Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Francis Văn Hội, Gründer und Leiter der Gastronomieschule An Rê Mai Sen

Ich sitze im Büro von Francis Văn Hội, Gründer der Gastronomieschule An Rê Mai Sen, und lausche gebannt seiner Lebensgeschichte.

Der charismatische Vietnamese, den seine Schüler achtungsvoll „Bố Francis“ („Vater Francis“) nennen, hat die Aura und das Aussehen eines chinesischen Zen-Mönchs – Glatze, langer Ziegenbart, weißes Gewand und Brille. In seiner Stimme höre ich eine Mischung aus Ernsthaftigkeit, (Für-)Sorge und Lebenserfahrung.

In den letzten vier Jahren hat Francis fast jede Minute in seiner Gastronomieschule in Ho-Chi-Minh-Stadt (HCMS) verbracht, in der er zur Zeit 125 junge Vietnamesen aus sozial benachteiligten Familien zu Köchen und Restaurantfachkräften und Bäckern nach dem deutschen dualen System ausbildet. Francis würde gerne noch mehr Lehrlinge aufnehmen, doch das Ausbildungszentrum platzt aus allen Nähten: Eigentlich liegt die Kapazität bei insgesamt 60 Lehrlingen – momentan sind es mehr als doppelt so viele. Über 300 Anträge muss Francis jedes Jahr ablehnen.

„Vor allem bei den Mädchen tut es mir weh“, erzählt er wehmütig. Ohne Job würden viele von ihnen auf dem Land sehr jung heiraten. Und sobald sie bei der Familie ihres Ehemanns leben, ist es mit der Karriere und einem selbstbestimmten Leben vorbei, sagt er. Dann zähle nur noch der Haushalt und die Erziehung der Kinder.

„Vater Francis“ mit sieben seiner „Apostel“

Ich besuche das Ausbildungszentrum An Rê Mai Sen, das Francis nach seinem Lehrmeister Pater Andrej Majcen benannt hat, zusammen mit einer 13-köpfigen Reisegruppe der Freundschaftsgesellschaft Vietnam. Bei unserem Besuch gibt es Wiener Würstchen, Krautsalat und deutsches Graubrot.

Die überaus mundende Mahlzeit nehmen wir in dem der Öffentlichkeit zugänglichen Bistro zu uns. Die Azubis bedienen uns. Auf der Speisekarte stehen überwiegend europäische Gerichte, außerdem wird das hauseigene Brot verkauft. Das Bistro ist Teil der 1300 Quadratmeter kleinen Schule, die die katholische Kirche Francis für 2,000 Euro im Monat zur Verfügung stellt.

Weitere Praxiserfahrung sammeln die Lehrlinge, von denen etwas 40 Prozent katholisch sind (gefolgt von Buddhisten, Atheisten und Muslimen), durch Praktika in Fünf-Sterne-Hotels und Event-Catering. Das Resultat kann sich sehen lassen, vor allem im Vergleich zu den meisten Restaurants, Hotels und Bars, die ich bis jetzt besucht habe. Die Auszubildenden können überdurchschnittlich gut Englisch, sind zuvorkommend ohne ihre Gäste zu bevormunden (das erlebe ich immer wieder) und kennen die Speisekarte auswendig. Kurzum: Sie beherrschen ihr Handwerk.

Pro Jahr beginnen 45 Jugendliche die dreijährige duale Ausbildung nach deutschem IHK-Standard. Die Lehrerschaft besteht aus Freiwilligen, Gastdozenten, zwei vietnamesischen Teilzeit- und einem Vollzeitlehrer und einem Restaurantmeister aus Deutschland. Francis selbst ist An Rê Mai Sens Kuchenmeister.

Als Bootsflüchtling nach Deutschland

Francis Geschichte ist faszinierend und bewegend zugleich. Nachdem er auf Seiten der Amerikaner im Vietnamkrieg kämpfte („Sie haben uns an die Kommunisten verkauft“), schicken seine Eltern den damals 22-jährigen im Sommer 1975 auf einem Schiff nach Thailand. In einem Lager an der Grenze zu Kambodscha wartet er unter menschenunwürdigen Bedingungen auf die Genehmigung eines Ausreise-Visums.

„Ich wollte unbedingt nach Deutschland,“ sagt er, vor allem weil er als Student dank des Goethe-Instituts viele Berichte über Deutschland gelesen hatte. Nach drei Monaten Gefangenschaft gelang Francis die Flucht nach Bangkok, wo er fast ein Jahr lang in einem Waisenhaus arbeitete.

