„Can you make picture?“ Bei einem Verdauungsspaziergang am Mekong-Fluß im Herzen von Ho-Chi-Minh-Stadt werde ich plötzlich von einem vietnamesischen Paar angesprochen. Ob ich ein Bild von Ihnen machen kann? Sicher kann ich.

Als sie das Resultat begutachten, höre ich sie auf einmal Deutsch sprechen. „Sind Sie aus Deutschland?“, frage ich neugierig. Sind sie. Seit über 20 Jahren leben Vũ Thi Hưng und ihr Ehemann Dình Thuần Phạm in Westerholt, ein kleines nordrhein-westfälisches Dorf nördlich des Ruhrgebiets. Momentan besuchen sie Familienangehörige in Vietnam.

Und so führt eine simple Frage zu einem gemeinsamen Spaziergang, bei dem Vũ Thi und Dình mir ihre faszinierende Geschichte erzählen. Getroffen haben sich die beiden 1989 in Tschechien, wo sie in einer Gruppe von 49 vietnamesischen Vertragsarbeitern als Dolmetscher arbeiteten. Dình ist der einzige Mann, sie verdienen etwa 200 Euro pro Monat. Noch in Tschechien heiraten sie. Als der Eiserne Vorhang fällt, beantragt das Ehepaar in Deutschland Asyl. Über Braunschweig und Hannover kommen sie schließlich nach Westerholt.

Kontakt zwischen den Vertragsarbeitern und den Einheimischen war nicht erwünscht, weder in Deutschland noch in Tschechien. Vietnamesen blieben unter sich. Oft schliefen 20 oder mehr Landsmännern oder -Frauen in einem Zimmer. In Dìnhs Fall waren sie zu fünft. Und auch die Besuchszeiten der Wohnheime waren streng geregelt: Um 22 Uhr war Feierabend. Da wurde man schon mal kreativ, wie Dình zu berichten weiß: An Bettlaken zogen Frauen die Männer zu sich nach oben – bis in den vierten Stock.

Hưng und Thuần am Mekong während ihres mehrwöchigen Vietnam-Urlaubs

Vũ Thi Hưng und Dình Thuần Phạm waren zwei von zehntausenden Vertragsarbeitern, die ab den 1970er-Jahren nach Deutschland und Tschechien kamen. Allein in Deutschland waren es rund 60.000. Genommen wurden nur die besten. Die ersten acht Jahre arbeitete Dình für den Autohersteller Škoda. Als er nach zwei Jahren in der Heimat 1989 zum zweiten Mal nach Tschechien kam, genoß er als Dolmetscher einige Privilegien. Heute leben etwa 125.000 Menschen mit vietnamesischer Abstammung in Deutschland, in Tschechien sind es etwas weniger als die Hälfte.

Diese mit anderen Gruppen verglichen relativ hohe Zahl liegt auch an den sogenannten ca. 1.6 Millionen südvietnamesischen Bootsflüchtlingen („Boatpeople“), die nach dem verlorenen Vietnamkrieg vor Hinrichtung, Haft und Folter flohen. Hunderttausende von ihnen ertranken im Südchinesischen Meer. Wegen ihrer Beteiligung am Vietnamkrieg nahmen die USA und Frankreich mit Abstand die meisten Boatpeople auf. Der deutsche Journalist Rupert Neudeck und Gleichgesinnte retteten mit dem umgebauten Frachter Cap Anamur knapp 10.000 von ihnen.

Ob Bootsflüchtlinge oder Vertragsarbeiter, etwa vier Millionen sogenannte Việt Kiều („Auslands-Vietnamesen“) und ihre Nachkommen leben heute in der Diaspora überall auf der Welt verstreut, mit Abstand die meisten von ihnen (ca. zwei Millionen) in den USA. Deutschland liegt an siebter Stelle, nach Kanada, Taiwan, Australien, Frankreich und Kambodscha.

Die Anzahl der Vietnamesen die in Deutschland gelebt haben und wieder zurückgekehrt sind, wird auf etwa 100.000 geschätzt. Deswegen ist es nicht ungewöhnlich, dass ein vietnamesischer Taxifahrer oder Tourist Deutsch spricht.

Zumindest bei Vũ Thi und Dình blieb der Kontakt zum Heimatland trotz der Entfernung über die Jahrzehnte erhalten. Hưng überweist jeden Monat 100 Euro an ihre Mutter, unter Anderem um Krankenversicherung und Arztbesuche zu bezahlen. Diese Heimatüberweisungen von Migranten („Remittances“) spielen eine große Rolle für die vietnamesische Wirtschaft: 2015 sollen es laut Weltbank knapp 10 Milliarden US-Dollar gewesen sein, etwa zwei Prozent des globalen Volumens.

Vũ Thi und Dình sprechen nur gebrochen Deutsch. Vor allem Dình hat es nie richtig gelernt. Ergo erfolgt die Kommunikation zwischen uns hauptsächlich über Vũ Thi , die bei ihrer Ankunft in Deutschland einen mehrmonatigen Sprachkurs belegt hat. Keiner von beiden besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft.

In Dornumersiel bei Norderney arbeitet Dình neun Monate im Jahr in einem Fisch-Imbiss. In der kalten Jahreszeit reisen die vierfachen Eltern und dreifachen Großeltern nach Vietnam zu ihren Familien oder besuchen andere Verwandte in Helsinki oder Hong Kong. Auch in Deutschland leben ein paar Familienmitglieder.

Ob sie mit dem Gedanken spielen, irgendwann zurück nach Vietnam zu ziehen? Die Antwort ist ein entschiedenes „Nein“. In Vietnam gäbe es keine Krankenversicherung, und Deutschland wäre viel ruhiger. Nach drei Stunden verabschieden uns mit dem Versprechen, dass wir uns eines Tages in ihrer Wahlheimat wiedersehen.

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