Drei Millionen Einwohner hat Taipeh, die Hauptstadt Taiwans, im Norden der Insel. Der Flughafen fühlt sich trotzdem wenig nach Metropole an. Eher wie ein kleiner Provinzflughafen, mit einer langen Schlange an der Passkontrolle. Meine letzten Reisen in die USA haben mich da schwer geprägt. Ich erwarte 1. ewig anzustehen und 2. sehr unfreundlich von den Grenzbeamten behandelt zu werden. Das, mit dem ewig anstehen stimmt. Als ich an der Reihe bin, werde ich wortlos angewiesen, meine Zeigefinger auf einen Scanner zu legen und die Brille abzulegen, für ein Foto. Dann mustert der Beamte meinen Pass. Die starre Miene verzieht sich zu einem Lächeln, er prustet los: „Oh picture not very good. You look funny.“ Er kriegt sich gar nicht mehr ein, gibt mir den Pass zurück, lächelt immer noch und winkt mir zum Abschied hinterher. Etwas verwirrt, aber mit einem wirklich positiven Gefühl im Bauch gehe ich durch den Zoll, in die Eingangshalle und ein Stockwerk tiefer zu den Bussen. Auch ohne Mandarin zu verstehen, oder auch nur ein einziges Schriftzeichen lesen zu können, ist es überhaupt kein Problem, den passenden Bus zu finden, der mich in die Stadt bringen soll. Immer noch gut gelaunt gehe ich in Richtung Bussteig. Es wird mein erster Kontakt mit der taiwanischen Außenwelt sein. Eine gläserne Schiebetür öffnet sich und ich knalle gegen eine Hitzewand. 34 Grad und eine Luftfeuchtigkeit, wie ich sie nur aus dem Tropenhaus im Zoo kenne. Ab in den Bus. Hier wiederum gibt die Klimaanlage ihr Allerbestes, ich fühlte mich wie in der Kühlabteilung vom Supermarkt. Ich bin ja ein Fan von Gleichgewicht, Yin und Yang und so. Es wird mich hoffentlich abhärten.

Aus dem Bus ein erster Blick auf die Skyline von Taipeh: Joa, hübsch ist anders. Viele hohe, graue Klötze, die wie Zähne in einem renovierungsbedürftigen Gebiss unregelmäßig in die Höhe ragen. Dass Taipeh keine architektonische Perle ist, hatte ich schon gehört. Heruntergekommene Häuser, die Stadt zu schnell gewachsen, niemand der sich für die Gebäude verantwortlich fühlt. Das waren die Stichworte, die ich mir gemerkt hatte.

          

Tatsächlich besteht die Stadt aus einem wilden Sammelsurium an Häusern unterschiedlicher Höhe. Von vier- bis fünfstöckigen Wohnhäusern, bis hin zu extrem hohen Geschäftsgebäuden. Die Häuser sind hässlich, es gibt einfach keine euphemistische Umschreibung. Sie sind grau, braun, verwittert, mit wilden Anbauten, Klimaanlagenansammlungen und freiem Kabelwirrwar an den Außenfassaden. In den schmalen Gassen stehen oft die Spülen der umliegenden Restaurants und Garküchen. Zwischendrin wachsen dichte grüne Pflanzen, Lianen, buschartige Bäume. Es sieht so aus, als ob der Dschungel sich langsam sein Territorium zurückholt. Optisch hat es etwas von den Städten in apokalyptischen Untergangszenarien aus Hollywood. Die waren bestimmt vorher zum Scouting in Taipeh.

                

Taipeh ist also keine Schönheit, aber ich fühle mich hier wohl. Selten habe ich mich in einem fremden Land so sicher gefühlt. In Taipei ist vieles sehr gut organisiert, die Abläufe sind effizient, die Menschen zurückhaltend, freundlich, hilfsbereit, wenn man Hilfe sucht. Der erwartete Kulturschock bleibt bisher aus. Aber ich bin ja auch gerade erst angekommen.

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