Völkerdiplomatie – Francis mit Dr. Nguyen Huu Thien (Vietnamesisch-Deutsche Freundschaftsgesellschaft) und Wolfgang Repp (Freundschaftsgesellschaft Vietnam)

Im Januar 1976 kam er endlich nach Deutschland, das zwei Jahre später sein politisches Asyl als Heimatloser anerkannte. Die ersten zweieinhalb Jahre hielt er sich in München als Tellerwäscher über Wasser. Als er nach langem Warten endlich eine Arbeitsgenehmigung bekam, machte er eine Ausbildung zum Koch, die ihn stark geprägt habe, wie er sagt. Später wurde er erfolgreicher Gastronom in der bayerischen Hauptstadt und startete dort 1995 ein Im- und Exportgeschäft für Lebensmittel.

Francis, der acht Geschwister hat von denen heute fünf in San Francisco leben, sagt er habe er sich insgesamt sehr wohl in Deutschland gefühlt – trotz Attacken von Rechtsradikalen in den 1980er und 90ern. „Wir Vietnamesen wurden in Deutschland sehr schnell akzeptiert und in die Gesellschaft integriert“, sagt er überzeugt. Aber seiner Familie entrissen zu werden und sie über Jahrzehnte nicht wiederzusehen beschreibt er als grausam.

„Man hatte keine Hoffnung mehr, irgendwann in die Heimat zurückzukehren und die Eltern und Geschwister wieder zu treffen.“

In München lernte Francis auch seine heutige Frau kennen, die wie er als Bootsflüchtling nach Deutschland kam. „Die Einsamkeit und Schwierigkeiten zu teilen war sehr wichtig“, sagt er freimütig. Mit ihr hat Francis drei erwachsene Kinder.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs beantragte Francis sofort ein Visum, um seine Familie in Vietnam wiederzusehen. Für seinen Vater, ein südvietnamesischer Offizier der 1987 kurz nach einem langen Gefängnisaufenthalt starb, kam die Rückkehr allerdings zu spät. „Ich habe damals ein ganz kleines Telegramm von meinem Onkel bekommen, auf dem stand: ‘Papa ist gestorben’“. Francis Mutter, die bei seiner Ankunft 1991 noch lebte, starb kurz danach im Alter von 63 Jahren.

Ein schwieriger Neuanfang

Seiner Heimat ganz den Rücken zu kehren – das kam für Francis nie in Frage. „Ich liebe meine Heimat, ich muss sie mit aufbauen“, sagt der gläubige Christ. „Jeder muss mit anpacken, so wie in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg.“ 2009, nach mehr als 33 Jahren in München, war es schließlich so weit.

Francis nennt seine Rückkehr seine Berufung. Doch wie genau er seiner Heimat helfen würde, war am Anfang alles andere als klar, zumal er sie zunächst kaum wieder erkannte. Drei Jahre brauchte er um das Land seiner Väter neu kennenzulernen.

„Das Vietnam von 1975 gab es nicht mehr“, erinnert er sich. „Straßen, Häuser, aber vor allem die Menschen waren ganz anders. Sie waren ganz traurig, egoistisch und gefühllos.“

Seine ersten beiden Projekte, eine Schule für behinderte Kinder und eine für Leprakranke in Nordvietnam, stießen auf wenig Gegenliebe. „Die Regierung zweifelte an meiner Heimatliebe. Sie hatte Angst, dass ich eine politische Revolution im Sinn hatte“, glaubt er.

Gegenwind der Regierung, Unverständnis und Abwendung von deutschen Freunden, die große Distanz zu seiner Familie und wenig Unterstützung – keiner dieser Widerstände konnte Francis von seinem Ziel abbringen. Vor sieben Jahre hatte er schließlich die Idee, sein Know-how aus Deutschland in sein Heimatland zu importieren. Aber erst 2014, also fünf Jahre nach seiner Rückkehr, konnte er seine Pläne für eine Gastronomieschule in die Tat umsetzen.

