Ich komme am Sonntagabend in der Dämmerung nach Hause. Das Wochenende habe ich im Nachbarland Uganda auf einer Art Campingplatz an einem Badesee verbracht – mit vielen Mücken, einem Loch im Boden statt einer Toilette und einem Fass über einem ausgehöhlten Baumstamm im Wald als Badezimmer. Wunderschön war es dort, aber auch kühl. Jetzt bin ich zurück in der Zivilisation – in Ruandas Hauptstadt Kigali – und freue mich auf eine warme Dusche in dem Haus, in dem ich für meinen sechswöchigen Aufenthalt ein Zimmer gemietet habe. Ich schließe die Tür auf, stelle meinen Rucksack ab, und drücke auf den Lichtschalter. Nichts passiert. Stromausfall.

Das „Badezimmer“ meiner Unterkunft am Badesee in Uganda.

Ich erlebe nicht zum ersten Mal, dass in meinem Viertel der Strom ausfällt – aber zum ersten Mal nach Einbruch der Dämmerung. Schnell hole ich mir ein paar Klamotten und springe unter die Dusche, bevor es draußen ganz dunkel wird und ich kein Licht mehr habe. Die Dusche ist jetzt natürlich kalt, denn für warmes Wasser müsste der strombetriebene Boiler laufen.

Nach dem Duschen schalte ich die Taschenlampe meines halb-leeren Handys an und tappe in die Küche. Dort öffne ich das Gefrierfach und leuchte ins Dunkle. Die Lebensmittel darin sind schon angetaut. Ich nehme eine Dose Nudeln mit Tomatensoße heraus, die ich vor einigen Tagen eingefroren hatte. Dann fällt mir ein, dass ich nicht die Mikrowelle benutzen kann, um sie aufzutauen. Es dauert einige Minuten, bis mir wieder einfällt, dass das Haus einen Gasherd hat. Was für ein Glück!

Nach dem Essen gehe ich ins Bad und putze mir die Zähne. Es ist erst halb sieben, aber was soll ich ohne Licht und Strom schon anderes machen, als ins Bett zu gehen? Meine Handy-Taschenlampe wird nicht mehr lange halten. Ich kann kein Buch lesen, nichts schreiben oder Tippen, keine E-Mails checken, nicht fernsehen.

Während ich mir meiner Lage bewusst werde, höre ich auf einmal Musik. Musik? Ich blicke aus dem Fenster. Das Außenlicht an der Hauswand leuchtet. Ich drücke auf den Lichtschalter im Bad. Die Lampe geht an. Hallelujah! Gelobt sei das Licht! Der Strom ist zurück!

Eindringlicher als alles, was ich bisher gelesen und gesehen habe, hat mir diese Erfahrung klar gemacht, was es bedeutet, ohne Strom zu leben. So wie es mehr als die Hälfte aller Ruander es bis heute tut. In der vergangenen Woche habe ich mir angesehen, wie in Ruanda erneuerbare Energie produziert wird. Ich war an einem kleinen Wasserkraftwerk nahe der Grenze zum Kongo und habe gesehen, wie zwei Flüsschen zusammengeführt und einen Berg hinabgeleitet werden, um eine Turbine anzutreiben.

Um ein Wasserkraftwerk im Westen Ruandas zu betreiben, werden zwei kleine Flüsse zusammengeführt.

Und ich war bei einem riesengroßen Solarpark, den ein israelischer Unternehmer hat bauen lassen, und der fünf Prozent der ruandischen Stromzufuhr liefert. Beide Male haben mir meine Begleiter erzählt, wie wichtig diese Stromproduktion für das Land ist.

Fünf Prozent des ruandischen Stroms kommen von einem riesigen Solarfeld nahe Kigali.

So richtig greifbar war die Bedeutung des Stromes bei beiden Besuchen nicht. Nicht einmal, als ich in einige Dörfer fuhr, in denen durch kleine Solarzellen Mini-Stromnetze aufgebaut worden waren. Dort sprach ich mit Menschen, die vor kurzem zum ersten Mal in ihrem Leben Strom bekommen hatten. Sie präsentierten mir einzelne, nackte Glühbirnen an den Decken ihrer Lehmhütten und deren schwachen Schein, wenn sie sie einschalteten. Sie zeigten mir, wie sie ihre Handys laden und ein Radio anschließen konnten. Eine Näherei betrieb nun ein elektrisches Bügeleisen, ein Friseur einen Föhn.

Dank Solarpanels auf dem Dach können diese Frauen jetzt mit Strom bügeln.

Trotz allem erschien mir der Unterschied, den dieser Strom für die Menschen machte, nicht so gigantisch. Sie kochten nach wie vor auf Feuerstellen, besaßen nach wie vor keine Kühlschränke, keine Fernseher oder Computer und erst recht keine Mikrowellen oder Waschmaschinen. Es brauchte erst den Vorfall in meinem Haus in Kigali am Sonntagabend, damit mir bewusst wurde, was allein Licht für einen Unterschied machen kann. Und wie abhängig Menschen wie ich vom Strom sind. Wir haben keine Petroleum-Lampen, keine Waschschüsseln, wenig haltbare Lebensmittel und oftmals einen Elektro-Herd. Wenn in Ruanda mal für längere Zeit der Strom ausfiele, dann wüssten sich die Menschen in den Dörfern problemlos zu helfen – und die Reichen in der Hauptstadt hätten ein echtes Problem.

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