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„Liebe Frauen, chanumaje aziz, lasst euch dieses Schnäppchen nicht entgehen! Nur weil ihr es seid, nur 20 Toman für den BH. Meine Lieben, azizajeman, in der gelben Linie haben sie heute schon zugeschlagen. Ich biete euch einen guten Preis. Nur heute, 20 Toman. Im Geschäft zahlt ihr fūr so schöne Unterwäsche das Doppelte, wenn nicht mehr.“

Willkommen in der Islamischen Republik Iran. In der 15-Millionen-Metropole Teheran. Im Untergrund entlastet die rote Metro-Linie vom ärmeren Süden in den reicheren Norden den Verkehr nur minimal. Aber wenigstens man kann hier den endlosen erscheinenden Staus entkommen, und eine Fahrt kostet weniger als 20 Cent. Die Frauen im „Women only“-Abteil stehen dicht gedrängt, dazwischen auch Kinder, einige setzen sich auf die kleinen freien Flächen auf den Boden. Wenn man einen Sitz bekommt, dann sitzt man sich wie in der Tube in London gegenüber. Kopftücher in dunklen gedeckten Farben überwiegen, manche tragen auch den schwarzen Tschador. Aber je näher wir dem Norden kommen, desto bunter wird es, die Mäntel und Kopfbedeckung werden knapper. Neuer Trend bei jungen Hipster Teheranerinnen, die langen Haare hängen offen auf dem Rücken, schauen unter dem kurzen Kopftuch heraus. Die Bedeckungspflicht wird quasi offensiv hintenrum umgangen.

Ich fahre mittags zur Endhaltestelle Tajrish. Von da aus ist es nicht weit zur ehemaligen Sommerresidenz der qajarischen Könige Saadabad, die der letzte Schah Mohammad Reza Pahlavi als Amts- und auch teilweise Wohnsitz genutzt hat. Nach der Islamischen Revolution ist es zum Museum geworden.

Auf dem Weg dahin hatte ich nicht so eine Bazar-Atmosphäre erwartet. Immer wieder schlängeln sich die fliegenden Händler durch das lange Metro-Abteil, mit Ware angeblich zu Großhandelspreisen. Die junge Frau mit den Neonfarben-gestreiften-5-Euro-BHs in grün, pink und orange hat auch passenderweise gesteifte Socken im Angebot. Dann kommt eine mit einer Palette Eyeliner, Wimperntusche und Lippenstiften. Ich frage mich, wer hat den jetzt die Nerven in diesem Gedränge zu shoppen, da probiert die junge Schülerin neben mir einen braunen Eyeliner auf der Hand aus. Kleine Kinder haben Kaugummi und Taschentücher im Angebot. Und auch wenn es das Frauenabteil ist, Konsum kennt keine Geschlechtertrennung. Ein Mann kommt mit einem Pappkarton voller Fensterwischer, auf einem Stück Plexiglas führt er mit Glasreiniger vor: „Schaut liebe Frauen, chanuma bebinid, es ist so einfach. Damit habt ihr die Fensterputzerei in wenigen Minuten hinter euch.“

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Ich frage mich, was verdienen die Metro-Bazaris wohl. Eine erzählt später, sie kann mit dem Verkauf von Schlafanzügen ihre Miete bezahlen, und ihren Sohn zur Schule schicken. Aber das geht nur, wenn sie Vollzeit unterwegs ist. Andere bessern nach der Arbeit ihr Gehalt auf. Weil die Preise wirklich günstig sind, sehe ich viele Frauen zugreifen, sie beraten mit Freundinnen oder Familie kurz über Farben und Preise. Und dann wandern die neuen Strumpfhosen in die große schwarze Handtasche.

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Kurz vor der Endhaltestelle ist es leerer geworden, ich kann endlich sitzen und bin froh mich für die Metro entschieden zu haben, und nicht für eine Autofahrt mit der neuen günstigen Mitfahr-App Snap – das iranische Uber. Seit einem Jahr haben die Taxifahrer jetzt Konkurrenz. Und es gibt immer wieder neue, noch günstigere Anbieter, wie die App Tapsy.

Vorletzte Station, eine alte Frau bietet Malbüchern für Kinder an: „Ich habe nur zwei Stück, nur noch zwei. Sechs Toman, weil es meine letzte Fahrt ist.“ 1,50 Euro, nicht schlecht. Ich steige aus, die Metro-Bazaris, die Händler mit ihren großen Taschen und Tüten bleiben sitzen. Auch die Frau mit den Malbüchern. Sie holt fünf neue Bücher aus ihrer Plastiktüte, und macht sich bereit für die neue Kundschaft auf dem Weg zurück in den Teheraner Süden.

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