Ein Mann, eine Vision – Francis vor einem Misereor-Plakat in der Gastronomieschule An Rê Mai Sen in Saigon

Im ersten Jahr war An Rê Mai Sen eine One-Man-Show: Francis war Lehrer, Koch und Bezugsperson in einem – für 46 Lehrlinge. Erst 2015 schickte Misereor einen Restaurantfachmann aus Deutschland. Nach und nach wurde die Schule bekannter, gewann die Anerkennung der hiesigen Gastronomie und wurde von deutscher Seite zertifiziert. Der vietnamesische Staat hat allerdings bis heute nicht nachgezogen. „Wenn ich die Regierung mit ins Boot hole, muss ich nach ihrem Programm tanzen. Das will ich nicht“, sagt Francis selbstbewusst.

Die Belohnung für die Strapazen kam nach drei Jahren, als die ersten Lehrlinge die Abschlussprüfung bestanden, abgenommen durch die deutsche Außenhandelskammer (AHK) in Saigon. „Das war für mich der Beweis: Meine Theorie funktioniert, mein Projekt ist machbar“, sagt Francis nicht ohne Stolz.

Berufliche Ausbildung bei deutschen Firmen in Vietnam

Ausgebildete Fachkräfte sind Mangelware in Vietnam. Angesichts des Tourismus-Booms suchen etablierte Hotels händeringend nach selbstständigen, erfahrenen Servicekräften. Und der Gastronomiebereich ist keine Ausnahme: Auch in anderen Bereichen von Vietnams rasant wachsender Wirtschaft fehlen solide ausgebildete Facharbeiter. Das vietnamesische Ausbildungssystem konnte mit der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre nicht Schritt halten.

Laut der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GiZ) verfügen derzeit nur etwa 27 Prozent der Beschäftigten über eine ihrer Tätigkeit entsprechende Ausbildung. Und nur 15 Prozent haben eine formale Berufsausbildung durchlaufen.

Die berufliche Ausbildung hat in Vietnam ein gewaltiges Imageproblem. Das liegt vor allem am hohen Stellenwert der universitären Bildung im konfuzianisch geprägten Vietnam. Wer etwas auf sich hält, absolviert ein Hochschulstudium. Die berufliche Bildung hingegen hat einen viel niedrigeren Status in der Gesellschaft – sie gilt gemeinhin als Bildung zweiter Klasse. Ein Beruf, bei dem man sich die Hände schmutzig macht, ist nicht so erstrebenswert wie ein Bürojob. Dementsprechend lässt die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen im Handwerk zu wünschen übrig.

Ein weiterer Grund ist, dass Vietnams Wirtschaft traditionell nichts mit der Berufsausbildung zu tun hat: Es gibt zwar Berufsschulen, aber für die theorielastige Ausbildung müssen Vietnamesen zahlen. Einen Beruf erlernen Vietnamesen meist „on the job“, sprich: Neue Angestellte müssen erstmal ein paar Monate lang (an)trainiert werden.

Mechatronik-Lehrling Nguyen Quoc Dinh an seiner Maschine im TGA (Technisch Gewerbliche Ausbildung) Zentrum in der Dong Nai Provinz

An Rê Mai Sen ist nicht die einzige Initiative, die in Vietnam nach deutschem Vorbild dual ausbildet. Das Technologie- und Dienstleistungsunternehmen Bosch, das bereits seit 1994 in Vietnam aktiv ist, machte 2013 den Anfang. Seitdem haben mehr als 100 junge Vietnamesinnen und Vietnamesen die dreieinhalbjährige Ausbildung zum Industriemechaniker begonnen. Das Programm, das in Kooperation mit der AHK und dem nordwestlich von Saigon gelegenen Kompetenzzentrum für berufliche Bildung LILAMA 2 läuft, bietet Absolventen eine Doppelzertifizierung.

Auch der baden-württembergische Mittelständler Groz-Beckert, der in der Nähe von Da Nang Maschinennadeln herstellt, das deutsches Pharma- und Medizinbedarfs-Unternehmen B. Braun und das Chemieunternehmen Messer Gas bilden vietnamesische Jugendliche dual aus – allerdings ausschließlich für den eigenen Bedarf.

Marko Walde, Geschäftsführer der AHK in Vietnam, hat in in den letzten sechs Jahren ein gesteigertes Interesse von Seiten der Regierung am Thema Berufsausbildung beobachtet.

„Mit ausländischen Investoren kam langsam das Bewusstsein, dass es eine moderne Industrieproduktion ohne entsprechend ausgebildete Fachkräfte und Techniker nicht geben kann“, erzählt mir Walde bei einem Treffen im Januar in HCMS.

