Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Qırmızı Qəsəbə“ in Quba: Nix los am Sabbat

Das jüdische Viertel von Quba, einer Kleinstadt ganz im Norden von Aserbaidschan, gilt als letztes „Schtetl“ außerhalb Israels. Als Schtetl galten – insebsondere in Osteuropa – Siedlungen mit sehr hohem jüdischen Bevölkerungsanteil und geschlossenem Sozialsystem.

Heute ist hier tote Hose: Es ist Samstag, also Sabbat, auf den Straßen ist kein Mensch zu sehen, die Geschäfte im „Qırmızı Qəsəbə“ (dt.: „Rote Siedlung“), wie das Viertel seit Sowjetzeiten heißt, sind geschlossen.

Nuri Naftaliyev ist so etwas wie der Vorsitzende der Gemeinde. Er steht in der frisch renovierten Synagoge aus dem 19. Jahrundert und spricht über die religiöse Freiheit in Aserbaidschan: „Zu Zeiten der Sowjetunion war hier im Ort nur eine von 13 Synagogen geöffnet. Nach dem Fall der Sowejtunion haben wir hier vieles erneuert, das religiöse Leben revitalisiert. Regelmäßig predigen bei uns sogar nun Rabbiner aus Israel.“

Insgesamt leben in Aserbaidschan rund 30.000 Juden, die sich in drei Gruppen unterteilen lassen: Bergjuden, aschkenasische Juden europäischer Herkunft, georgische Juden. Rund zwei Drittel der aserbaidschnaischen Juden leben in der Hauptstadt Baku. Neben den Juden gibt es noch eine etwas größere Gruppe Christen im Land. Mit 96 Prozent der aserbaidschanischen Bevökerung stellen Muslime die überwiegende Mehrheit.

Neu renoviert: Synagoge in „Qırmızı Qəsəbə“

Religiöse Toleranz – Staatlich überwacht

Um die unterschiedlichen religiösen Gruppierungen im Land sowohl zu beobachten, wie auch die religiöse Freiheit im Land zu garantieren gibt es seit dem Jahr 2001 das Kommittees für Religiöse Angelegenheiten. Nicat Mammadli ist der Leiter der Internationalen Abteilung: „In Quba ist das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen so gut, dass sie sich während der unterschiedlichen Feiertage gegenseitig besuchen. Das geht von den Menschen aus, da steht keine organisierte Staatsgewalt dahinter.“

Nicat Mammadli: Stolz auf religiöse Toleranz

Mammadli ist es wichtig zu betonen, dass diese religiöse Toleranz nicht auf Quba beschränkt bleibt: „In Aserbaidschan gibt es 793 registrierte religiöse Gruppierungen, 28 davon sind nicht-muslimisch, 17 davon christliche Gemeinden. Es gibt keine nennenswerten Probleme zwischen den Gruppierungen.“

Die lockere Haltung der muslimischen Mehrheitgesellschaft zur Religion ist im Alltag spürbar: Frauen mit Kopftücher sind selten zu sehen, Alkohol – gerade Wodka – wird viel getrunken und der Muezzin ist nur vereinzelt zu hören. Das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup listet Aserbaidschan als eines der am wenigsten religiösen Länder weltweit. In mehreren Umfragen zeigen die Autoren der Studien, dass nur etwas mehr als ein Drittel der Aserbaidschaner ihren Glauben auch tatsächlich praktzieren.

Bergjuden ziehen weg

Die Bergjuden blicken zurück auf eine lange Geschichte: Ihre Vorfahren lassen sich schon zu frühchristlichen Zeiten in den Bergregionen des Kaukasus nieder. In Quba wohnt ein Teil von ihnen seit Mitte des 18. Jahrundert, durch eine Brücke über den Fluss Kuydal sind sie mit dem Rest der Stadt verbunden.

Nuri Naftaliyev (rechts): Revitalisierung des jüdischen Lebens nach dem Fall der Sowjetunion

In den letzten Jahren ist ihre Verwurzelung jedoch etwas ins Rutschen geraten. Trotz religiöser Freiheiten und des viel beschworenen harmonischen Miteinanders wandern immer mehr Bergjuden aus – in die USA, nach Russland. Die überwiegend größte Gruppe geht nach Israel, rund 50.000 Bergjuden wohnen inzwischen dort.

Nuri Naftaliyev, der Gemeindevorsitzende in Quba, mit einer Analyse: „Die meisten jungen Leute sind ins Ausland gegangen um dort zu arbeiten. Das heißt, dass die meisten Leute, die hier wohnen, alt sind oder nicht arbeiten.“ Der 58-Jährige versucht dennoch die Sache positiv zu sehen: „Immerhin kommen alle in den Sommermonaten zurück. Dann kommen so viele Leute zu den Gottesdiensten, dass die Synagoge aus allen Nähten platzt und wir in eine größere Synagoge umziehen müssen.“

Den Rest des Jahres ist allerdings rund um die neu renovierten Häuser in Quba wohl nicht nur am Sabbat ein bisschen tote Hose: Von ursprünglich 18.000 Menschen jüdischen Glaubens sind heute nur knapp 4000 übrig – im letzten Schtetl außerhalb Israels.

Im Sommer zu klein: Renovierte Synagoge

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