Ich sitze mit meinen beiden Mitbewohnern in Taipeh auf dem Sofa, es ist Abend, kurz vor acht. Von draußen dringt schrill Musik herein- plötzlich springen beide auf, laufen in die Küche, schnappen sich zwei volle Müllsäcke und stürzen aus der Haustür.

Was war denn das? Nach fünf Minuten kommen sie zurück. „Der Müllwagen war da.“ „Der Müllwagen?“ „Hast du die Musik nicht gehört?“ Doch, hatte ich, aber dass es eine Müllwagen-Musik gibt, wusste ich nun wirklich nicht. Die Melodie wird mich in den nächsten Wochen im ganzen Land verfolgen. Seitdem ich sie zuordnen kann, höre ich sie ständig, überall. Es ist eine monotone, blecherne Adaption klassischer Musik, zurzeit Tekla Bądarzewska-Baranowskas „Gebet einer Jungfrau“, es wurde auch schon „Für Elise“ oder „Beethovens 9.“ von den Müllwagen posaunt.

Wenn die Musik ertönt, trifft sich die ganze Nachbarschaft auf der Straße und wirft eigenhändig den Hausmüll in speziellen Tüten auf den Wagen. Die Tüten kosten umgerechnet zwischen 3 Cent und 1,20 €, je nach Größe. Dem Restmüllwagen folgt ein Wagen für Recyclingmüll. Im Preis für die Tüten ist eine Müllsteuer enthalten, mit der die Entsorgung finanziert wird.

           

Der musikalische Müllwagen kommt an fünf Tagen die Woche. Mittwochs und Sonntags hat er frei. In manchen neuen Wohnblöcken gibt es einen Müllservice, bei dem die Bewohner ihren Müll abgeben können. Ihnen entgeht dafür das abendliche Schauspiel. Es ist sehr interessant zu sehen, wer noch in den umliegenden Häusern wohnt. Ein soziales Müllhappening sozusagen. Ich bin fasziniert.

Doch warum gibt es nicht einfach große Tonnen, in denen der Müll gesammelt und dann von der Müllabfuhr abgeholt wird, so wie in Deutschland?

Bis zum Jahr 2000 war Taipeh eine dreckige, stinkende Stadt, erzählen mir meine Mitbewohner. Jeder stellte seinen Müll an die Straße. Dort stand er dann und rottete vor sich hin, bis er irgendwann abgeholt wurde. Bei dem heißen, subtropischen Klima in Taiwan eine Freude für Tiere aller Art. Nach dem Ende der Militärdiktatur Ende der 80er Jahre, begann ein Demokratisierungsprozess in Taiwan, der auch zur Folge hatte, dass sich das Land schnell entwickelte. Es gab einen wirtschaftlichen Aufschwung, die Menschen wurden reicher, konsumierten mehr und produzierten somit auch mehr Müll. Es stank auf den Straßen, Hygieneprobleme nahmen zu, die Müllverbrennungsanlagen kamen an ihre Auslastungsgrenzen.

Die Regierung beschloss, das Müllsystem in Taiwan radikal zu ändern. Seitdem wird der Müll getrennt, in Restmüll und recycelbare Materialien wie Plastik und Papier. Außerdem gibt es nur noch sehr wenige Mülltonnen am Straßenrand, damit Ungeziefer ferngehalten wird und die Anwohner nicht hier ihren Müll entsorgen. Und natürlich, damit es nicht wieder anfängt zu stinken auf den Straßen.

Es hat ein generelles Umdenken stattgefunden. Seit der Reform im Jahr 2000 fällt nur noch ein Drittel so viel Hausmüll an. Die Taiwaner sind stolz auf ihr Müllsystem und können es auch wirklich sein. Die Städte sind oft chaotisch, aber wirklich nicht dreckig.

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