Bei der Implementierung gibt es allerdings nach wie vor große Hürden, was mir Walde am Beispiel eines Pilotprojekts mit Bosch erklärt. Eltern, Lehrer und Jugendliche waren zunächst sehr skeptisch, weil laut der vorherrschenden Meinung Bildung eine Investition erfordert. Also wandte Bosch einen Trick an: Anstatt die Azubis als Praktikanten anzustellen, die in Vietnam traditionell nichts verdienen, machte Bosch sie zu festen Mitarbeitern und zahlte ihnen den staatlichen Mindestlohn.

Große Nachfrage nach Francis „Aposteln“

Francis‘ Schülerinnen und Schüler, die er auch „meine Apostel“ nennt, werden zwar nicht entlohnt, erhalten aber Verpflegung und schlafen in Unterkünften unweit des Ausbildungszentrums. So werden sie nicht zu einer finanziellen Last für ihre Familien, die alle ein sogenanntes Armutszeugnis besitzen. Das bedeutet, dass sie nicht mehr als 25 US-Dollar im Monat verdienen. Das ist eine Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz bei An Rê Mai Sen.

In der Backstube mit zwei Gastdozenten aus Deutschland

Die Nachfrage nach den Lehrlingen ist groß, sagt Francis, der selber in Armut aufgewachsen ist. Neben der fundierten Ausbildung, der praktischen Erfahrung und den Englischkenntnissen schätzen Unternehmen vor allem ihr strukturiertes Arbeitsverhalten, ihr Organisationstalent und ihre Selbstständigkeit. Außerdem legt Francis großen Wert darauf, das Verantwortungsbewusstsein der Lehrlinge zu fördern – für sich selbst, ihre Firmen, ihre Familien – und die Gesellschaft. Im Unterricht geht es zum Beispiel darum, warum Diebstahl und Bereicherung sich nicht lohnen und wie man selbst zu einer „gesunden sozialen Arbeitsumgebung“ beitragen kann.

„Betriebe haben Vertrauen zu meinen Lehrlingen“, ist sich Francis gewiss. „Sie sagen: ‘Bei diesen Angestellten können wir ruhig schlafen.’“ Francis erhält sogar Briefe von Firmen, in denen sie die Unterschiede zu „normalen“ Mitarbeitern betonen.

Im Bistro gibt es auch hervorragende Blaubeer-Smoothies und allerlei Gebäck

Das Vertrauen zu Angestellten ist nicht gerade groß in Vietnam. Sowohl vietnamesische als auch deutsche Firmen bemängeln in Gesprächen die hohe Fluktuation von Arbeitern, einen Mangel an Weitsicht, wenig Eigeninitiative und Unterschlagung. Angesichts der geringen Löhne (vor allem bei vietnamesischen Unternehmen) und des vorherrschenden Pragmatismus ist es mit Loyalität nicht weit her: Ein paar Euro mehr pro Woche sind oft Grund genug, um (oft unangekündigt) den Arbeitgeber zu wechseln – auch wenn die Karrierechancen beim alten Unternehmen auf lange Sicht besser waren.

Viele vietnamesische Unternehmer berichten mir zudem, dass sie sich angesichts des drohenden Kontrollverlusts nach allen Seiten hin versuchen abzusichern. Das führt unter anderem dazu, dass Restaurantbesitzer und andere Geschäftsleute meist nicht mehr als eine oder zwei Filialen haben.

Obwohl Francis und andere Gesprächspartner ein langsames Umdenken in der Gesellschaft, der Regierung und der Industrie beobachten, sind Fachberufe noch immer viel weniger wert als ein Studium. „Firmen müssen gesetzlich verpflichtet werden, mit Berufsschulen zusammenzuarbeiten“, sagt Francis. „Die Lehrlinge sollen sich nicht schämen, eine Berufsschule zu besuchen.“

Ein Schritt in diese Richtung ist das 2015 in Kraft getretene Berufsbildungsgesetz, das erstmals die Verantwortung der Unternehmen für eine bedarfsgerechte Ausbildung anspricht. Und mit dem Prestigeprojekt VinFast, das ab diesem Jahr elektrische Scooter und Autos herstellen soll, unterschrieb die AHK Ende 2017 den ersten Kooperationsvertrag mit einem vietnamesischen Unternehmen über ein duales Ausbildungsprogramm.

Das VinFast-Gelände unweit von Hai Phong, der drittgrößten Stadt Vietnams

Francis Vision für Vietnam

10 Lehrlinge des ersten Jahrgangs sind Francis treu geblieben und unterrichten jetzt selbst bei An Rê Mai Sen. Ihnen genauso viel zu zahlen wie sie in der freien Wirtschaft verdienen würden, ist eine große Herausforderung für Francis.

