaquejadaunterlagen mit in die Küche bemerke dort aber, dass sich ihr Vorschlag entspannt zu reden eher auf private Themen bezieht. Die Ausländerin, die nervös diverse brasilianische Gesetzestexte umklammert, sorgt für Belustigung. Um 8.55 Uhr kehren wir endlich an den Computer zurück. Um 10 Uhr ist Anwalt Wellington immer noch nicht da und auch telefonisch nicht zu erreichen. Er wird an diesem Tag nicht mehr kommen.

Am nächsten Tag schaffe ich es, am Telefon mit ihm zu sprechen. Er entschuldigt sich, erzählt etwas von seiner Schwiegermutter. Den Zusammenhang zum verpassten Interview verstehe ich nicht so genau. Wir verabreden einen neuen Termin, zu dem er wieder nicht erscheinen wird. Einige Tage später bin ich vormittags noch zu Hause, da ich an diesem Tag nur nachmittags arbeite, als mich ein aufgeregter Kollege anruft: „Ein Anwalt Wellington steht in der Redaktion und möchte ein Interview machen. Er habe mit einer Ausländerin gesprochen, das kannst nur du sein oder?“  Netterweise übernimmt der Kollege dann  meinen Anwalt.

Das nicht-private Fernsehen genießt in Brasilien kein großes Ansehen und der Lokalsender TV Itararé ist selbst in seinem Sendegebiet nicht gerade bekannt. Das ist bei der Recherche keine Hilfe. Meistens muss ich am Telefon erst einmal erklären was TV Itararé ist. Bitte ich um eine Auskunft und der Gefragte sagt, er würde sich mit der Antwort Morgen melden, kann ich davon ausgehen, nie wieder von ihm zu hören. Selbst wenn der andere sagt „Ich sitze gerade vor meinem Computer und schicke die Mail mit den Infos jetzt los“, bedeutet das, ich muss mindestens noch zwei Mal anrufen um eine Mail zu bekommen. Meine Kollegen kommentieren das mit „Jetzt weißt du wie es uns jeden Tag geht.“

Anfangs finde ich es komisch, dass mir die Kollegen bei jeder Suche nach einem Interviewpartner einen Freund von einem Freund oder jemanden, der der Redaktion schon öfters Interviews gegeben hat, vorschlagen. Nach kurzer Zeit verstehe ich, dass Zuverlässigkeit wo das Fernsehen keinerlei Autorität hat, nur über Freundschaftsdienste funktioniert. Und auch dann nicht immer. Anwalt Wellington ist ein alter Freund der Redaktion.

Die Vaquejada hat eine lange Tradition. Als es noch keine eingezäunten Weiden gab, bewegten sich Kuhherden verschiedener Besitzer frei auf der Suche nach Nahrung. Die Großgrundbesitzer engagierten an einem Tag im Jahr diverse Männer auf Pferden, um die Herden zusammenzutreiben, zu trennen, zu markieren, zu impfen und eventuelle Verletzungen zu behandeln. Wenn in diesem Zusammenhang ein junger Bulle aggressiv wurde, war es manchmal nötig, ihn zu fangen und auf den Boden zu drücken. Das Auf-den-Boden-drücken junger Bullen stellte also nur einen Teil des Alltags der Vaqueiros dar. Aus dieser Disziplin entwickelte sich ab ca. 1940 ein Event. Bis heute ist eine immense Industrie mit der Vaquejada verbunden. Ein guter Vaquejadareiter, der viele Wettbewerbe gewinnt, kann richtig reich werden. Der erste Preis ist manchmal ein Neuwagen. Die Vaquejadapferde werden für viel Geld gehandelt und auch im weiteren Umfeld der Vaquejada gibt es vom Pferdepfleger bis zum Bierverkäufer viele Profiteure.

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Interview mit Vaqueiro Ederval

Es gibt bereits zahlreiche Ideen, wie die Vaquejada tierfreundlicher gestaltet werden könne. Von Ederval dem Vaqueiro, lasse ich mir die Funktion eines künstlichen Schwanzes erklären, der einen Bruch des Bullenschwanzes vermeiden soll. Außerdem sollen 50 cm Sand auf der Piste für einen weicheren Aufprall sorgen.  Das Interesse der Vaqueiros an der Unversehrtheit des Bullen, der im Anschluss an den Wettkampf sowieso geschlachtet wird, erschließt sich mir trotzdem nicht. Nachvollziehen kann ich allerdings die Sorge des Tierarztes Danillo, dass ohne ausreichende Kontrollen die besten Regeln nichts nützen.

Alle Interviews werden in der Redaktion durchgeführt. Da die Kulturredaktion nur ein Kamerateam und ein Auto hat, ist das die einzige Möglichkeit meine vielen Interviews zeitlich zu bewältigen. Alle Bilder von Pferden und Bullen im Beitrag werden aus anderen Filmen kopiert, eine gängige Methode, wie mir erklärt wird.

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Männer bei der Vaquejada

Zu meiner ersten Vaquejada komme ich erst nach dem Praktikum. Es ist eine der von Danillo kritisierten kleinen und darum völlig unkontrollierbaren Vaquejadas mit wenig Geld. War ich bisher vor allem um das Wohl der Bullen besorgt, erregen nun die blutigen Sporenabdrücke und offenen Nasen der Pferde meine Aufmerksamkeit. Auch mein Begleiter ist wenig begeistert und betrachtet die Tiere mit mürrischer Miene.  Er fällt damit sofort dem Veranstalter auf, der herbeigestürmt kommt und wissen will, ob es sich bei meinem Begleiter um einen dieser Kontrolleure aus Brasilia handele.

Hätte ich diese Vaquejada früher besucht, wäre mein Beitrag  kritischer ausgefallen.

Hier der Link zu den Beiträgen (auf Portugiesisch):

Teil 1: https://www.youtube.com/watch?v=HBMzU_OyGAA

Teil 2: https://www.youtube.com/watch?v=k_EMbzxDa10

 

 

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