Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Um das entscheidende Foto zu knipsen muss man in die Schweine-Jauche waten. Der Kot der Tiere rinnt aus dem provisorisch gezimmertem Holzverschlag, es sammelt sich in einer trüben Pfütze an den Schuhen. Der strenge Geruch von Tierfäkalien wabert durch die stickige Luft – willkommen in Areak Svay, einem Dschungeldorf in der Nähe von Siem Reap, Kambodscha.

In dem Holzverschlag liegen 6 Sauen, alle in einzelnen Boxen. Eine hat offenbar

Ein Migrations-Stopper

kürzlich geworfen. Etliche Ferkel scharen sich um sie. Trotzdem ist es – bis auf das Surren tausender, glücklicher  Fliegen – idyllisch ruhig. Die Schweine liegen still, rühren sich kaum. Sie schlafen ihren Rausch aus.

Aber was hat das mit meinem Thema zu tun? Mit illegaler Migration, moderner Sklaverei und Menschenhandel?

Die Schweine leben in der Nähe einer Reiswein-Destille. Und sie sind der Grund dafür, dass sich die Betreiber der Reiswein-Destille keine Sorgen um ihr Überleben machen müssen. Das funktioniert aber nur solange die Schweine betrunken sind.

Wieso?

Die Reiswein-Destille arbeitet bizarrerweise nicht profitabel. Die Rohmaterialien wie Reis und Holzkohle sowie

Arbeitskraft und einfache Gerätschaften kosten schlicht mehr als der Reiswein später einbringt. Ein Liter Reiswein kann auf dem Markt für gerade einmal 0,50 Dollar verkauft werden, die Produktion dauert einige Tage. Kurz: es lohnt sich nicht Reiswein zu produzieren. Eigentlich müsste die Destillen-Familie und alle Angestellten hungern und wären sehr anfällig für illegale Migration nach Thailand, für Schleuser und zwielichtige Arbeitsvermittler.

Aber?

Verschiedene Grassroot-Organisationen beraten lokale Unternehmer um nach alternativen Einkommensquellen zu suchen und mit ihnen ein sicheres Einkommen zu erwirtschaften. Einige, wie der benachbarte Korbflechter-Verein, werden mittlerweile sogar von der EU unterstützt. Die Faustregel ist dabei einfach: ein ausreichendes Einkommen verhindert Armut und den Drang auszuwandern. So sinken die Chancen in der Ferne ausgebeutet und verschleppt zu werden.

Reiswein-Destille nahe Siem Reap

Im Falle der Reiswein-Produzenten ist ein Abfallprodukt des Herstellungsprozesses der wirksamste Schutz gegen Armut und Auswandern: der Reis, aus dem der hochprozentige Reisschnaps gewonnen wurde. Früher wurde er nicht mehr verwendet, jetzt verfüttern die Reiswein-Hersteller ihn an ihre Schweine. Und da ist hoch effektiv: Der „Left-over-Rice“ hat durch den Gärungsprozess einen Alkoholanteil von rund 5% aufgenommen – in etwa wie ein durchschnittliches Bier. Heißt: die Schweine fressen alkoholischen Reis und sind dauerbeschwipst. Die Folge davon ist, dass die Schweine in ihrem Leben ausschließlich fressen und kurz darauf ihren Rausch ausschlafen müssen. Dann fressen sie wieder, halten den Alkoholpegel und legen sich wieder schlafen.

Aber was bringt das?

Reiswein: 30% Alkoholgehalt

Die Schweine verschwenden keine Energie und sie sind mit winzigen Boxen zufrieden. Ihre Fütter-Nahrung verursacht den Reiswein-Produzenten keine Kosten, der alkoholreiche Reis ist ohnehin vorhanden. Und: da die Tiere nur essen und schlafen, wachsen sie schneller als ihre nüchternen Schlachtkollegen. Die Anwohner sagen, dass die betrunkenen Schweine in nur vier bis fünf Monaten das übliche Schlachtgewicht von 80 bis 100 Kilogramm erreichen. Andere Schweine brauchen dafür mindestens ein Jahr.

Für die Reiswein-Produzenten heißt das: das eigentliche Abfallprodukt „Left-over-Rice“ wird mehr und mehr zum Hauptziel der Arbeit. Er sichert Auskommen und Lebensstandard der Beteiligten, sie denken nicht daran, ihre Heimat zu verlassen und sich Schleusern und Korrupten beamten anzuvertrauen. Der Reiswein selbst ist weniger ertragreich – er schmeckt aber trotzdem.

Archive