Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wie wird das Thema Klimawandel in den chinesischen Medien dargestellt? Haben die chinesischen Leser ausreichend Informationen, um sich ein eigenes Bild zu machen? Über diese Fragen spreche ich mit Jonathan Watts. Watts ist seit sieben Jahren in China und berichtet als „Asian Environment Correspondent“ für die britische Zeitung „The Guardian“. Vor Kurzem erst hat er ein viel beachtetes Buch über China und den Klimawandel geschrieben („When a billion Chinese jump“).

Jonathan Watts, Korrespondent des "Guardian"

Jonathan Watts, Korrespondent des "Guardian"

Wie gut sind die chinesischen Zeitungsleser ihrer Ansicht nach über den Klimawandel informiert?

Es wird weniger diskutiert als in Europa aber gleichzeitig viel mehr als noch vor einigen Jahren. Man kann China immer horizontal mit anderen Ländern vergleichen, dann sieht es so aus, als liege China hinten. Aber wenn man es vertikal mit der Vergangenheit vergleicht, dann macht China viele Fortschritte. Das gilt auch für das Thema „Klimawandel“. Als ich im Jahr 2003 nach China kam, war der Klimawandel noch kein Thema. Er wurde nur als ein Problem anderer Staaten behandelt. Jetzt gibt es immer mehr Berichte über Umwelt- und Klimafragen.

Haben die Leser einen Überblick über die unterschiedlichen Positionen in den Klimaverhandlungen?

Ich glaube, sie haben einen ganz guten Überblick, welches Land welche Positionen vertritt. Wie detailliert das Wissen ist, hängt natürlich vom Leser ab. Aber die grundlegenden Informationen sind da. In manchen Bereichen haben die chinesischen Leser vielleicht einen anderen Blickwinkel als zum Beispiel Leser in Großbritannien. Nach Kopenhagen gab es zum Beispiel heftige Kritik an China. Ich weiß, dass die Berichte damals zensiert wurden. Über die schärfste Kritik an China wurde nicht berichtet, und die Spannungen zwischen Peking und dem Westen wurden heruntergespielt. Es gibt ein Bewusstsein für das Klimaproblem und es gibt auch Diskussionen darüber. Aber wenn das Propaganda-Ministerium den Eindruck hat, dass es notwendig ist, dann nimmt es die Zügel in die Hand und versucht, die Diskussion zu lenken.

Wie stark eingeschränkt sind chinesische Journalisten, wenn sie über die Klimaverhandlungen berichten?

Es gibt ein paar Einschränkungen. Wenn China sehr schlecht dasteht, dann schreiten die Behörden ein. Ich habe mit chinesischen Journalisten über dieses Thema gesprochen. Sie haben gesagt, sie hätten ein Gefühl dafür, wie weit sie gehen könnten. Einer meinte: ‚Ich weiß, dass ich in meinen Berichten zu 70 Prozent der Linie der Regierung folgen muss. Aber ich habe 30 Prozent, die ich weitestgehend selbst bestimmen kann.’ Das ist interessant, denn es zeigt einen Wandel: vor 20 oder 30 Jahren hätte er noch zu 100 Prozent der Linie der Regierung folgen müssen.

Wie stark beeinflusst diese teilweise gelenkte Berichterstattung ihrer Ansicht nach die Meinung der chinesischen Öffentlichkeit?

Das ist schwer zu sagen. Steht die chinesische Öffentlichkeit der westlichen Position im Klimastreit so kritisch gegenübersteht, weil die Medien kontrolliert werden? Oder vielmehr deswegen, weil sie gute Argumente haben: dass nämlich die entwickelten Länder beim Klimawandel die größere Verantwortung tragen? Da ist ja etwas dran. Es hat schon seine Gründe, wenn die chinesische Öffentlichkeit sagt: die reichen Länder müssen mehr leisten. Gleichzeitig muss man aber fairerweise sagen, dass die chinesischen Leser nicht so viel von der Kritik an ihrem Land mitbekommen, und davon, dass vor allem auch China zunehmend für den Klimawandel verantwortlich ist.

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