Schade, dass ich am 20. November noch nicht in Vietnam war. Da feierten die Vietnamesen wie jedes Jahr den Tag des Lehrers. Eine Tradition, die ich gerne miterlebt hätte. Die Schüler singen und tanzen und bringen ihren Lehrern Blumen mit. Auch Geldgeschenke sind verbreitet. Während Lehrer in Deutschland Geschenke im Wert von über 15 Euro nicht annehmen dürfen, ist das Verteilen von Geldscheinen in Vietnam Alltag – auch an den Schulen.

Dabei ist die Grenze fließend: Was ist einfach eine nette Geste und was ist Bestechung? Da Geldgeschenke in Vietnam Glück bringen sollen, gehören die roten, mit Scheinen gefüllten Umschläge zur Kultur. Dennoch werden die Eltern nicht ohne Hintergedanken handeln. Wer weiß, ob ein großzügiges Geschenk nicht dafür sorgt, dass die nächsten Noten ihres Kindes besser ausfallen.

Korruption ist in Vietnam ein flächendeckendes Problem. Die Vietnamesen sind es gewohnt, ständig Geldscheine zu verteilen – an Behörden, Ärzte, Verwalter. Niemand scheint sich großartig darüber aufzuregen. So ist es nun mal. Auch im Bildungssystem blüht die Korruption. Ich höre von einer Lehrerin, die 4.000 US-Dollar dafür bezahlt hat, dass sie die Schule wechseln konnte. Vorher hatte sie einen weiten Weg zur Arbeit, jetzt arbeitet sie an einer Schule in ihrem Wohnort. An wen das Geld ging, weiß sie nicht. Das Ganze lief über einen Mittelsmann. Vermutlich haben alle Beteiligten etwas abbekommen.

Kein Einzelfall. Viele junge Lehrer müssen zu Beginn ihres Berufslebens in der Provinz arbeiten, da ihnen Geld und Kontakte fehlen. Wer eine begehrte Stelle in der Stadt haben möchte, muss die richtigen Leute schmieren. Und so läuft es überall. Beamtenjobs sind in Vietnam daher extrem beliebt. Sie werden zwar schlecht bezahlt, aber jeder weiß ja, dass man unter der Hand im Staatsdienst kräftig abkassieren kann. Die Bestechungsgelder werden bei der Berufswahl sozusagen mit eingerechnet.

Für die Lehrerinnen und Lehrer gilt das meiner Einschätzung nach jedoch nicht. Gelegentliche Geschenke von Eltern ändern ohnehin nichts daran, dass sie in ihrem Beruf nicht reich werden. Ungefähr 240 Euro verdient ein vietnamesischer Lehrer im Schnitt monatlich. Ein vergleichsweise mickriges Gehalt. Viele geben nebenbei Nachhilfe, um sich etwas dazu zu verdienen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die vietnamesischen Lehrer gerne und mit einer hohen Motivation vor der Klasse stehen. Vielleicht liegt es daran, dass sie in ihrem Berufsalltag so viel Anerkennung erleben. Der Respekt vor der Rolle des Lehrers ist in der vietnamesischen Kultur verankert und auch bei der heutigen Schülergeneration zu spüren. Nicht nur am Tag des Lehrers.

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