Es gibt Momente, in denen ich an der Sprachbarriere verzweifle. Wenn mir jemand auf Englisch etwas sagen möchte, aber die Aussprache derart rätselhaft ist, dass es genauso gut Vietnamesisch sein könnte. Sogar ein einzelnes Wort, mehrfach wiederholt, kann eine echte Herausforderung sein. Letzten Endes lächle ich höflich und bin genauso schlau wie vorher.

Wenn Vietnamesen Englisch sprechen, lassen sie häufig den hinteren Teil eines Wortes weg. Aus „beef“ wird dann „bi“ und aus „need more“ wird „ni mo“. Daran haben sich meine Ohren schon gewöhnt. Dennoch war ich anfangs verblüfft, wie schlecht viele Vietnamesen Englisch beherrschen. Selbst junge Leute, die beruflich jeden Tag mit Ausländern zu tun haben, sprechen häufig nur ein paar Brocken. Dabei ist Englisch an den Schulen die wichtigste Fremdsprache, die vietnamesischen Schüler fangen schon in der Grundschule damit an.

Wo das Problem liegt, habe ich an einer Schule im Bezirk Sapa live miterlebt. Ich war zu Besuch in einer 9. Klasse, Thema der Englischstunde: „The Media“. Eine junge, studierte Lehrerin las den Schülern einen Text über die Vor- und Nachteile des Internets vor. Dabei reihte sie einen katastrophalen Aussprachefehler an den anderen. Im Anschluss schrieb sie einzelne Vokabeln an die Tafel und die Schüler sollten im Chor nachsprechen, was sie ihnen vorsagte. Auch hier lag sie mit der Aussprache meistens daneben, dabei waren es simple Vokabeln wie „access“ oder „surf“.

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Ich hatte später Gelegenheit, den Schülern in der Klasse ein paar Fragen zu stellen. Mag sein, dass sie schüchtern waren und deshalb den Mund nicht aufbekamen. Ich fürchte allerdings, dass es vor allem an ihren mangelnden Sprachkenntnissen lag. Nach Jahren des Englischunterrichts waren die Schüler offenkundig nicht in der Lage, sich auf einem einfachen Niveau zu unterhalten.

Natürlich kann man nicht alle Englischlehrer in einen Topf werfen. Doch das Problem ist grundsätzlicher Natur: Das Sprechen der Fremdsprache spielt im Unterricht keine nennenswerte Rolle. In den vietnamesischen Schulen konzentriert sich der Englischunterricht generell auf Vokabeln und Grammatik. Damit die vietnamesischen Schüler besser Englisch lernen, müssten also erstmal die Lehrpläne modernisiert werden.

Vorerst werden ausländische Besucher mit der Sprachbarriere leben müssen. Aber auch das Gegenteil ist mir schon passiert: Ein älterer Mann, der in Hanoi am Empfang einer Schule arbeitet, sprach mich auf einmal auf Deutsch an. Er habe zu DDR-Zeiten als Schneider in Erfurt gearbeitet. Die Chance, Vietnamesen mit Deutschkenntnissen zu treffen, ist gar nicht mal so schlecht. Als die DDR Geschichte wurde, arbeiteten rund 60.000 sogenannte Vertragsarbeiter aus Vietnam in Ostdeutschland. Die meisten sind in ihre Heimat zurückgekehrt.

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