Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Gar keine Ahnung gehabt. Heute morgen sitze ich unter tonnenschweren, goldglänzenden Kronleuchtern, an einem runden Tisch, vor mir eine Infomappe, offenbar mit dem Lineal zwischen Besteck und Gläser gezirkelt. Langsam füllt sich der Saal, man kennt sich, aber Umarmungen bleiben doch aus. Stattdessen wandern verstohlene Blicke der Militärs, der Bischöfe, Imame, und Friedensaktivisten durch den Raum: Vorbei an der Leinwand vorne, auf der sich Bilder der Zerstörung der Stadt Marawi abwechseln. Vorüber an einem Plakat – einem Versuch eines historischen Zeitstrahls. Hin zu meinen Füßen. Hätte ich gewusst, wo ich heute morgen bin, ich Idiot hätte keine Flip-Flops angezogen.

Im Haus Mindanao arbeiten verschiedene Friedens-NGOs. Auch Flüchtlinge kommen hier unter

Gestern Abend bin ich in Cagayan de Oro angekommen, einer Großstadt im Norden Mindanaos. Von hier ist es nicht mehr weit bis zum muslimischen Marawi, wo sich seit fast zwei Monaten die Islamisten rund um die Maute-Familie verschanzen. Die Armee wirft Bomben auf sie, die USA und Australien helfen dabei. Konsequenz: Einige Hundert Tote und eine halbe Million Binnenflüchtlinge, hier Internally displaced people (IDP) genannt. Etwa 250.000 IDPs haben Verwandte in Cagayan und sind in den letzten Wochen hier hin geflüchtet. Eine humanitäre Katastrophe. Hungersnot.

Balay Mindanaw heißt Haus Mindanao, unter diesem Dach versammeln sich verschiedene Friedens-Aktivisten: Eine Gruppe engagiert sich im Katastrophenschutz und verteilt essen, die nächste Gruppe will Frieden zwischen Clans in der Nachbarschaft schaffen. Und das International Center for Peace vermittelt zwischen Behörden, Kirchen und Armee. Hier im Haus Mindanao darf ich in einem der Dorms schlafen, in denen bisweilen auch Flüchtlinge unterkommen. Von hier starten wir zur Konferenz, die Balay moderiert. Ich kann spontan dabei sein. Und wusste nicht, dass es der vielleicht wichtigste Termin des Monats für Balay ist, dass Flip-Flops heute nicht passen.

Auf der Konferenz kommen alle zu Wort. Es fließen auch Tränen

Die Konferenz beginnt mit einer Schnulze, einer Art Friedensschlager, begleitet von einem Video auf der Leinwand, das mich an frühere Bildschirmschoner erinnert. Tränen kullern über die Wangen der Männer in Tarnhosen oder Turban. Sie sind ergriffen, es geht heute um ihre Stadt. Um Marawi. Jetzt noch Hand aufs Herz: Die Nationalhymne. Dann aber wird es ernst. Es geht heute darum, den Dialog zwischen Bischöfen, Imamen und Generälen aufrechtzuhalten. Wie soll Marawi gemeinsam wieder aufgebaut werden?

Der Aufstand hat viele Ursachen. Drogen, Waffen, Religion

Verschiedene Vertreter berichten über die Situation der IDPs. Kinder seien nach der Flucht häufig  dehydriert, Familien getrennt, die Verwandtschaft der IDPs in Cagayan müsse jetzt zu viele Mägen voll kriegen. Klansmänner seien nun im Streit mit Bezirksbürgermeistern, Katholiken mit Muslimen. Genau das sei es, was der IS erreichen wollte. Doch ich lerne auch, dass der Aufstand in Marawi nicht nur mit dem IS zu tun hat, der mutmaßlich Geld und Ideologie in die Region pumpt. Der Maute-Familie schwämmen die Felle weg, dieser Gang von etwa 40 Cousins und Brüdern, die den Aufstand in Marawi anführt. Gelder von Drogenbaronen etwa, die Umsätze seit Dutertes Drogenpolitik einbüßen.

Dann, zwischen den Vorträgen, ermutigt uns eine Moderatorin zu Dehnübungen. Wie Passagiere auf einem Transatlantikflug stretchen und verrenken wir uns. Schütteln uns danach die Hände.

Fast geschafft: Nur noch eine Minute Lesezeit

Natürlich spielt das Militär heute auch eine zentrale Rolle: Der für das Kriegsrecht in der Region verantwortliche General gibt sich nahbar, auf Kuschelkurs: Mit sanfter Stimme und Brille auf der Nasenspitze möchte er überzeugen: Die Armee wolle ihre Bürger schützen, „wir tun doch nur, was uns befohlen wird.“ Einige Einheiten nähmen das Kriegsrecht aber sehr wörtlich, reagierten nervös, erzählt mir eine Aktivistin von Balay Mindanaw. Jenseits dieser Konferenz sei ihre Kernaufgabe die Friedenserziehung von Soldaten, die eine andere Selbstwahrnehmung lernen müssten.

Es gibt Reis. Nur ein paar Familien bekommen morgen eine Ration

Das kann ich mir gut vorstellen, nachdem ich die gepanzerten, versteinert durch ihre verspiegelten Sonnenbrillen dreinblickenden Kämpfer an den dutzenden Checkpoints in Mindanao gesehen habe. „Where you go, Sir. Where?“

Nach den Vorträgen, am Nachmittag, geht es ins Detail. Jetzt leiten die Friedenschaffenden Kleingruppen an, die ihren Standpunkt gegenüber anderen Interessengruppen und Empfehlungen zum Wiederaufbau von Marawi ausarbeiten sollen. Das Ergebnis: Ein Thesenpapier, das alle wichtigen Geistlichen und Militärs unterschreiben. Hoffentlich hält die sorgsame, umsichtige Stimmung lange genug nach.

Nach dieser Konferenz bleibe ich noch ein paar Tage bei Balay Mindanao. Jede Hand wird gebraucht: 350 Kilo Reis portionieren, Hygiene-Pakete zusammenstellen, alles in den Truck laden. Einige Hundert Familien warten auf das Nötigste für ein paar Tage.

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