Porto Trombetas, mitten im Amazonas-Regenwald, ist eine Retortenstadt. Alles ist gleich: die Straßen, die Häuser, die Kleidung der Menschen. Wer hier lebt, arbeitet für die Bergbau-Firma Vale in der benachbarten Mine.

Boote auf dem Wasser und ein Kran

Der kleine Hafen von Porto Trombetas

Ich komme mit dem kleinen Motorboot in Porto Trombetas an. Es schiebt sich zwischen die zahlreichen Kanus, Motorboote und mehrstöckigen Holzboote, die am Ufer liegen. Links, rechts und hinter mir breitet sich der dichte Regenwald aus, dazwischen liegt der spiegelglatte blaue Rio Trombetas. Klingt idyllisch. Wäre es auch, wären da nicht die Schornsteine, die zwischen den Bäumen hervorragen und der riesige Kran, der im Flussbett steht. Anzeichen der großen Bauxit-Mine, die sich weit in den Regenwald erstreckt.

Anti-Brasilien

Plakat mit Mann

„Willkommen in Porto Trombetas! Lebensqualität und Sicherheit steht hier an erster Stelle“ – steht auf dem Plakat am Eingang der Stadt

1979 nahm das Bergwerk seine Arbeit auf und die zuerst provisorische Ansiedlung der Arbeiter wurde eine geordnete Kleinstadt. Heute ist hier alles geregelt. Morgens kommen Busse die Arbeiter abholen, die alle in der gleichen Uniform gekleidet, an der Bushaltestelle warten. Abends gibt es eine Sperrstunde und wer länger laute Musik macht, bekommt Besuch vom Aufpasser. Haustüren und Autos werden selten abgeschlossen. Kriminalität gibt es hier so gut wie gar nicht. Überall sind Kameras installiert und die soziale Kontrolle der Nachbarn untereinander ist riesig.

Die Stadt ist eingeteilt in verschiedene Distrikte. Die einfachen Arbeiter und Singles teilen sich kleine Zimmer, haben Gemeinschaftsbäder. Haben sie eine Familie, bekommen sie ein kleines Häusschen. Je besser die Anstelltung, desto besser und größer das Haus und die Wohngegend. Miete, Strom, Wasser, Internet – zahlt die Firma.
Es gibt einen Sportbereich, wo sich Basketball-, Tennis- und Fußballfelder befinden, einen Essensbereich mit zwei Restaurants und einer Bar und eine Einkaufsstraße mit einem gut geordneten Supermarkt.  Alles ist sauber, ordentlich und geregelt. Wie in Disneyland.

Wo ist die Seele dieser Stadt? Der Charme, die Atmosphäre, das typische brasilianische Chaos? Laute Unterhaltungen, lustige Partys, ausgefallenes Gelächter, spontane Besuche?

Truman-Show

Zwei weiße HäuserDie meisten Einwohner lieben die Ordnung und Sicherheit, die hier herrschen. Unfälle gibt hier es keine, Überfälle genauso wenig. Dafür zahlen sie aber einen großen Preis. Ständig werden sie beobachtet von einer der Kameras. Die Firma weiß alles über die Einwohner und ihre Besuche. Denn um Porto Trombetas zu besuchen, muss man sich im Voraus anmelden mit allen persönlichen Daten. Die werden natürlich überprüft. Mit dem OK der Firma, darf man die Absperrung zwischen Hafen und Stadt passieren. Bleibt ein Besucher aus Sicht der Firma zu lange, wird nachgefragt und hinauskomplementiert.

Sobald ein Arbeiter in Rente geht, muss er die Stadt verlassen – direkt am nächsten Tag. 17-Jährige, die die nächsthöhere Schulform besuchen wollen, müssen in eine andere Stadt ziehen – ohne die Eltern. Ehepartner müssen sich einen Job bei der Mine oder in Porto Trombetas suchen.

Auf dem Platz vor dem Supermarkt finden regelmäßig Informations-Veranstaltung von dem Bergwerks-Unternehmen statt. Damit auch jeder weiß, wie gut er es hat. Frei Kritik über das Bergwerk zu äußern geht nicht. Alles wird überwacht. Wir treffen uns deshalb für Gespräche abwechselnd in verschiedenen Häusern. Namen darf ich keine nennen.

Ich fühlte mich hier seit Beginn unwohl. Beobachtet. In einer anderen Welt. Dies alles erinnerte mich an die Truman Show oder die Distrikte von Panem. Obwohl ich es auch einerseits ganz angenehm fand, dass ich mal nicht auf der Straße aufpassen musste, nicht ausgeraubt zu werden, bevorzuge ich das laute, chaotische, sympathische – das richtige Brasilien.

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