Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

1. Man kann alles, wirklich ALLES, auf einem Moped transportieren.
Meterlange Metallstangen, ein Dutzend Bierkästen, Haustüren, Baumstämme, riesige Körbe mit Früchten, Hühnern oder Haushaltswaren… Es ist erstaunlich, was auf so ein klappriges Moped alles drauf passt. Moped statt LKW!

Schwer beladen und hupend bahnen sich die Fahrer ihren Weg durch den dichten Stadtverkehr Hanois. An jeder roten Ampel bildet sich eine vibrierende Traube aus Zweirädern. Die Mopeds und Roller sind einfach überall. Dazwischen Touristenbusse, wenige Fahrräder und einige schicke Autos, die davon zeugen, dass sich eine wachsende Mittelschicht in Vietnam was leisten kann. Geparkt wird meistens auf den Gehwegen, sodass die Fußgänger in der engen Altstadt ständig am Straßenrand laufen. Anfangs muss ich mir vor jeder Straßenüberquerung ein Herz fassen, denn es gibt kaum einen Augenblick, in dem die Fahrbahn mal frei wäre. Auch wenn die Ampel grün zeigt, kommen die Mopeds von allen Seiten angerast. Also einfach losgehen und darauf vertrauen, dass die anderen schon bremsen werden oder um mich herum kurven.

Das funktioniert erstaunlich gut. Man könnte meinen, dass es in diesem Tohuwabohu an jeder Ecke kracht. Doch obwohl alle zusehen, dass sie möglichst schnell voran kommen, nimmt man aufeinander Rücksicht. So viel Gelassenheit würde ich mir unter deutschen Autofahrern wünschen. Der Soundtrack dazu: ein unentwegtes Hupen, bis tief in die Nacht. In Vietnam hupen die Leute nicht aus Ärger. Mööp, mööp heißt soviel wie „Hallo, hier komme ich“.

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2. Auf Bildung legen die Vietnamesen traditionell viel Wert.
Das sagt mir Anke Stahl, die das Regionalbüro des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Hanoi leitet und mich zum Gespräch eingeladen hat. Lehrer genießen in der Gesellschaft ein hohes Ansehen. (Obwohl sich das in ihrer Bezahlung nicht widerspiegelt. Um über die Runden zu kommen, müssen Lehrkräfte hierzulande nebenbei Nachhilfe geben.) Der große Lehrer Konfuzius steckt dahinter. Seine Philosophie hat die vietnamesische Kultur und Erziehung geprägt, dazu gehören auch der Respekt gegenüber Lehrern und Älteren, Disziplin und Fleiß.

Anke Stahl trifft bei ihrer Arbeit junge Vietnamesen, die mit einem Stipendium nach Deutschland an die Uni wollen. Was die Studenten auszeichnet, sei vor allem ein enormes Durchhaltevermögen. Und sie sind sehr fleißig, haben schon als Jugendliche vor und nach der Schule Stunde um Stunde gelernt. Motzen über zu viele Hausaufgaben – in Vietnam undenkbar. Vielleicht erklärt das, warum die vietnamesischen Schüler bei der vor wenigen Tagen veröffentlichten PISA-Studie so gut abschneiden. Platz acht. Damit liegt Vietnam vor vielen Industrienationen, auch Deutschland steht mit Rang 16 im Ranking schlechter da.

Gleichwohl, sagt Frau Stahl, habe die hohe Leistungsbereitschaft sicher auch ihre Schattenseiten. Jedes Jahr bringen sich junge Menschen um, weil sie in der entscheidenden Prüfung versagen und nicht den erhofften Studienplatz bekommen. Viele Familien verschulden sich, um zumindest einem Kind eine gute Ausbildung finanzieren zu können – in der Hoffnung, dass sich das für die ganze Familie auszahlt. Was für ein Druck. Dennoch, so der Eindruck der Bildungsexpertin vom DAAD, schlagen sich die meisten Studenten ganz gut. Was sie studieren, ist übrigens Familiensache. Die Eltern sitzen in den Beratungsgesprächen an der Uni und entscheiden, welches Fach es sein soll. Dass trotzdem so wenige Studenten abbrechen, auch das spricht für ein besonderes Durchhaltevermögen.

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3. Die Baubranche will in Vietnam hoch hinaus.
Vietnam erlebt offenbar einen regelrechten Bauboom. Ob in der Metropole Hanoi oder im bei Touristen beliebten Städtchen Sapa im bergigen Norden – überall sehe ich große und kleine Baustellen. Dieselgeruch von den Maschinen und Baustaub liegen in der Luft. Zu jeder Tages- und Nachtzeit wird gehämmert, gebaggert und gebohrt. Neue Hotels und Hochhäuser entstehen hier in rasantem Tempo. Früher durfte in Hanoi nur zweistöckig gebaut werden, nun ragen immer mehr Wolkenkratzer in den Himmel.

Vor allem die Städte wachsen und verändern sich. Aber der Bauboom macht auch vor Vietnams höchstem Gipfel nicht Halt. Im Frühjahr hat eine sechs Kilometer lange Seilbahn eröffnet, die Besucher auf das „Dach Indochinas“ bringt: mit 3.143 Metern ist der Fansipan Vietnams höchster Berg. Und er ist eine gigantische Großbaustelle. Wer derzeit die 20-minütige Fahrt mit der Seilbahn absolviert, wird Zeuge eines Tourismusprojektes, das noch in vollem Gange ist. Aussichtsplattformen, Tempel, Restaurants, Rolltreppen… Auf dem Gipfel wird eher geklotzt als gekleckert. Immerhin könnte die Seilbahn stündlich rund 2.000 Besucher befördern. Dass Naturschützer das Projekt kritisch sehen, kann man sich denken. Für mich hat sich die Fahrt gelohnt: Der Blick auf die umliegenden Berggipfel ist schon spektakulär. Einen Kran über den Wolken habe ich allerdings wirklich noch nie gesehen.

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