Das gelobte Land liegt 150 Meter hinter Oma Cheurn Prouns Gemüsegarten. Ein kleines Stück die Wiese rauf, dann durch die struppigen Büsche und noch durch das alte Flussbett. Nachts, wenn alles ruhig ist und die Straße still wird, kann Oma Cheurn Proun sie hören: die illegalen Migranten. Die, die um jeden Preis nach Thailand wollen, aber keine Papiere, keinen Pass und keine Erlaubnis haben. Die, die sich im Schutz der Nacht über die grüne Grenze schlagen. Viele davon kennt Oma Cheurn Proun persönlich, manchmal sind ihre eigenen Kinder dabei.

Thailand. Immer wieder Thailand. Thailand ist überall, so scheint es zumindest in Banteay Meanchey – der westlichsten Provinz Kambodschas. Hier teilt sich Kambodscha eine lange Grenze mit Thailand, aber noch präsenter ist das Nachbarland in den Köpfen der Bewohner, in ihren Träumen, Hoffnungen, Zielen und Anschuldigungen. Und in ihren Antworten.

Oma Cheurn Proun ist eine angesehene Frau, 60 Jahre alt, wildes Blümchenmuster auf dem Kleid. Sie hat einen eigenen kleinen Bauernhof, mit Gemüse und Hühnern und mittlerweile auch eine geregelte Wasserversorgung. Aber Oma Cheurn Proun hat ein Problem: Sie muss sich nicht nur um sich, den Hof und ihren kranken Mann kümmern, sondern auch zehn Enkelkinder großziehen. „Alle meine Kinder sind in Thailand“, sagt sie. „Auf Baustellen oder auf Plantagen. So wie alle hier.“

Chouk Chey heißt das Dorf, in dem Oma Cheurn Proun wohnt. Ein idyllisch gelegenes Dorf auf einer sanften Hügelkuppe mit kleineren Reis-und Maniokfeldern. Trotzdem sind viele Häuser verwaist, die Türen verrostet, die Fenster tot. Oma Cheurn Prouns Dorf ist halb leer. Rund die Hälfte der Dorfbewohner sind weggezogen, auf der Suche nach Arbeit, Geld und einem besseren Leben. Und fast ausschließllich alle sind nach Thaland gegangen.  Auch ihre Kinder. Zurück bleiben die, die nicht in Thailand arbeiten können: Die Alten, die Kranken, die Schwachen – und die Kinder.

Es ist nicht einmal jemand da, der Oma Cheurn Proun dabei helfen könnte, den neuen Wassergraben zu ziehen. Jemand, der die wirklich schwere Arbeit für sie machen kann. Natürlich würde sie dafür bezahlen, aber die Thais zahlen einfach viel, viel mehr für die gleiche Arbeit. Deswegen verlässt die Jugend das Dorf, deswegen lassen Eltern ihre Kinder zurück und Kinder ihre betagten Eltern.

Um sich selbst macht sich Oma Cheurn Proun keine Sorgen, finanziell kommt sie gut durch. Aber nur, weil ihre Kinder in Thailand Arbeit gefunden haben und regelmäßig Geld schicken. Sicher sind sie dort trotzdem nicht. Sie sind in Thailand illegale Migranten, recht- und schutzlos. Kein Visum, kein Pass, keine Arbeitserlaubnis. Die Papiere sind unerschwinglich und die Bürokratie zu kompliziert. Immer droht ihnen in Thailand die Gefahr betrogen, misshandelt, verhaftet zu werden ohne sich wehren zu können. Oder an Menschenhändler und Ausbeuter zu geraten. Darum sorgt Oma Cheurn Proun sich. Und sie sorgt sich um die nächste Generation, ihre Enkel. Gleich zehn müssen satt werden, gleich zehn brauchen ihre Pflege, Aufmerksamkeit, Hilfe in der Schule und Liebe. Wie soll sie das schaffen? Wie sollen die Kinder etwas lernen für die Zukunft? Wie den Teufelskreis durchbrechen? Wie kann das Dorf in Zukunft weiterexistieren? Einige der Älteren arbeiten jetzt schon manchmal in Thailand anstatt auf den eigenen Feldern zu helfen – es ist schlicht lukrativer. Und wie sollten sie auch den Verlockungen der Arbeitsvermittler und Anwerber widerstehen?

Aber was ist Thailand? Auf der einen Seite sichert es den Familien Arbeit und genügend Geld, auf der anderen Seite ist es riskant und zerreißt die Gemeinschaft zu Hause. Was ist Thailand für Oma Cheurn Proun? Segen oder Fluch? Himmel oder Hölle? Heaven oder Hell?

Sie grübelt kurz und lächelt dann. Die Lachfalten zerfurchen das Gesicht, aber die Augen bleiben ernst: „Thailand is heaven“, sagt sie. „For Thais.“

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