Wenn Simon Wearne erstmal angefangen hat zu reden, ist er kaum zu bremsen. Wir treffen uns am Bahnhof Wakayama und steigen in Simons klapprigen Jeep. Schon auf der Fahrt fängt er an zu erzählen. Von seiner früheren Laufbahn als Kameramann. Wie er an den Dreharbeiten für die US-amerikanische Fernsehserie Whale Wars mitarbeitete. Wie er anfing zu zweifeln, weil die Reality-Doku nur eine Seite der Geschichte zeigte.

Diese Kamera war bei den Whale Wars-Dreharbeiten mit im Boot

Whale Wars wurde das erste Mal im Jahr 2007 ausgestrahlt. Die Serie begleitete die Meeresschutz-organisation Sea Shepherd auf ihrer Kampagne, die die japanische Walfangflotte in der Antarktis sabotieren sollte. Die Aktivisten um Gründer Paul Watson griffen dabei teils zu illegalen Methoden, sie warfen Stinkbomben, rammten und enterten die japanischen Schiffe.

Später habe er beide Seiten interviewt, sagt Simon – Aktivisten und Walfänger. Er erzählt von einer Begegnung zwischen dem Aktivisten Ben Potts und Kenji Tsuda, einem Mitglied der japanischen Mannschaft. Potts war zusammen mit einem zweiten Sea Shepherd Mitglied auf dem Walfänger festgesetzt worden, nachdem sie das Schiff geentert hatten. Sea Shepherd dramatisierte den Vorfall als Entführung – in Wahrheit sei die Begegnung aber recht zivilisiert verlaufen. Tsuda, der Walfänger, überreichte Potts, dem Aktivisten, eine Videokassette des japanischen Animationsfilms Prinzessin Mononoke mit den Worten: „Das könnte dir gefallen“. Das tat es. Prinzessin Mononoke ist wie gemacht für Öko-Krieger, der Film handelt von den Göttern des Waldes, die ihren Lebensraum gegen habgierige Menschen verteidigen. „Solche Begegnungen wurden in Whale Wars nie erwähnt“, sagt Simon Wearne.

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Er wollte mehr über den japanischen Walfang wissen, über dessen Geschichte und Tradition und kam 2008 zum ersten Mal nach Taiji. Je mehr Simon über die traditionellen japanischen Walfänger erfuhr, die spätestens um das Jahr 1600 anfingen Wale zu jagen, desto mehr fesselte ihn das Thema. Er entschloss sich, eine Doktorarbeit zu schreiben. Das tut er jetzt, vier Tage die Woche. Die restlichen drei (für Wochenende ist jetzt, kurz vor dem Abschluss seiner Arbeit, keine Zeit) unterrichtet er an der Tourismusfakultät an der Universität Wakayama. „Ich habe die größte Geschichte meines Lebens aus Versehen gefunden“, sagt der inzwischen 61-jährige Australier, als wir endlich in seinem Büro an der Uni angekommen sind. Eigentlich ist der kleine Raum eher ein Studio, mit einer bunten Sammlung alter und neuer Filmkameras, Monitore und Aufnahmegeräte.

Auch wenn Simon seit fast zehn Jahren an der Geschichte Taijis historischer Walfänger forscht: Der Kameramann scheint immer wieder durch. Selbst das Thema seiner Doktorarbeit klingt nach Filmtitel: „A filmmaker at the intersection of landscape and activism“ – Ein Filmemacher zwischen Landschaft und Aktivismus.

Seine Begeisterung für das Thema ist spürbar. Simon erzählt von den Booten, mit denen die Walfänger in der Edo-Periode ausfuhren, die schnellsten Ruderboote der Welt. „Sie waren schneller als europäische Walfänger, sogar schneller als Dampfschiffe.“ Die Boote waren außen mit bunten Bemalungen verziert, „nicht, um die Nachbarn zu beeindrucken, sondern für die Wale.“ Die erlegten Tiere sollten etwas Schönes sehen, bevor sie ins Jenseits entglitten – so zumindest Simons Interpretation.

Den traditionellen Walfang könnte man nachstellen, sagt der Australier, mit nachgebauten Booten. Eine Regatta von Taiji nach Tokio zum Beispiel. Eine Waljagd auf traditionelle Art, begleitet – und hier spricht wieder der Kameramann – von Drohnen, die das Ganze aus der Luft filmen. Ganz zum Schluss: die Perspektive des Wals. Die bunt bemalten Boote von unten, darüber das Glitzern der Sonne im Wasser. „Das ist der money shot“, sagt Simon.

In drei Jahren werden die Olympischen Spiele in Tokio abgehalten – für den Australier die ideale Gelegenheit, Taijis Image aufzupolieren – und damit auch das Image des japanischen Walfangs . „Diesen Konflikt gibt es schon lang genug, es wird langsam langweilig“, findet Simon. Das Problem ist seiner Meinung nach, dass die Japaner zwar gerne von Tradition sprechen, wenn es um Walfang geht, aber trotzdem nicht wirklich dazu stehen. Viele Politiker, die angeblich die traditionelle japanische Esskultur schützen wollen – zu der nun mal auch Walfleisch gehört – waren nie in Taiji und kennen die Geschichte des traditionellen Walfangs überhaupt nicht.

Heute sieht sich Simon Wearne, der ehemalige Kameramann, als „alternativen Aktivisten“ – und sein Aktivismus besteht darin, diese Geschichte zu erzählen. Aber nicht mehr fürs Fernsehen.

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