Deshalb verbringt er die meiste Zeit mit der Eintreibung von Spenden, die nach wie vor den Großteil der Einnahmen ausmachen. Francis bezeichnet sich selbst als „professioneller Bettler“. Unterstützung kommt seit Jahren vom Hilfswerk Deutscher Zahnärzte (HDZ), Misereor und der Don Bosco Mission Bonn. Privatspenden aus Deutschland sind seit der Flüchtlingswelle 2015/16 weniger geworden, sagt Francis. Die Einnahmen eines zweiten Restaurants sollen ab diesem Jahr bei der Finanzierung der Gehälter der ehemaligen Lehrlinge helfen.

Zwei dieser Ehemaligen werden demnächst bei der Hamburger Restaurantbesitzerin und Fernsehköchin Cornelia Poletto eine Fortbildung machen – allerdings stehen die Visa auf der Kippe. Wenn alles gut geht, werden sie nach drei Monaten nach Vietnam zurückkehren und ihre Kenntnisse an Azubis weitergeben.

Nguyễn Công Tiến Khanh (Koch) und Phan Công Minh (Restaurantfachmann) warten auf ihre Visa

Auch in Hannover sollen bald zwei vietnamesische Lehrlinge für eine Weile unterkommen, unterstützt durch eine Bäckerei und die städtische Berufsschule. Von der kommen schon länger pensionierte Lehrer nach HCMS um Francis unentgeltlich zu unterstützen.

Weiterhin ist eine Meisterschule und die schrittweise Erweiterung des Ausbildungszentrums geplant. Francis hofft, dass über die Jahre ein landesweites Netzwerk von Bäckereien, Restaurants und Hotels entsteht, bei denen Absolventen arbeiten und die besten Lehrlinge vor Ort rekrutieren. Gleichzeitig sollen Azubis in den Betrieben Praktika machen.

Francis Frau unterstützt seine Mission („seelisch und sachlich“) aus der Ferne so gut sie kann. Aber nach Vietnam ziehen wird sie wegen des Lebensmittelgeschäfts sowie der Kinder und Enkelkinder nicht.

Vorkämpfer für ein gerechteres Vietnam

Francis ist der Meinung, dass die Regierung keine faire soziale Umgebung für die Bevölkerung schafft. Vor allem auf dem Land, wo die meisten Lehrlinge herkommen, sind Bildungseinrichtungen, die ärztliche Versorgung und andere wichtige Bereiche oft in katastrophalem Zustand. Francis schätzt, dass ländliche Gegenden in seiner Heimat einen Entwicklungsstand wie in Thailand vor 20 Jahren haben.

In der beruflichen Ausbildung sieht Francis den größten Hebel, um das zu ändern. In der Tat würden die 13,5 Prozent der Vietnamesen, die unter der Armutsgrenze leben, von einem flächendeckenden Ausbildungssystem mit Verdienst von Anfang an besonders stark profitieren. Aber davon ist Vietnam meilenweit entfernt.

„Die ehemaligen Parteifunktionäre leben in Reichtum und schaffen eine neue Armut“, erzählt mir Francis. „Wir Vietnamesen müssen nicht in Armut leben. Unser Boden ist fruchtbar, wir sind intelligent, wir haben gegen Amerika gewonnen – warum können wir nicht die Armut besiegen?“

Aus eigener Erfahrung weiß Francis wie weit und steinig der Weg zu großen Zielen ist. In 30 bis 40 Jahren, so seine Hoffnung, wird kein Vietnamese mehr in Armut leben und die gleichen Aufstiegschancen haben.

An Rê Mai Sen finanziert sich hauptsächlich durch Spenden, die stets willkommen sind

Wie alt er genau ist, weiß Francis selbst nicht. Er wuchs in Kinderheimen auf und besitzt keine Geburtsurkunde. 68 ist seine beste Schätzung. Auf jeden Fall will er sein ungeheures Arbeitspensum durchhalten solange sein Körper durchhält. Aber er gibt zu, dass die Strapazen der letzten 10 Jahre nicht spurlos an ihm vorbei gegangen sind.

„Ich muss schauen, wie es mir in 10 Jahren geistig und körperlich geht“, sagt er, sichtlich besorgt. „Wenn die Gesundheit mitmacht, werde ich hier sterben.“

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